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Buch 22. Mai 2026

Die Konzernmacht der Agrar- und Lebensmittelindustrie und Alternativen
von Volker Brauch

Konzernatlas. ­Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2026
Kostenfrei zu beziehen über die Heinrich-Böll-Stiftung, www.boell.de/konzernatlas

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Heinrich-Böll-Stiftung und der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre haben 2026 einen aktualisierten Konzernatlas veröffentlicht, der mit Zahlen, Texten, Daten und Statistiken umfassend Auskunft über die Monopolmacht der Agrar- und Lebensmittelindustrie gibt und einen Überblick verschafft.
Themenkomplexe wie Fleisch und Milch, Bäckerhandwerk und Handelsriesen, Supermärkte und Preise, Wasserprivatisierung, Saatgut und Pestizide sowie die Lobbymacht der Monopole sind einige Schwerpunkte der Dokumentation. Zudem werden Ansätze benannt, wie wir die Macht über unser Essen zurückgewinnen können. Eine Broschüre, die nicht nur für Aktivist:innen von Interesse sein sollte.
Essen und Lebensmittelversorgung gehören zu den existentiellen Grundvoraussetzungen unseres Daseins. Die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern liegt derzeit in den Händen weniger großer Konzerne, die Wirtschaft und Gesellschaft fest im Griff haben. In Deutschland teilen sich beispielsweise vier Supermarktketten rund 88 Prozent des Marktes: Edeka, Rewe, Aldi und Lidl bilden eine Marktkonzentration mit Konsequenzen für Millionen Konsumenten. Es überrascht nicht, dass die Lebensmittelbranche viele Milliardäre aufzuweisen hat. Alleine Lidl-Gründer Dieter Schwarz besitzt als reichster Deutscher 46,5 Milliarden Euro.
Drei Konzerne beherrschen 56 Prozent des globalen Saatgutmarkts. Monopole wie Bayer und Corteva besitzen aktuell 80 Prozent der Patente auf genmanipulierte Pflanzen.

Klimakiller
Die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne stoßen weltweit so viel Emissionen aus wie die fossilen Energieriesen BP oder Shell. Studien beweisen, dass diese Fleisch- und Molkereikonzerne Millionen für Lobbyarbeit gegen Klimagesetze ausgeben, obwohl sie 80 Prozent der Agrarzuschüsse erhalten. Konservative und rechte Parlamentarier werden durch Lobbypolitik dazu gebracht, Umweltauflagen zu verhindern. Nachdem Bund und Länder Kontrollen reduziert und Millionen Subventionen an Konzerne wie Tönnies, Westfleisch und Rothkötter verteilt haben, verzeichnet die hiesige Fleisch­industrie ein riesiges Wachstum.
Zucker ist hochprofitabel und wird entsprechend intensiv vermarktet. 92 Prozent der Werbespots, die Kinder zwischen 3 und 13 sehen, werben für ungesunde Produkte, und das mit Erfolg. Kinder verzehren nur halb so viel Obst und Gemüse und doppelt so viel Süßes wie maximal ratsam. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt jeden siebten Todesfall in Deutschland auf ungesunde Ernährung zurück. Im Vergleich zu anderen Lebensmittelproduzenten sorgt die Zucker verarbeitende Industrie für deutlich höhere Dividenden und Gewinne.
Bezogen auf Transparenz, Arbeitnehmerrechte, Umgang mit Kleinbauern und Frauenrechte wurden bei Lidl, Aldi Nord und Süd, Rewe und Edeka zum Teil erhebliche Defizite festgestellt. Das Schlusslicht stellt Edeka dar, das in allen Bereichen übergroße Mängel erkennen ließ.
Sechstausend Wissenschaftler haben sich öffentlich hinter das EU-Ziel einer Pestizidreduktion gestellt. Durch massive Lobby­arbeit der Konzerne wurde ein entsprechendes Gesetz von konservativen und rechten EU-Parlamentarier so stark verwässert, dass es schließlich zurückgezogen wurde.

Ernährungsräte
Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele funktionierender kleiner Genossenschaften mit intakter Selbstverwaltung. Die Molkereien Berchtesgadener Land und die Milchwerke Ammerland Oldenburg sind hierfür Beispiele. Eine Generalversammlung entscheidet über den Kurs des Unternehmens. Aktive Landwirte sitzen im Vorstand und Aufsichtsrat und kontrollieren die Geschäftsführung mittels ihrer Entscheidungsgewalt.
Mehr und mehr Lebensmittelproduzenten wehren sich, um sich aus dem Hamsterrad von Ohnmacht und Abhängigkeit zu befreien. Regionale Zusammenschlüsse helfen, faire Preise zu erzielen und selbstbestimmt zu wirtschaften.
Seit 1999 gibt es das Konzept der Ernährungsdemokratie. Ernährung wird in diesem Zusammenhang nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen. Diese Perspektive mit Leben zu füllen, ist Aufgabe von Ernährungsräten, die sich für eine gerechte, demokratische und ökologische Ernährungspolitik einsetzen. Ziel ist die Nahrungsmittelversorgung lokal und selbstbestimmt zu organisieren.
In Deutschland sind erste Ernährungsräte 2016 in Köln und Berlin entstanden, 60 weitere gibt es bereits in anderen Städten. Verarbeitung und Handelswege, zugeschnitten auf die Interessen der Großkonzerne, sind aber auf Massenproduktion und europäischen und weltweiten Absatz ausgelegt.
Um gegen die Machtkonzentration im Agrar- und Lebensmittelsektor vorgehen zu können, stellt der Zustandsbericht eine wichtige Argumentationshilfe dar.

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