Von Wolfgang Pomrehn
Am Montag (22.6.) jährte sich der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Erklärtes Ziel der Regierung in Berlin seinerzeit: Die „Lebenskraft Russlands“ zu zerstören und „Lebensraum im Osten“ zu erobern. Es beginnt ein barbarischer, äußerst rassistischer Vernichtungskrieg. Im Generalstab des Unternehmens „Barbarossa“, wie der Codename für den Angriff ist, sitzt ein junger Offizier namens Richard von Weizsäcker, der es später in den 1980er Jahren bis zum Bundespräsidenten bringen sollte. Sein Bruder Carl Friedrich war zeitgleich zu Richards Ostfeldzug mit der – letztlich erfolglosen – Entwicklung einer deutschen Atombombe beschäftigt.
24 bis 27 Millionen Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger fanden nach unterschiedlichen Angaben in den folgenden vier Jahren den Tod, mehrheitlich Zivilisten. Allein bei der 872 Tage dauernden Belagerung Leningrads (heute St. Petersburg) starben zwischen 800.000 und über eine Million Menschen an Kälte und Hunger. „Der Führer hat beschlossen, Leningrad dem Erdboden gleichzumachen. Es besteht nach Niederwerfung Sowjetrusslands kein Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung. Sich aus der Lage der Stadt ergebene Bitten um Übergabe werden abgelehnt“, hieß es in einer geheimen Direktive des Oberkommandos der Heeresgruppe Nord. (Zitiert nach Volksbund – Gemeinsam für den Frieden)
Mehrere Millionen Juden wurden in den eroberten Gebieten in KZs und bei Massenerschießungen wie etwa in Babyn Yar am Rande der ukrainischen Hauptstadt Kiew ermordet. Hunderte von Dörfern wurden als Rache für Partisanenüberfälle ausgelöscht. Rund zwei Millionen gefangene Rotarmisten ließ man Verhungern oder ermordete sie per Genickschuss, wie im KZ Sachsenhausen.
Dem offiziellen Deutschland ist unterdessen der Jahrestag kein Gedenken wert. Erinnerung an die Verbrechen jenes Militärs, das später die Bundeswehr aufbaute, stören, wenn man sich wieder „die stärkste Armee Europas“ (Bundeskanzler Friedrich Merz am 14. Mai in einer Regierungserklärung vor dem Bundestag) zulegen will. Entsprechend beging Verteidigungsminister Boris Pistorius den Tag mit einer Inspektion deutscher Truppen an der russischen Grenze in Litauen, die dort ein kleines Manöver abhielten.
Einzig beruhigend ist indes, dass die Bundeswehr offenbar große Schwierigkeiten hat, genug Freiwillige für den Einsatz in Litauen zu finden, wie die junge Welt berichtet. Die dortige Brigade ist noch weit von ihrer Soll-Stärke entfernt, sodass Pistorius androhte, demnächst – wenn sich nicht mehr melden – Soldaten zwangsweise dorthin beordern zu wollen.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren