Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 3 1. April 2026

›Rüstungsgüter herstellen? Ohne uns!‹
Interview mit Lars Hirsekorn

Mit dem Betriebsrat Lars Hirsekorn aus dem VW-Werk Braunschweig sprach Gerhard Klas.

Die Schlagzeilen überschlagen sich: 50.000 Stellen sollen im Konzern wegfallen. Wie ist die Stimmung im Werk?

Schlecht. Aber nicht wegen der 50.000, die von den Medien hervorgehoben wurden. Diese Zahl ist für uns nicht neu, es ist die Summe aller Arbeitsplätze, die wegfallen sollen, wenn man Porsche und Audi mit einbezieht. Bei VW selbst bleibt es bei den 35.000 Stellen, die schon seit der letzten Tarifrunde bekannt sind. Doch die Stimmung ist trotzdem schlecht, weil schon wieder eine Krise herbeigeredet und Druck erzeugt wird.

44 Prozent Gewinneinbruch hören sich dennoch dramatisch an?

Wir reden immer noch von mehr als sechs Milliarden Euro Gewinn, die unter dem Strich übrig bleiben.
Der Einbruch mag für die Aktionäre dramatisch sein, für die Beschäftigten erst mal nicht. Trotzdem schreiben alle von einer riesigen Schieflage – auch viele linke Medien. Dabei muss man nur eine Vergleichszahl heranziehen: BYD, der größte Elektroautohersteller der Welt aus China, hat gerade mal eine Milliarde Gewinn gemacht. Niemand würde deshalb sagen, dass BYD in der Krise ist.
Das VW-Management hat ein klares Interesse daran, die Lage schlechter zu rechnen, als sie ist. Das passiert ja immer wieder. Mit dem Aus für das Verbrenner-Aus, das die Bundesregierung beschlossen hat, stellt allein Porsche fünf Milliarden Euro zurück, weil die Verbrennerfertigung wieder ausgebaut werden soll. Die stehen auch in den Büchern, werden aber nicht als Gewinn ausgewiesen.

Ist die Krise also nur herbeigeredet?

Nicht der Gewinneinbruch ist entscheidend, sondern andere Faktoren: ie US-Zölle haben den Audi- und Porsche-Absatz einbrechen lassen.
Zweitens: Der einflussreiche Wolfgang Porsche, VW-Großaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender bei Porsche, torpediert die Elektrostrategie massiv. Er will Porsche-Verbrenner bauen, koste es, was es wolle. Jetzt muss der Konzern doppelt bauen – Verbrenner und Elektro parallel. Das erzeugt enorme Planungs- und Entwicklungskosten. Das ist im Endeffekt eine Art Quersubventionierung vom VW-Konzern zu Porsche.
Mit dem Krisengerede sollen vor ­allem weitere Sparvorhaben bei den Beschäftigten eingeleitet und staatliche Subventionen abgesahnt werden. Auch die IG Metall sagt ja permanent: Fördert unsere Industrie und senkt die Strompreise. Als hätten unsere Milliardäre nicht schon mehr als genug.

Sind neben Osnabrück und Dresden weitere Werkschließungen in der Diskussion?

Darüber wird hauptsächlich in der Presse spekuliert, es soll offensichtlich Angst geschürt werden.
Als ein Mittel zum Gegensteuern gilt heute die Konversion zu Rüstungsprodukten. Dafür hat sich auch Daniela Cavallo, VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende, öffentlich ausgesprochen. Und in Osnabrück, einem Werk, das für die zivile Autoproduktion ab Mitte 2027 keine Rolle mehr spielen soll, wurde jetzt der Prototyp von Amaroc präsentiert, ein Hightech-Geländewagen fürs Militär, den VW gerne verkaufen möchte.
Der ist nicht in zwei Wochen entworfen worden. Im Aufsichtsrat wird die Konversion zu Rüstungsprodukten schon mindestens seit einem Jahr als Alternative zu Werkschließungen diskutiert. Genau das ist die Logik – nicht Arbeitszeitreduzierung und Umstellung auf nachhaltige Produkte. Für die Produktion von Rüstungsgütern muss man die Belegschaften weich klopfen, damit sie es akzeptieren. Die aktuelle Krisendebatte dient auch diesem Zweck.

Wie reagieren die Kolleginnen und Kollegen?

