Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Buch 1. April 2026

Der freie Markt ist nicht frei für alle
von Marina Hoffmann

Patrick Kaczmarczyk: Zerfall der Weltordnung. Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des globalen ­Südens. Neu-Isenburg: Westend, 2026. 224 S., 24 Euro

Am Ende des Zweiten Weltkriegs etablierten die Alliierten die aktuelle Weltordnung, nachdem die harten Auflagen des Versailler Vertrags und die Weltwirtschaftskrise zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland und damit zum Krieg und dem Tod von über 60 Millionen Menschen geführt hatte.

Im Bewusstsein, dass internationale Kooperation zu Stabilität führe, installierten sie Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Vereinten Nationen (UNO). Statt auf Kleinhaltung setzten sie auf Wachstum auf der ganzen Welt, um den Schrecken und die Armut des Krieges zu vergessen.
Inzwischen sind 193 Länder Mitglieder der UNO. In ihrer Charta ist festgehalten, dass sich Mitglieder zum Völkerrecht und zur Sicherung des Weltfriedens bekennen müssen. So dürfen sie beispielsweise keine Angriffskriege führen.
Der IWF wiederum beobachtet die weltwirtschaftlichen Entwicklungen auf globaler wie regionaler Ebene und gibt Empfehlungen aus, um Finanzkrisen zu vermeiden oder mit ihnen umzugehen. Außerdem kann der IWF Mitgliedstaaten durch Kredite unterstützen, wie in den 2010er Jahren mit Griechenland geschehen.
Das Wachstumsversprechen hielt bis in die 70er, dann brauchte es neue Wege für die Wirtschaft. Marktliberalisierungen durch konservative Neoliberale wie Margaret Thatcher oder Ronald Reagan ermöglichten weiteres Wachstum.
Der Markt bekam seine Freiheiten und wird immer freier. Was das heißt, sehen wir heute. Merz meint, wir müssen mehr arbeiten. Schulden, die zu Investitionen genutzt werden sollen, um das Wachstum zu sichern, sind schlecht und das Bewusstsein, dass internationale Zusammenarbeit Stabilität bringt, schwindet.
Auch das Völkerrecht verliert seine Bedeutung. Deutsche Politiker:innen unterstützen den Völkermord in Gaza, während sie Geflüchtete in Drittländer abschieben, und die EU plant Abschiebelager an ihren Außengrenzen. Aktuell bietet nur Spanien ein positives Beispiel: Seine Regierung hat geschätzt 500.000 Migrant:innen ohne Aufenthaltsstatus die Staatsbürgerschaft angeboten. Ab Mai 2026 sollen damit alle, die sich seit über fünf Monaten ohne Berechtigung im Land aufhalten, offiziell bleiben dürfen. Und das per königlichem Dekret. Fälle wie diese sind allerdings die Ausnahme in jüngster Zeit und Alleingänge. Internationale Solidarität findet selten statt. 
Staaten können nur gerecht miteinander interagieren, wenn sie wirtschaftlich zusammenarbeiten, das wurde schon 1941 in der Atlantikcharta festgehalten. Damit das möglich ist, müssen internationale Institutionen dabei vermitteln und möglichst demokratisch organisiert sein. Das ist nicht der Fall.
So stellen beispielsweise Bürger:innen der Industriestaaten nur 13,7 Prozent der Weltbevölkerung, halten aber 59 Prozent der Stimmrechte im IWF, während die USA als einzige ein Vetorecht haben. Auch ist die UNO nicht unabhängig, wenn sie zu 55 Prozent von Industriestaaten finanziert wird.
Möglicherweise sind die internationalen Institutionen gar nicht so demokratisch, wie sie sein müssten, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Kapitalismus hat, auf sie gestützt, zwar dafür gesorgt, dass das weltweite Pro-Kopf-Einkommen im Jahr auf 13.100 Dollar stieg. Hungersnöte zu verhindern oder eine gerechte Verteilung dieses Geldes anzustreben, scheint aber nicht im Interesse der reichen Staaten zu sein.
Mit der produzierten Nahrung könnten wir zwölf Milliarden Menschen versorgen, stattdessen stirbt alle zehn Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger, ein Drittel der Menschheit leidet an Nahrungsunsicherheit, d.h. diese Menschen wissen nicht, was sie morgen essen können Dafür wird jede Kuh in der EU mit 2 Euro pro Tag subventioniert und unsere Supermärkte schmeißen Tonnen an Lebensmitteln weg.
Die mächtigen Staaten handeln sozialdarwinistisch und geben sich selbst die meisten Rechte. Der freie Markt bleibt vor allem frei für uns, tritt ein anderer großer Player wie China auf, reagieren wir mit Protektionismus und Zöllen.
Aber die Industriestaaten machen nicht alles aus egoistischen Gründen, richtig? Wir zahlen ja immerhin Entwicklungshilfen! Ähnlich wie bei den Ausgaben fürs Militär, die Bundeskanzler März mit 5 Prozent des BIP sogar übererfüllen will, gibt es auch einen geforderten Satz von 0,7 Prozent für Entwicklungshilfen.
Es gibt eine Liste von 15 Staaten, die dieses Ziel mindestens einmal erreicht haben – darunter auch Deutschland. Denn 2016 kamen viele Geflüchtete, die essen und schlafen mussten, nach Deutschland. Da sich Hilfszahlungen im ersten Jahr anrechnen lassen, erreichten wir die 0,7 Prozent, obwohl das Geld für »Entwicklungshilfen« eigentlich nie das Land verließ.
Die Weltordnung, wie sie immer noch besteht, ist geprägt von Ungerechtigkeit. Je mehr sie allerdings mit Füßen getreten wird, desto mehr Vertrauen verliert der Westen und desto eher wird genau diese Weltordnung zerrissen. Darüber schreibt Patrick Kacz­marczyk.

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