Frankreich: für die Arbeitenden öffnete sich das Tor zu einer sozialen Revolution
von Paul Michel
Am 3. Juni 1936 übernahm eine Volksfrontregierung mit Leon Blum an der Spitze in Frankreich die Regierungsgeschäfte. Die Bilanz dieser Regierung ist zwiespältig. Sie hatte Sonnenseiten und Schattenseiten. Im nachfolgenden Text geht es überwiegend um die Sonnenseiten.
Zu Beginn der 1930er Jahre befand sich Frankreich, wie die meisten Länder der Welt, in einer schweren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise, eine Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929. Die wichtigste bürgerliche Partei, die Radikale Partei, die die Parlamentswahlen von 1932 gewonnen hatte, verfolgte eine Sparpolitik, die Industriellen und Finanzkreisen zugute kam.
In dieser instabilen Situation verloren die bürgerlichen Parteien rapide an Ansehen, während rechtsextreme Bünde und Ligen starken Zulauf bekamen. Die Croix de Feu (»Feuerkreuzler«), ein rechtsextremer Veteranenverband, versechsfachte binnen weniger Wochen seine Mitgliederzahl von 25.000 auf über 150.000. Am 6. Februar 1934 griff eine riesige Demonstration von Ultrarechten das Palais Bourbon, das französische Parlament, an und verlangte den Rücktritt der gerade gebildeten liberalen Regierung von Eduard Daladier. Die Kämpfe mit der Polizei auf der Place de la Concorde zogen sich die ganze Nacht hin. Es gab hundert Verletzte und zwanzig Tote.
Ein Weckruf für die Linke
Der faschistische Angriff war ein Weckruf für die Arbeiterschaft. Die Gewerkschaft CGT rief für den 12. Februar zu einer Gegendemonstration und einem Generalstreik auf. Im letzten Moment schloss sich die KP dem an. Am 12. Februar marschierten in Paris die seit Jahren verfeindeten Sozialisten und Kommunisten zunächst getrennt zur Place de la Nation. Dort vereinigten sich die beiden Demonstrationszüge.
Zum Erstaunen der Partei- und Gewerkschaftsführer löste der Umstand, dass zum ersten Mal seit vielen Jahren Sozialisten und Kommunisten wieder Seite an Seite kämpften, eine unglaubliche Begeisterung aus. Es gab eine wahre Explosion von Freudenschreien. Applaus, Rufe nach »Einheit, Einheit«.
Die Beteiligung am Generalstreik war überwältigend: In 346 Städten fanden Kundgebungen statt, das öffentliche Leben ruhte an diesem Tag fast vollständig. Allein in Paris gingen150.000 bis 250.000 Menschen auf die Straße.
Bildung der Volksfront
In ganz Frankreich entstanden nun lokale antifaschistische Komitees. Dennoch dauerte es bis zum Juni 1934, bis die KP die politische Wendung hin zur Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen SFIO vollzog. Am 27. Juli unterzeichneten KP und SFIO einen Pakt der Aktionseinheit. Nach fünfzehn Jahren Trennung kam es Im März 1935 zur Wiedervereinigung der beiden großen Gewerkschaftsorganisationen CGT (der SFIO) und CGT-U (der KP) unter dem nunmehr wieder gemeinsamen Namen CGT.
Die KP machte sich nun daran, das Bündnis der Arbeiterparteien hin zu den Radikalen, der Hauptpartei des Bürgertums in Frankreich, und damit zur Volksfront zu erweitern. Dafür machte die KP große Zugeständnisse. Sie akzeptierte nun das Prinzip der Verteidigung des französischen Staates, gab die antikoloniale Agitation auf und legte den Kampf für das Recht auf Abtreibung beiseite. Bei ihren Veranstaltungen wurde es nun Usus, neben der »Internationale« auch die »Marsellaise«, die französische Nationalhymne, zu singen und die blau-weiß-roten Nationalfarben zu schwenken.
Die KP schrumpfte ihre Forderungen auf das, was für den umworbene bürgerlichen Bündnispartner akzeptabel war. Teile der SFIO hingegen wollten ein Regierungsprogramm mit »sozialistischen Inhalten«, von dem sie sich tiefgreifende Reformen versprachen. Die KP wusste das zu verhindern.
Die Wahlen 1936
Bereits bei den Kantonal- und Gemeinderatswahlen vom Oktober 1934 und Mai 1935 hatte die KP erhebliche Stimmengewinne und die Radikale Partei infolge ihrer Beteiligung an reaktionären Regierungen deutliche Verluste zu verzeichnen. Der Durchbruch aber gelang SFIO und KP bei den Wahlen zur französischen Nationalversammlung am 26. April und 3. Mai 1936. Die Zahl der KP-Abgeordneten erhöhte sich von 16 auf 72, die der SFIO von 97 auf 146. Die Radikalen verloren 400.000 Stimmen und 51 Sitze.
Streiks und Betriebsbesetzungen
Der Wahlsieg der Linken löste eine spontane Massenbewegung aus, mittels derer sich in der Arbeiterschaft der jahrelang aufgestaute soziale Druck entlud. Begünstigt wurde die rasante Ausweitung der Streikbewegung durch das subjektive Gefühl vieler Arbeiter:innen, dass nun endlich »unsere Genossen« an der Macht seien. Ob Illusion oder nicht, diese Idee erwies sich als mächtiger Antrieb. Die soziale Basis der linken Parteien entwickelte eine überbordende Kraft, die zumindest zeitweise der politischen Kontrolle der Führung von KP und SFIO entglitt.
