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Sarrazin, Grotjahn, Olberg…

Die Rede vom Volkstod. Über sozialdemokratische Volksverbesserung und eugenischen Sozialismus
von Wolfgang Ratzel

Sarrazins Weckruf «Deutschland schafft sich ab!» gebührt das Verdienst, die sorgsam verdrängte eugenische und rassenhygienische Dimension des Sozialdemokratismus ins Bewusstsein gezerrt zu haben. «Deutschland schafft sich ab», samt Intelligenzvererbung, Geburtensteuerungs-, Unterschichts- und Zuwandererdebatte, aktualisiert nämlich die Rede vom «Volkstod», vom «Volk, das von innen stirbt» – so nannten das seine sozialdemokratischen Vordenker (und nicht nur die).

Deren Liste ist lang: Julius Tandler, Rudolf Goldscheid, Ludwig Woltmann, Wilhelm Schallmaier, Magnus Hirschfeld, Alfred Grothjan, Oda Olberg u.v.m.; ganz zu schweigen von Gunnar Myrdal, einem Soziologen und schwedischen Sozialdemokraten, auf den sich Sarrazin explizit bezieht.

Exemplarisch beziehe ich mich auf Oda Olberg, von August Bebel u.a. hochverehrte Theoretikerin des eugenischen Sozialismus und frühe Befürworterin des Rechts auf Abtreibung. Und auf den parteiintern ebenfalls hochverehrten Alfred Grotjahn, Mitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene, SPD-Reichtagsabgeordneter und gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, eher der pragmatische Umsetzer sozialistischer Eugenik.

Beider Hauptwerk erschien im Jahr 1926:
Oda Olberg, Die Entartung in ihrer Kulturbedingtheit;
Alfred Grothjan, Die Hygiene der menschlichen Fortpflanzung.

Erbgutbereinigung

Die allen Eugenikern gemeinsame «Große Erzählung» lautet ungefähr so: Solange der Mensch in seinem «Kampf ums Dasein» der Natur ausgeliefert war, besorgte jene durch natürliche Auslese die Vernichtung des Schwachen, Kranken, Ungeeigneten, Unangepassten. Diese ständige Erbgutbereinigung begründete den Siegeszug des Kulturträgers Mensch, der sich in der Moderne vermittels Wissenschaft und Technik endgültig die Natur unterwarf.

Aber indem der Mensch sich die Natur unterwarf, setzte er die natürliche Auslese ausser Kraft. Im Kultur- und Sozialstaat besteht «die Möglichkeit der Daseinsfristung bei geringerer organischer Tüchtigkeit». Nunmehr kann das «untüchtige Gelichter», «das Kümmerliche» (Olberg) und Kranke überleben und sich fortpflanzen. Die Folge: Das Erbgut der Menschheit beginnt sich zu verschlechtern. «Das Entartungsproblem ist das Problem des sieghaften Menschen» (Olberg). Dramatischer noch wirkt die Instinktentfremdung, sowohl in Bezug auf die Nahrungsaufnahme, als auch der Partnerwahl – «die instinktive Scheu vor dem Kranken», und der «Widerwille gegen das Missratene» gehen verloren.

Die Frage lautete: Wie kann der Volkskörper bzw. die (weiße!) Rasse vor Entartung bewahrt und durch welche künstlichen Selektionsverfahren kann der Automatismus der natürlichen Auslese ersetzt werden.

Lumpenproletariat aussondern

Die sozialistische Eugenik unterschied sich von der bürgerlichen durch ihre eugenische Kapitalismuskritik. Oda Olbergs Diagnose lautete: Die kapitalistische Gesellschaftsordnung zeigt sich als ein dysgenisch-entartender Faktor, der den «Rassebestand verarmt» (Dysgenik bezeichnet als Gegenbegriff zu Eugenik die Schwächung des genetischen Potentials.

Sarrazin rehabilitiert diesen Begriff im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeitsrate der Unterschichten). Die vom Profitstreben verursachte «Ungunst der Umwelt» führe zu einer «blinden Verwüstung von Rassenwerten». Das soziale Elend töte Tüchtiges und mache Tüchtiges krank. Leidtragende seien die Träger der Erbgesundheit: Das Proletariat und die Bauernschaft. Die Notlage wirke sich zudem negativ auf die Aufzuchtbedingungen aus.

Und Grotjahn tritt nach: Die privatkapitalistische Wirtschaft zersetze die eugenische Gattenwahl, weil «sie unzählige Personen jahraus jahrein verleitet oder sogar zwingt, sich bei der Gattenwahl weniger durch das natürliche, mit der Erotik verknüpfte Wohlgefallen an einem jungen, schönen, gesunden und kräftigen Partner leiten zu lassen als durch wirtschaftliche Vorzüge, welche mit der Heirat von Personen verknüpft sind, die sich in einer wirtschaftlich gesicherten Lage befinden oder Eigentum besitzen».

Noch schärfer grenzt sich der eugenische Sozialismus vom Lumpenproletariat ab. Olberg unterscheidet zwischen der Notlage des Proletariats, das Opfer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist, und der Notlage der Lumpenproletarier, «die dauernd der Armenpflege zur Last liegen, ständig obdachlos sind, als Bettler, Vagabunden und Gewohnheitsverbrecher das Leben fristen». Das Lumpenproletariat sei hierfür «organisch prädestiniert», sein soziales Scheitern eine Folge konstitutioneller und biologischer Unzulänglichkeit. Das Lumpenproletariat «ist überhaupt keine wirtschaftliche, sondern eine biologische Kategorie, die sich aus dem Abfall aller sozialen Schichten bildet. Ihre Hauptmasse besteht aus Entarteten, aus Imbezillen oder Psychopathen.»

Die Erbgutverschlechterung könne nur aufgehalten werden, wenn sich die Tüchtigen – Proletariat und Bauernschaft – optimal entfalten und fortpflanzen können, und wenn das Kranke/Psychopathische an der Fortpflanzung gehindert wird. Das geschieht nach der sozialen Revolution der Arbeiterbewegung. Sie schafft die Vorbedingungen für die Rassenhygiene als Hauptprojekt der Menschheitsentwicklung. Erst dann könne die instinktsichere Geschlechtswahl – v.a. durch das Weibliche – wieder funktionieren und gestützt auf verbesserte soziale Lebensumstände den neuen Menschen hervorbringen.

Und: Wenn die Forderung nach absoluter Unverletzlichkeit des Lebens noch in der Furcht vor der eigenen Barbarei begründet war, so kann diese Hemmung im eugenischen Sozialismus entfallen, da er kultureller Fortschritt ist. Dann habe man das Recht, den Gesunden höher zu stellen als den Kranken, den Normalen höher als den Anormalen, den Tüchtigen höher als den Verbrecher und den Vollwertigen höher als den Missratenen, Rohen und pervers Veranlagten und man könne dem missgestaltenen Neugeborenen das leidvolle Dasein ersparen, den Irren die Flucht ins Nichts ermöglichen und die Sehnsucht des Krebskranken nach seinem Ende erfüllen. Letztendlich gehe es aber darum, die Funktion der Vernichtung zu ersetzen durch das «Eindringen in die Geheimnisse der Vererbung und Keim-Entartung».

Menschenzucht

Alfred Grotjahn ging es um eine «an der wissenschaftlichen Eugenik orientierte sozialistische Bevölkerungspolitik» – im «nationalen Verantwortungsgefühl»: «Um es auf eine kurze Formel zu bringen, so ist das Zuchtziel beim Menschen eine dem Nahrungs- und Kulturspielraum angemessene Bevölkerung, in der sich von Generation zu Generation die Belastungen vermindern und die Begabungen vermehren.» Er beruft sich hierbei – wie auch Sarrazin hinsichtlich der Vererbbarkeit von Intelligenz – auf Francis Galton (1824–1911), der die eugeneia (griech: edle Abstammung) als «Wissenschaft, die sich mit allen Formen befasst, die die erblichen Eigenschaften einer Rasse verbessern und sie zur vorteilhaften Entfaltung bringen» definiert.

Gegenstand der Eugenik sind die «natürlichen und sozialen Bedingungen der menschlichen Fortpflanzung» sowie ihre «rationelle Beeinflussung in quantitativer und qualitativer Hinsicht». Grotjahn ist der Ansicht, dass «die großen Gruppen der körperlich und geistig Minderwertigen» «abgegrenzt» werden sollten und weniger zur «Produktion der kommenden Generationen beitragen als die Durchschnittlichen oder gar Höherwertigen.» Die «Astheniker» (die Schmächtigen) und die Psychopathen, wozu auch das Lumpenproletariat zähle, sollten sich gar nicht fortpflanzen. Laut Grotjahns Stufenplan sollten zuerst die «Belastungen» aussortiert werden, um dann die «Begabungen im Gesamterbgut» zu vermehren, dh. zuerst Prävention und dann die «eigentliche Menschenzüchtung».

Und so stellt sich Grotjahn das Ergebnis der Menschenzüchtung vor: Ein rüstiger, breitschultriger, muskelstarker, organgesunder Kraftmensch, der Erfindungsgabe, Ehrliebe, Altruismus, Aufopferungs- und Begeisterungsfähigkeit, Willensstärke, Scharfsinn, Heiterkeit, Schlagfertigkeit, Selbstbeherrschung, Gewissenhaftigkeit und Sparsamkeit verkörpert.

