Energie, Inflation und Überleben im globalen Süden
von Sushovan Dhar
Für viele ist der Irankrieg in erster Linie eine geopolitische und Energiekrise: steigende Ölpreise, Instabilität auf den Schifffahrtswegen, nervöse Aktienmärkte und Inflationsängste. In Asien und Afrika wird derselbe Konflikt jedoch weitaus direkter erlebt: in den überfüllten Stadtvierteln in Delhi und Dhaka, in den Bussen von Nairobi und Kairo bis zu den landwirtschaftlichen Betrieben, die bereits mit Schulden und steigenden Produktionskosten zu kämpfen haben.
?Kriege in strategisch wichtigen Regionen bleiben nicht auf die Schlachtfelder beschränkt. Sie breiten sich über Öltanker, Lieferketten, Frachtrouten, Devisenmärkte und Schuldenstrukturen aus und verändern das tägliche Leben.
Die Störungen rund um die Straße von Hormus haben einmal mehr die zutiefst ungleiche Architektur der Weltwirtschaft offenbart. Fast ein Fünftel des weltweiten Öls und ein erheblicher Anteil an Flüssigerdgas (LNG) passieren diesen schmalen Korridor. Indien importiert rund 85 Prozent seines Rohölbedarfs, Länder wie Bangladesh sind überwiegend von importierter Energie abhängig.
Wohlhabendere Volkswirtschaften verfügen über größere Reserven, stärkere Währungen, größere fiskalische Flexibilität und umfassendere Sozialsysteme, die soziale Schocks teilweise abfedern können. Im Gegensatz dazu sind viele asiatische und afrikanische Volkswirtschaften bereits geschwächt durch Schuldenlasten, Importabhängigkeit, fragile Währungen, informalisierte Arbeitsmärkte und schrumpfende öffentliche Versorgung.
Eine inflationäre Störung im globalen Norden wird in weiten Teilen des globalen Südens als Krise des Alltagslebens erlebt.
Die vorherrschende Diskussion rund um den Krieg konzentrierte sich auf militärische Eskalation, Diplomatie, Ölmärkte und strategische Allianzen, den sozialen Folgen wird weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Doch für hunderte Millionen Menschen bedeutet Krieg nicht in erster Linie Militärstrategie, sondern die zunehmende Schwierigkeit, Essen zu kochen, zur Arbeit zu pendeln, lebensnotwendige Güter zu kaufen oder prekäre Lebensgrundlagen zu sichern.
Die Küchenwirtschaft
In südasiatischen Ländern sind Millionen von Haushalten beim Kochen auf importiertes Flüssiggas angewiesen. Da die Transportkosten steigen und die Lieferketten knapp werden, wird Kochgas teurer und in manchen Fällen schwerer zugänglich. Allein in Indien sind weit über 330 Millionen Haushalte beim Kochen auf Flüssiggas angewiesen, was Energieengpässe zu einem unmittelbaren sozialen Problem und nicht zu einem fernen makroökonomischen Anliegen macht. Regierungen sind zu Notfallumverteilungen und Subventionsanpassungen gezwungen, während Haushalte ihren Verbrauch drosseln, Kredite aufnehmen oder auf billigere und umweltschädlichere Brennstoffe zurückgreifen.
Zudem führen höhere Ölpreise unmittelbar zu einem Anstieg der Transport- und Frachtkosten. Diesel wirkt sich auf Bewässerung, landwirtschaftliche Maschinen, den öffentlichen Nahverkehr und die Lebensmittelverteilungssysteme aus. Die Preise für Düngemittel steigen parallel zu den Energiekosten und erhöhen den Druck auf die ohnehin schon fragilen Agrarwirtschaften. Für Kleinbauern, die bereits mit Schulden, unberechenbarem Wetter und instabilen Erntepreisen zu kämpfen haben, kann ein weiterer Anstieg der Diesel- und Düngemittelkosten bedeuten, dass sie den Anbau reduzieren, erneut Kredite aufnehmen oder jegliche Hoffnung auf Erholung ganz aufgeben müssen.