Es gibt schon einige, die dafür offen sind. Sie sind ja auch ständig dem Trommelfeuer in den Medien ausgesetzt: Angeblich müssen wir dramatisch aufrüsten, um uns zu schützen. Auch einige Kolleg:innen sagen: Bevor ich arbeitslos werde, bauen wir Rüstung.
Wir haben nun bei VW aus der Belegschaft heraus – unter anderem Vertrauensleute und Betriebsräte aus Braunschweig, Salzgitter, Kassel, Dresden und Wolfsburg – eine Petition gegen die Rüstungsproduktion gestartet, die sich an dem Aufruf der Kölner Vollversammlung der IG-Metall-Vertrauensleute bei Ford orientiert.

Die Gewerkschaftssekretäre der IG Metall in Köln haben auf den Aufruf ihrer Mitglieder bei Ford gar nicht reagiert. Überrascht dich das?

Nein. Die gewerkschaftlichen Strukturen halten sich bedeckt und sagen: Wir nehmen alles, was an Arbeitsplätzen kommt, auch wenn es Rüstung ist. Es gibt nur sehr wenige Hauptamtliche, die sich da noch öffentlich kritisch äußern. Etwa Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Mitglied des Hauptvorstands.

Wie überzeugt man Kolleg:innen, eine andere Position einzunehmen?

Das ist mühsam, es erfordert viel Diskussion. Überleg mal, wer dabei gewinnt. Wenn wir hier Rüstung produzieren, sichern wir vielleicht einen von zwei Arbeitsplätzen. Aber dafür opfere ich mein Kind. Und das ist keine Übertreibung: So wie die Politik im Moment betrieben und das Völkerrecht mit Füßen getreten wird, steuern wir auf einen großen Krieg zu. Wenn mein Arbeitsplatz davon abhängt, dass ich Waffen baue, dann ist die Konsequenz, dass ich meinen Sohn in den Schützengraben schicken muss. Das sollte man sich ernsthaft überlegen.

Gibt es denn Alternativen – was können Automobilarbeiter stattdessen produzieren?

Die Alternativen sind weiter weggerückt als je zuvor, aber genau deshalb müssen wir sie diskutieren. Wir wollen diese Rüstung nicht, auch keine Verbrenner oder Massenproduktion von E-Autos. Aber was wollen wir stattdessen? Wir wollen, dass der Staat den öffentlichen Verkehr ausbaut. Dreißig Jahre lang hat man nicht investiert, einen riesigen Sanierungsstau aufgebaut. Allein die Deutsche Bahn zeigt, was das bedeutet: unfassbar viel Arbeit, unfassbar viel Kapital für Investitionen wäre nötig. Gleichzeitig wird der Schienengüterverkehr immer weiter eingeschränkt und alles auf die Straße verlagert. Das ist absurd.
Das Geld dafür wäre da: Wir haben in Deutschland 172 Milliardäre – Platz 4 weltweit, relativ zur Einwohnerzahl mehr als jedes andere Land. Die sind hier, weil es für sie unglaublich günstig ist und sie so gut wie keine Steuern zahlen müssen.

Was müssten die Beschäftigten konkret tun, damit der öffentliche Verkehr eine politische Priorität wird und es nicht zu einer Rolle rückwärts kommt?

Dasselbe wie der Rest der Gesellschaft: öffentlich Stellung beziehen, diskutieren, eine Meinung vertreten. Wenn Autoarbeiter sagen, wir können auch was anderes bauen als Autos, schaut die Presse hin. Wenn die Gesellschaft aber keine Busse und Bahnen bestellt, brauchen wir sie auch nicht zu bauen. Es braucht Investitionen und eine politische Entscheidung. Und die ist im Moment weit weg.
Gleichzeitig öffnen sich Räume für neue Debatten. Ob wir sie nutzen, ist eine andere Frage. Aber das ist enorm wichtig. Einen kommenden Krieg wird man nur stoppen können über die Belegschaften in den Industrien. Das ist die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg. Die Belegschaften in den Rüstungsbetrieben haben beim Januarstreik 1918 eine entscheidende Rolle gespielt und das Ende des Weltkrieges mit eingeläutet. Schüler:innen werden es nicht alleine schaffen. Studierende auch nicht. Und die Kolleg:innen im öffentlichen Dienst auch nicht.

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