Mehr als Sportvereine
von Marina Hoffmann
Der Rote Stern e.V. wurde 1999 von zwanzig Jugendlichen als Fußballverein in Leipzig gegründet. Sie wollten damals dem im Fußball vorherrschenden Sexismus, Rassismus und der Homophobie etwas entgegensetzen und feierten Erfolge, indem sie in drei Jahren dreimal aufstiegen. Aber auch eine Reflexion über den eigenen Sexismus war anfangs nötig.
Wo zunächst noch rund 250 Menschen die Spiele besuchten, waren es 2002 beim Pokalspiel schon 1300. Es folgten Ligateams für Frauen, Jugendliche und Senioren. Projekte wie die »Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball« (IVF), sorgten für Demokratiepreise. Inzwischen ist der Rote Stern mit rund 800 Mitgliedern Leipzigs größter Fußballclub.
In Leipzig steht zwar der Fußball weiterhin im Vordergrund. Rollerderby, Dart, Handball oder Stockkampf sind neben anderen Sportarten allerdings dazugekommen. Angebote für Kinder und Jugendliche gibt es auch, die Jugendarbeit ist gut organisiert und wird ausgebaut. Jugendliche dürfen sich im Roten Stern selbst organisieren und ihren eigenen Platz gestalten.
Ableger des Roten Sterns gibt es allerdings in ganz Deutschland. Die Idee inspirierte, der rote Stern verbindet. Ob in Berlin (2012), Flensburg (2009) oder in Köln (2023) – auch in meinem eigenen Veedel Mülheim.
Der Rote Stern steht für Sozialismus, Demokratie und Gemeinschaft in einem sicheren und herzlichen Umfeld. Dabei werden die eigenen Fehler besprochen und reflektiert. Die Vereinsvorstände lehnen jegliche Diskriminierungsformen, von Antisemitismus bis Ableismus*, deutlich ab. Damit sich alle wohlfühlen und frei entfalten können.
Obwohl der Rote Stern an Wettkämpfen teilnimmt, steht er für Solidarität und Gemeinschaft: »Unsere Gegner:innen sind nicht Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Identität oder Lebensweise, sondern die Teams, mit denen wir uns sportlich messen«, heißt es beispielsweise auf der Seite des Roten Sterns Berlin. Die Mitglieder können gemeinsam das Angebot gestalten und ihren Interessen nachgehen. In Köln können sie beispielsweise an einer Strick- und Häkelgruppe teilnehmen, Doppelkopf spielen, im Chor singen oder gemeinsam über Bücher diskutieren.
Aber auch der Sport kommt nicht zu kurz: Basketball, Fußball, Tennis, Tischtennis, Volleyball, Schwimmen, Radsport, Wandern, Yoga… teilweise mit eigenen Flinta*-Gruppen. Ein breites Angebot ganz im Sinne der ehemaligen Arbeitervereine für Menschen, die nicht so viel haben. Soli-Mitgliedschaften kosten einen Euro, ein Aufenthaltsstatus in Deutschland ist dafür nicht nötig. Dazu sammelt der Rote Stern immer wieder Spenden für Menschen und Projekte, die es brauchen.
Einen bundesweiten Ableger gibt es allerdings noch nicht: 2025 trafen sich zehn Vereine in Köln, nicht nur vom Roten Stern, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Für einen Dachverband schien es noch zu früh zu sein, doch die Vernetzung war ein voller Erfolg. Das nächste Treffen ist in Rostock geplant.
Kultur und Sport verbinden
Die Vereine rund um den Roten Stern sind ein Vorzeigeprojekt demokratischer und offener Mitgestaltung, bei der sich alle wohlfühlen können. Gegen teure, anonyme Sportangebote und die Ausbreitung rechter Ideologie zeigt der Rote Stern klare Haltung. Bezahlbar und solidarisch, natürlich basisdemokratisch organisiert steht er immer für die Menschen ein, die unten stehen. Alle sind willkommen, dabei ist es egal, wo diese Menschen herkommen oder an welchen Orten sie marginalisiert sind.
Der Rote Stern Berlin vernetzt sich europaweit durch Erasmus+-Projekte: »Was zunächst mit dem Austausch in Marseille begann, entwickelt sich seit 2026 weiter zu einem breiteren europäischen Netzwerk: Neben Marseille finden Lernmobilitäten inzwischen auch in Istanbul und Athen statt – weitere Partnerschaften und Begegnungen sind bereits in Planung.«
Für einige mag der Rote Stern sogar eine Art Heimat sein. So berichtete mir Niklas, Mitglied im Kicker- und Schachverein Roter Stern Köln-Mülheim, dass er dank des Vereins in Köln ankommen konnte. Bei der Mitgliederversammlung wurde er prompt mit dem Aufbau einer neuen Kickermannschaft betraut, die zwar einen Moment brauchte, um in die passende Liga zu kommen, aber inzwischen schon in die vierte Saison startet.
Für ihn ist das Team und die Kölner Kickercommunity wie eine Familie. Zudem berichtete er mir vom hauseigenen Kickerturnier, das ich bereits besucht habe: Direkt am Rhein richtet der Rote Stern Mülheim jährlich das Foofestival aus. Jung und alt kommen zusammen, um zu essen, zu trinken und um den Pokal zu spielen.
Auch für mich ist der Rote Stern eine Art Familie – oder eine Heimat. Die herzlichen, leicht unregelmäßigen Treffen im Schachverein bringen mich weiter und geben mir das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Dabei geht es nicht unbedingt um einen streng politischen Austausch, sondern um die Gemeinschaft und das Zusammenkommen unter Gleichgesinnten. Gemeinsam haben wir Spaß am gleichen Hobby und zugleich den Anspruch, besser zu werden. Dass ich durch den Verein an Ligaspielen und Turnieren teilnehme, motiviert mich, mein Hobby ernst zu nehmen und meine Stärken zu sehen. Meine Vereinskolleg:innen sind längst zu Freund:innen geworden.
In diesem Sinne: Roter Stern allez!
*Ableismus ist die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung oder Lernschwierigkeiten.
Am 24.10.2026 treffen sich der Rote Stern Chor Frankfurt, der Arbeiter:innenchor Kassel und das Chorkollektiv Göttingen zu einem gemeinsamen Konzert im Haus der Jugend in Frankfurt.
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