Wegsperren…

Grotjahns Hauptbotschaft lautet: Eugenik muss (Sozial-)Politik regieren: «Denn es geht auf Dauer nicht an, durch umfassende sozialhygienische Maßnahmen in Stadt und Land zahlreiche Kranke, Minderwertige und Schwache auf das Sorgfältigste zu betreuen und möglichst in das fortpflanzungsfähige Alter und damit zu Heirat und Nachkommenschaft zu bringen, während gleichzeitig die Rüstigen und Begabten durch die Ungunst wirtschaftlicher Zustände und den Zwang, sich im Kampf um den Arbeitsplatz zu behaupten, zur Verkleinerung der Kinderzahl oder gar zur Ehelosigkeit veranlasst fühlen.» Die Lösung: Statt «kostspielige, vorbeugende Heilbehandlung [soll man] solche Kranke von vornherein einer dauernden Verwahrung zuführen.»

Grotjahn geht es also um das Erbgut der Gesamtbevölkerung; nur jenes sei veränderbar, und zwar durch verschiedene Fortpflanzung der Einzelnen je nach ihrem generativen Wert. Dann folgen Hunderte Seiten akribischer Wertbestimmung aller denkbaren körperlich-geistigen «Erbgutbelastungen», denen Grotjahn konkret umsetzbare eugenische Maßnahmen zuordnet – immer unter dem Gesichtspunkt der Verhinderung der Fortpflanzung. Bei Menschen, die noch selber ihren Geschlechtstrieb beherrschen können, genügt dabei die Empfängnisverhütung, bei Personen, die «aufgrund ihrer psychopathischen Konstitution» nicht dazu in der Lage sind, muss man durch Unfruchtbarmachung eingreifen. Allerdings gilt der Grundsatz: «Verwahren ist besser als Sterilisieren.» Ein «geordnetes Bewahrungswesen … würde die Bevölkerung von den asozialen Familien befreien, die sich gegenwärtig überall durchsetzen».

…statt vernichten

Worin unterscheidet sich sozialdemokratische von nationalsozialistischer Eugenik?

Grotjahn grenzt sich unablässig vom Rassismus der NS-Eugenik ab. Für ihn gibt es nur wissenschaftlich-definierbare Erbgutdefekte von Bevölkerungen gleich welcher Rasse. Und: Wer erst einmal geboren ist, steht unter dem Schutz des jüdisch-christlichen Tötungsverbots.

Die antisemitische und antichristliche NS-Eugenik hingegen vernichtet den Lebensunwerten und legitimiert dies durch gesellschaftliche Kostenrechnungen. Leben darf, was lebenswert ist. Was bei Grotjahn kostengünstige Bewahrung ist, wird bei den Nazis kostengünstige Vernichtung in Konzentrationslagern. Olberg sieht das Tötungsverbot allerdings im kulturell-fortgeschrittlichen eugenischen Sozialismus außer Kraft gesetzt. Sie argumentiert aber nicht mit Kostenrechnung, sondern mit Leidverhinderung; letztendlich argumentierten aber auch Nazis mit der «Erlösung vom Leiden».

Die Übergänge werden dort fließend, wo das Tötungsverbot relativiert wird. Sarrazin knüpft an Volkstod-Fantasien an, reduziert aber die eugenische Debatte auf die Optimierung des Intelligenz-Genpools durch Geburtensteuerung: «Bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit.» Dann checkt er Hunderte Seiten lang die Immigrationspolitik und die sozialpolitischen Steuerungsmittel (Grundsicherung, Elterngeld usw.) auf ihre dysgenischen Wirkungen ab, um einen Maßnahmenkatalog vorzustellen, der eugenische Wirkungen haben soll. Fazit: «Gemessen an Grotjahn ist Thilo Sarrazin ein Waisenknabe» (Götz Aly). An Oda Olberg kann er erst gar nicht gemessen werden: Für Sarrazin ist ein eugenischer Menschenzüchtigungs-Sozialismus undenkbar.

Angesichts von Theoretikern wie Sarrazin wird greifbar, dass wir den Zusammenbruch eines biopolitischen Paradigmas erleben, das seit über 200 Jahren den bürgerlichen Staat verpflichtete, die Entfaltung seiner Bürger zu gewährleisten. Denn der globale Kapitalverwertungsprozess hat den Staat als Sachwalter eines solchen «Gemeinwohls» unwiderruflich demontiert. Das Kapital holt sich die, die es verwerten kann und stößt die ins Abseits, die mental-physisch ungeeignet sind. «Knecht Staat» hat dafür zu sorgen, dass jene die Kapitalakkumulation nicht gefährden.

Die Eugenik als «Genomverbesserung» braucht deshalb nicht mehr staatlich verfügt werden, weil seine Bürger ihre individuelle Genomverbesserung längst internalisiert haben. Die «Abscheu vor dem Missratenen» befördert eine ganze Industrie der Geburtenoptimierung durch Präimplantationsdiagnostik – praktische Eugenik vom Feinsten. Die Auslese der Fittesten besorgt der Arbeitsmarkt.


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