Unmittelbarer Anlass für die Streiks war die Entlassung von Arbeitern, die am 1. Mai – der damals noch kein gesetzlicher Feiertag war – nicht in der Fabrik erschienen waren. Zwischen dem 11. und dem 13. Mai brachen in zwei Flugzeugfabriken Streiks aus: in den Breguet-Werken in Le Havre und den Latécoère-Fabriken in Toulouse. Die zunächst lokalen Arbeitsniederlegungen entwickelten sich zum Flächenbrand. Am 24. Mai marschierte eine Demonstration von mehreren hunderttausend Menschen zum Gedenken an die Toten der Kommune durch Paris.
Am 28. Mai stellten die 35.000 Arbeiter in den Renault-Werken, bis dahin eine Bastion der nahezu totalen Unternehmerherrschaft, in der die Gewerkschaft lange kein Bein auf den Boden gebracht hatte, die Arbeit ein. Die Betriebsbesetzungen breiteten sich immer weiter aus. Bald streikten in Paris Arbeiter:innen aus der Metallindustrie, der Automobil- und der Luftfahrtbranche.
Völlig neu war, dass die Streikenden nicht mehr vor oder an den Werkstoren standen, sondern die Betriebe besetzten. Mit Tanz, Musik und Kartenspiel vertrieb man sich die Zeit. Es waren trotz aller Verbitterung seltsam heitere Tage.
Eine Kollegin sagte über die Stimmung an ihrem besetzten Arbeitsplatz: Es war, »reine Freude. Unverfälschte Freude. Freude darüber, die Fabrik mit der lächelnden Genehmigung eines Arbeiters zu betreten, der den Eingang bewacht … Freude, diese Werkstätten frei zu passieren, in denen sich alle so allein an ihrer Maschine gefühlt hatten. Freude daran, Gruppen zu bilden, zu plaudern, gemeinsam zu essen. Freude, statt des erbarmungslosen Lärms der Maschinen, Musik, Gesang, Lachen zu hören.«
›Alles ist möglich‹
Im Juni 1936 hielten zwischen zwei und drei Millionen Streikende ihre Fabriken besetzt. Die Bandbreite reichte vom riesigen Renault-Werk in Billancourt mit seinen 32.000 Beschäftigten bis zu winzigen Werkstätten, von den relativ stark gewerkschaftlich organisierten Bergwerken und Docks bis zu den gänzlich nicht gewerkschaftlich organisierten Angestellten der Kaufhäusern.
Eine Welle der Zuversicht, eine wahre Aufbruchstimmung erfasste das Land. Marceau Pivert vom linken Flügel der SFIO schrieb in der Parteizeitung Le Populaire einen Artikel mit dem Titel: »Alles ist möglich« – eine soziale Revolution inbegriffen. Ihm antwortete KP-Chef Maurice Thorez am 11. Juni in einer Rede, die berühmt geworden ist: »Man muss also wissen, wie man einen Streik beendet, sobald Zufriedenheit erreicht ist. Wir müssen sogar wissen, wie wir einem Kompromiss zustimmen können, wenn noch nicht alle Forderungen angenommen wurden, wir aber den Sieg über die wesentlichsten Forderungen errungen haben. Nicht alles ist jetzt möglich.«
Das Abkommen von Matignon
Am 7. Juni wurden im Hôtel Matignon, dem Amtssitz des Premierministers, auf Drängen der Unternehmer die Verhandlungen mit den Gewerkschaften eröffnet. Das oberste Ziel der Unternehmer war, dass die Arbeiter:innen die Fabriken räumten und sie wieder frei über ihr Eigentum verfügen konnten. Dafür machten die Chefs enorme Zugeständnisse bei Löhnen, Urlaub und Arbeiterrechten. Die Arbeiter erreichten Lohnerhöhungen um 7–15 Prozent. Real kam es in vielen Betrieben zu Lohnerhöhungen von über 20 Prozent. Die Wochenarbeitszeit wurde von 48 auf 40 Stunden verkürzt. Und es gab von nun an 14 Tage bezahlten Urlaub für alle.
Die Forderungen nach radikaler Arbeitszeitverkürzung und bezahltem Urlaub waren vor Beginn der Streikwelle weder von der Gewerkschaft CGT noch von der Volksfront erhoben worden. Sie kam erst im Juni aus den Reihen der Streikenden. Sie bekamen innerhalb weniger Tage die Zustimmung der Unternehmer, weil diese damit die Streikenden zu besänftigen hofften. Denn auch nach der Einigung zwischen Unternehmern und CGT im Hôtel Matignon gingen in vielen Betrieben die Streiks weiter. Erst danach gelang es CGT und KP, die Arbeiter zur Räumung der Fabriken zu bewegen.
Ende Juni hatten die Unternehmer wieder die Kontrolle über die Fabriken – aber zu einem hohen Preis. Die Arbeitenden hatte Dinge durchgesetzt, von denen sie Anfang Mai noch nicht zu träumen gewagt hatten.
Doch in der Folgezeit sannen die Unternehmer auf Revanche. Bereits im Spätsommer 1936 startete die Gegenoffensive des Kapitals. Aber das wäre Gegenstand eines weiteren Artikels, der sich mit den Schattenseiten der Volksfront befasst…
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren