Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Movimento No Base – ein antimilitaristisches Bündnis in der Toskana
von Gerhard Klas

Die italienische Bewegung Movimento No Base ist 2022 aus einem ganz lokalen Konflikt heraus entstanden. Vor allem richtete sich ihr Widerstand gegen den Bau einer neuen Militärbasis am Stadtrand von Pisa, die 140 Hektar umfassen sollte, darunter Teile eines Naturschutzgebiets. Tatsächlich ging es um die großen gesellschaftlichen Fragen: um Militarisierung, um die Umwidmung öffentlicher Mittel, um die Belastung von Landschaft und Infrastruktur. Wer diese Bewegung verstehen will, muss sie deshalb nicht nur als Protest gegen ein Bauprojekt lesen, sondern als politisches Signal gegen eine Ordnung, die Kriegsvorbereitung über soziale Bedürfnisse stellt.

Der Name ist Programm. »No Base« bedeutet nicht bloß die Ablehnung eines bestimmten Standorts, sondern eine grundsätzliche Absage an die Logik militärischer Expansion. »Keine Basis für keinen Krieg«, heißt es auf der Webseite.
Daraus spricht nicht nur eine antimilitaristische Überzeugung, sondern auch eine scharfe Kritik an der staatlichen Prioritätensetzung. Während öffentliche Haushalte in Italien und andernorts unter Druck stehen, Krankenhäuser, Schulen, Verkehr und soziale Dienste um Mittel kämpfen, werden erhebliche Ressourcen in militärische Infrastruktur, Transportketten und Sicherheitsapparate gelenkt. Die Bewegung macht diese Umverteilung sichtbar und politisch angreifbar.
In der Region zwischen Livorno und Pisa gibt es schon mehrere Militärbasen, darunter die US-Basis Camp Darby mitten in einem Naturpark, wo Atomwaffen gelagert werden. Das Movimento No Base ist territorial verankert, ist präsent mit Informationsmaterial und Versammlungen in Orten wie Coltano, San Piero a Grado und Pontedera, in Gemeinden rund um den Parco di San Rossore und die US-Basis Camp Darby. No Base ist an Schulen aktiv, wo sich das Militär als attraktiver Arbeitgeber präsentieren will, und arbeitet auch mit katholischen Kirchengemeinden zusammen. Die Aktivist:innen argumentieren nicht abstrakt, sondern zeigen, wie Militärpolitik in Landschaft, Gemeindeleben und regionale Entwicklung eingreift. Wer sich der Bewegung anschließt ist Teil eines politischen Netzes, das aufklärt, organisiert und praktisch arbeitet.

Blockadeaktionen
Höhepunkte der Bewegung sind Aktionen gegen militärische Transporte. Im vergangenen März blockierten etwa 150 Aktivistinnen und Aktivisten mehrere Stunden lang einen Zug, der Militärfahrzeuge und Munition geladen hatte. »Das Ziel war klar: Die Kette dieses Krieges sollte gestört werden, so wie es schon die Hafenarbeiter in Genua getan haben«, so der Aktivist Davidee gegenüber dem onlineportal lower class magazine. »Wir haben gesehen, dass wir den Krieg in seiner Logistikkette blockieren müssen. Und dass es für alle möglich ist, Krieg zu stoppen.«
So erscheint das Militär nicht als abstrakte Institution, sondern als reale Infrastruktur, die sich durch Städte, Bahnhöfe, Straßen und Häfen bewegt. Genau hier setzt die Bewegung an: Sie will die Normalität des Militärischen stören und zeigen, dass Kriegsvorbereitung nicht erst im Ausnahmezustand beginnt, sondern im Alltag der sogenannten Friedenszeit verankert ist. Nach der Aktion hätten sich viele Menschen gemeldet, »die sich an weiteren Blockadeaktionen beteiligen wollen«, so die Aktivistin Paola von No Base.
Der Effekt der Blockade: Die Waffen kamen mit zehn Stunden Verspätung an ihrem Zielort an. »Wir wollten zeigen, dass jeder was tun kann«, sagt Davidee. »Das kann sich auf Militärbasen, aber auch auf die Verschiffung von Waffen in Häfen oder auf die Beteiligung der Universitäten beziehen, wie die Palästinabewegung weltweit gezeigt hat«, führt der Aktivist aus. »Wir wollen unsere Mobilisierungen vergrößern und die Menschen auf die Weise, wie sie können, daran teilhaben lassen.«
Der Staat habe sich schon »gerächt«, sagt Davidee. Das No Base Camp im Wald wurde kurz nach der Aktion geräumt. »Aber wir wollen diesen Ort jetzt noch größer und mit der Beteiligung von noch mehr Menschen wieder aufbauen,« erklärt er selbstbewußt.

Katholiken und Hafenarbeiter
Politisch bemerkenswert ist die Breite des Bündnisses. Das Movimento No Base arbeitet mit linken Gruppen, mit pazifistischen Katholik:innen, Umweltinitiativen, Bahn- und Hafenarbeiter zusammen. Auch die Sprache der Bewegung ist interessant. Sie verbindet einen klaren politischen Ton mit einer starken moralischen und sozialen Botschaft. Es geht um die konkrete Frage, wer bezahlt, wer profitiert und wer die Folgen trägt.
Der Bau einer Militärbasis bedeutet nicht nur Beton und Stacheldraht, sondern auch neue Abhängigkeiten, neue Eingriffe, neue Ausschlüsse und eine weitere Normalisierung des Militärischen im öffentlichen Raum. Genau diese Normalisierung will das Movimento No Base unterbrechen. Es weist darauf hin, dass Kriegspolitik nicht erst mit Schüssen beginnt, sondern mit Planungsakten, Grundstücksfragen, Transportwegen und Haushaltsentscheidungen.
Das Movimento No Base ist damit mehr als ein regionaler Protest. Es ist ein Ausdruck einer Gegenbewegung, die Krieg nicht als fernes geopolitisches Thema behandelt, sondern als Folge einer kapitalistischen und staatlichen Ordnung, die immer neue Mittel für militärische Macht mobilisiert. Gerade darin liegt seine Bedeutung: Es zeigt, dass Widerstand gegen Militarisierung dort beginnt, wo Menschen ihre Umgebung, ihre öffentlichen Ressourcen und ihre Rechte verteidigen. Aus einem Kampf gegen eine Militärbasis wird so ein Kampf für eine andere Gesellschaft.

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