In importabhängigen Ländern verschärft die Währungsabwertung die Inflation zusätzlich, indem sie Lebensmittel, Kraftstoff und industrielle Vorleistungen verteuert. Das Ergebnis ist kein vorübergehender »Ölschock« im engeren Sinne, sondern eine umfassendere Inflationskaskade, die sich durch Lebensmittelsysteme, Verkehrsnetze und die Haushalte zieht. Umleitungen im Frachtverkehr, höhere Versicherungsprämien und Währungsabwertungen erhöhen gleichzeitig die Kosten für importierte Lebensmittel, industrielle Vorleistungen und Düngemittel.
Die Krise zeigt sich vor allem in der »Küchenökonomie«. Die Preise für Speiseöl steigen, Transportkosten treiben die Preise für Gemüse, Hülsenfrüchte und Grundnahrungsmittel in die Höhe. Stagnierende Löhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse zwingen Haushalte der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht dazu, ihre Konsumgewohnheiten zu ändern.
Die Ernährung verschlechtert sich zuerst bei den Ärmsten. In vielen Haushalten mit geringem Einkommen zeigt sich die Inflation zuerst in den Entscheidungen beim Kochen: weniger Speiseöl, weniger Gemüse, weniger Linsen oder Eiweiß und ständig die Überlegung, welche Ausgaben bis zum nächsten Lohnzahltag aufgeschoben werden können.
Kleine finanzielle Puffer verschwinden als erste, die Verschuldung der Haushalte wächst still und leise, lange bevor sie in offiziellen Statistiken auftaucht. Familien reagieren darauf, indem sie ihre Nahrungsaufnahme reduzieren, Anschaffungen aufschieben, Ausgaben für Gesundheit und Bildung kürzen oder zusätzliche Schulden aufnehmen.
Was global als Marktvolatilität beschrieben wird, wird lokal als eine Verschärfung der täglichen Unsicherheit erlebt. Steigende Kraftstoffpreise schmälern unmittelbar die Einkommen von Transportarbeitern, Lieferfahrern, Kleinhändlern und anderen informell Beschäftigten. Ein Lieferfahrer kann steigende Kraftstoffkosten nicht einfach auf die Kunden abwälzen. Daher werden reduzierte Ersparnisse und wachsende informelle Schulden zu den einzigen verfügbaren Anpassungsmechanismen.
Wer zahlt?
Die ungleichen Auswirkungen der Krise legen einen tieferen Widerspruch innerhalb der heutigen Weltordnung offen. Dasselbe globale System, das Asien und Afrika in Handels- und Energienetzwerke integriert, macht sie gleichzeitig anfällig für externe Schocks. Strategische Konflikte, die von Großmächten ausgelöst oder eskaliert werden, haben soziale Folgen, die unverhältnismäßig stark von Bevölkerungsgruppen getragen werden, die weit entfernt von den Entscheidungszentren leben.
Dieses Muster ist nicht neu. Von Nahrungsmittelkrisen bis hin zu Pandemien trägt der globale Süden wiederholt die Kosten globaler Instabilität. Doch der gegenwärtige Konflikt offenbart diesen Prozess mit ungewöhnlicher Deutlichkeit.
Die Krise entfaltet sich zudem vor dem Hintergrund anhaltender wirtschaftlicher Instabilität. Viele Volkswirtschaften kämpfen mit verlangsamtem Wachstum, Arbeitslosigkeit, sinkenden Löhnen, Staatsverschuldung und den Nachwirkungen der Pandemie. In mehreren Ländern haben die Regierungen unter dem Druck von Sparmaßnahmen und internationalen Finanzinstitutionen bereits Sozialausgaben gekürzt.
Jahrzehntelang Strukturanpassungsprogramme zwangen die Regierungen dazu, im Namen der Haushaltsdisziplin und der Markteffizienz Subventionen für Lebensmittel und Treibstoff zu kürzen, öffentliche Dienstleistungen zu privatisieren und öffentliche Unterstützungssysteme zu schwächen. Subventionskürzungen lösten wiederholt Proteste aus und machten die Volkswirtschaften anfällig für externe Schocks.
Da steigende Preise schnell zu Legitimitätskrisen werden, sehen sich Regierungen einem widersprüchlichen Druck ausgesetzt: Die Beibehaltung von Subventionen birgt das Risiko einer Ausweitung der Haushaltsdefizite, der Abbau von Unterstützungsleistungen verschärft die soziale Wut.
Einige Staaten reagieren mit sozialpolitischen Maßnahmen und Notfall-Preiskontrollen; andere setzen zunehmend auf autoritäre Führung, Repression oder nationalistische Rhetorik, um die Unzufriedenheit einzudämmen. Wirtschaftliche Not wird oft in gesellschaftliche Polarisierung oder fremdenfeindliche Mobilisierung umgelenkt.
Überlebenspolitik
Die politischen Ergebnisse bleiben daher offen und widersprüchlich. Krisen können auch Debatten über öffentliche Versorgung, Ernährungssouveränität, Energieabhängigkeit und die soziale Organisation wieder aufleben lassen. Fragen, die unter der neoliberalen Orthodoxie an den Rand gedrängt worden waren, kehren mit neuer Dringlichkeit zurück: Wer kontrolliert die Energiesysteme? Wer trägt die Kosten globaler Krisen? Welche Formen des sozialen Schutzes sind in Volkswirtschaften notwendig, die von extremer Ungleichheit und prekären Arbeitsverhältnissen geprägt sind?
In Indien zeigen sich diese Spannungen bereits auf widersprüchliche Weise. Einerseits setzt die Regierung zunehmend auf nationalistische Polarisierung und eine sicherheitsorientierte Politik, um soziale Unzufriedenheit einzudämmen, gleichzeitig treibt sie Privatisierung und marktorientierte Reformen voran. Proteste von Lohnabhängigen und Mobilisierungen von Bauern werden oft mit Überwachung, Polizeieinsätzen oder der Einschränkung von Rechten beantwortet. Gewerkschaften, Bauernorganisationen und Teile der Linken fordern die Verbesserung der Ernährungssicherheit, öffentliche Versorgung, Beschäftigungsgarantien und Widerstand gegen Privatisierungen.
Die gegenwärtige Krise kann auch den Druck zu mehr Diversifizierung weg von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verstärken, obwohl auch solche Übergänge von ungleichen globalen Machtverhältnissen geprägt sein werden. Denn der aktuelle Krieg hat erneut die Gefahren aufgezeigt, die entstehen, wenn ganze Gesellschaften in Bezug auf Lieferketten und strategische Ressourcen von geopolitischen Rivalitäten abhängig sind.
Ungleiche Welten
Was sich derzeit rund um den Iran abspielt, ist nicht einfach ein regionaler Konflikt mit globalen wirtschaftlichen Nebenwirkungen. Es ist ein wichtiger Moment der Krise der heutigen Weltordnung. Es geht nicht nur um den Ölpreis, sondern um die Bewältigung des Alltags in einem globalen System, das externe Schocks routinemäßig auf prekäre Bevölkerungsgruppen abwälzt. Der Krieg hat offenbart, wie Millionen Menschen strukturell anfällig für Krisen bleiben, die anderswo entstehen – anfällig nicht nur wegen vorübergehender politischer Versäumnisse, sondern auch wegen der ungleichen Architektur des Kapitalismus selbst.
Sushovan Dhar ist Aktivist und Gewerkschafter im indischen Kolkata, aktiv in der Bewegung für die Schuldenstreichung und Mitglied im Beirat des CADTM (Komitee zur Streichung der illegitimen Schulden, https://de.cadtm.org).
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