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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2014 |

Wie kann eine globale Arbeiterbewegung aufgebaut werden?

Im Gespräch mit Gisela Neunhöffer über die erste internationale Konferenz von LabourStart in Berlin

Die Fragen stellte Jochen Gester

Am letzten Mai-Wochenende fand in Berlin eine internationale Gewerkschaftskonferenz statt, die vom Internet-Portal LabourStart veranstaltet wurde. An der Konferenz nahmen über 360 gewerkschaftlich Aktive aus allen Erdteilen statt, denen 50 Workshops offen standen. Bis dahin war LabourStart vielen nur durch einen Newsletter bekannt, in dem zu «Act-now»-Solidaritäts-Aktionen per Mausklick aufgerufen wird. Doch Labourstart ist mehr als eine Redaktion, die Newsletter verschickt. Warum, erklärt Gisela Neunhöffer vom LabourStart-Netzwerk Berlin. Mit ihr sprach Jochen Gester.Gisela Neunhöffer hat lange Zeit für die internationale Lebensmittelgewerkschaft IUL gearbeitet, zuerst in Moskau. Hier gab es eine starke Kooperation mit LabourStart, sodass sie das Projekt kennenlernen konnte und Korrespondentin wurde. Seit sie wieder in Deutschland ist, beteiligt sie sich verstärkt daran, für Kampagnen zu übersetzen.

Kannst du kurz umreißen, was LabourStart ist?

LabourStart ist zunächst einmal ein internationales Kampagnen- und Nachrichtenportal für Gewerkschaften im Internet (www.labourstart.org). Es ist 1998 entstanden und kontinuierlich ausgebaut worden. Auf der einen Seite umfasst es einen Nachrichtenteil, in dem Texte aus sehr vielen verschiedenen Ländern gesammelt werden. Sogenannte Korrespondenten, derzeit etwa 550 Leute, finden existierende Links und stellen die Texte ein. Das sind sehr unterschiedliche Aktive. Wir haben insofern keine explizite redaktionelle Linie, außer dem Fokus auf Gewerkschaften.

LabourStart ist zu einer Zeit entstanden, als das Wort Googeln noch nicht in aller Munde war, und wurde mit der Sammlung von Nachrichtentexten eine der wichtigsten Seiten für Gewerkschaftsnachrichten aus der ganzen Welt. Heute denken wir angesichts der Entwicklung des Internets und der globalen Gewerkschaftslandschaft darüber nach, wie wir die Nachrichtenplattform neu strukturieren können.

Als zweites gibt es die Online-Kampagnen. Dazu wird über E-Mail-Listen mit etwa 125.000 Adressen in 20 Sprachen mobilisiert – die Übersetzungen machen Freiwillige. Die Kampagnen laufen immer in Absprache mit den jeweiligen Gewerkschaften vor Ort, meist auch mit den internationalen Branchengewerkschaften. Seit einigen Jahren organisieren wir auch jährliche Konferenzen und geben Bücher heraus.

 Welche politischen Ziele verfolgt ihr?

Unser erstes Ziel ist die direkte Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen, die sich in Kämpfen befinden – konkrete internationale Solidarität. Wir wollen ihre gewerkschaftlichen Kämpfe bekannt machen, Druck auf die jeweiligen Unternehmen und/oder Regierungen ausüben, mehr Bewusstsein dafür schaffen und einen internationalistischen Blick darauf entwickeln, auch Mut machen.

Wie funktioniert die Kommunikation über die Ländergrenzen hinweg? Gibt es einen Prozess demokratischer Willensbildung und wie sieht der aus?

Der Nachrichtenteil ist erstmal ein Willensbildungsprozess von unten. Die Korrespondenten stellen ein, was sie wichtig finden. Nur bei Einspeisung reaktionärer Auffassungen würde die Portalredaktion einschreiten. Zum anderen gibt es eine Gruppe, die nennt sich auf Englisch «Senior Correspondents». Das sind 15–20 Aktive, alles ehrenamtlich arbeitende Leute, die einzelne Projekte vorantreiben und sich über die Weiterentwicklung von LabourStart Gedanken machen. Ich persönlich denke, wir sind jetzt so groß geworden, dass wir unsere Strukturen überdenken müssen. Netzwerke entstehen erst einmal aus dem persönlichen Engagement von Einzelnen, doch irgendwann muss man sich eine klare und transparente Struktur geben, damit alle Aktiven sich gleichermaßen beteiligen können.

Gibt es politische Strömungen im Netzwerk, die um Einfluss kämpfen?

Bisher eigentlich nicht, aber das kann natürlich passieren. Wir sind da erstmal gelassen. Im Rahmen der gerade laufenden Diskussion um die Gründung lokaler LabourStarts haben wir allerdings überlegt, was wir machen, wenn eine der Gruppen extrem von einer politischen Strömung dominiert und mit ihren Aktivitäten dem Gesamtprojekt schaden würde.

Wer oder was ist das LabourStart-Netzwerk Berlin?

Wir haben uns in der Konferenzvorbereitung gefunden. Einige von uns hatten schon länger mit LabourStart zu tun – ich selbst war seit 2005 Korrespondentin und habe seit einigen Jahren verstärkt übersetzt. Als dann die Idee entstand, die Konferenz 2014 in Berlin zu machen, habe ich die Koordinierung der Vorbereitung in Berlin übernommen. Im Netzwerk sind überwiegend relativ junge Leute aus verschiedenen DGB-Gewerkschaften, aber auch aus der FAU und aus Querschnittsgruppen wie dem «AK Undokumentierte». Wir haben uns sowohl um die organisatorische Vorbereitung als auch um die inhaltliche Organisation der verschiedenen Workshopstränge und Plena gekümmert. Jetzt diskutieren wir, wer nach der Konferenz dabei bleiben will und was wir machen wollen.

Bekanntlich ist die Frage, wer politische Strukturen finanziert, nicht unerheblich dafür, wer die Inhalte bestimmt. Wie finanziert sich eure Struktur?

LabourStart ist eine Low-Budget-Struktur. Es gibt fast keine bezahlten Stellen, der größte Posten im Budget ist die Technik: Server, E-Mail-Listenverwaltung usw. Das recht kleine Budget wird über Spenden von internationalen Branchengewerkschaften sowie nationalen Verbänden, aber auch durch Einzelspenden von individuellen Unterstützern finanziert. Die Kampagnen selbst sind für die Gewerkschaften, mit denen wir sie durchführen, natürlich kostenlos.

Für die Konferenz flossen Gelder von Ver.di, der IG Metall, der NGG, von mehreren Stiftungen, und wir erhielten eine kleine Spende von Europaabgeordneten der Linkspartei.

Etwa zur gleichen Zeit wie LabourStart ist auch das internationale Labournet entstanden. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den beiden Portalen?

Gemeinsam ist uns die Vermittlung von Nachrichten und dass wir uns links vom gewerkschaftlichen Mainstream bewegen. Ein Unterschied ist, dass Labournet Germany sich stärker politisch positioniert. Wir veröffentlichen selten eigene politische Erklärungen. Auf der Konferenz achteten wir natürlich darauf, dass aus unserer Sicht progressive Themen und wichtige Auseinandersetzungen im Mittelpunkt stehen. Es war uns aber auch wichtig Leute einzuladen, die einen Gegenstandpunkt vertreten, damit es interessante Diskussionen gibt.

Ein wichtiger Unterschied sind die Kampagnen, die Labournet nicht in vergleichbarem Umfang macht. Organisatorisch nehme ich Labournet eher als lose Kooperation einzelner Gruppen in verschiedenen Ländern wahr – LabourStart ist stärker international integriert, wir funktionieren im wesentlichen als eine Plattform. Es war uns sehr wichtig, Labournet auf der Konferenz dabei zu haben – wir sind ja keine Konkurrenten, sondern ergänzen uns.

Auf der Konferenz wurden Antworten auf ganz grundsätzliche Fragen gesucht, etwa: «Wie kann eine globale Arbeiterbewegung aufgebaut werden? Auf welche Traditionen sollten sich die Gewerkschaften beziehen? Brauchen wir einen Organizing-Prozess und was erwarten wir davon?» Welche Antworten gab es?

Viele Fragen auf einmal! Erst einmal zum Thema Aufbau einer Globalen Arbeiterbewegung: Hier hat niemand den ganz großen Wurf gewagt. Es wurden aber viele Projekte vorgestellt, die aus strategischen Ansätzen resultieren. Ein Beispiel ist der Aufbau der internationalen Föderation der Hausarbeiterinnen, ein extrem interessanter Prozess aus einem Sektor, von dem es lange hieß, er ließe sich gar nicht organisieren. Die haben eine Kampagne für mehr Rechte im Rahmen einer Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit Organisierungsinitiativen an der Basis in vielen Ländern verknüpft.

Die Diskussion, wie man internationale Instrumente, z.B. Rahmenabkommen mit transnationalen Unternehmen nutzen kann, war sehr fruchtbar – sie sollen in erster Linie Gewerkschaftsrechte in den Multis garantieren. Entscheidend ist dabei, klare Kontrollmechanismen aufzubauen: Wie wird eingegriffen, wenn sich ein Tochter- oder Subunternehmen nicht an die vereinbarten Regeln hält? Ein wichtiger neuer Schritt ist das Multi-Arbeitgeber-Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit, das jetzt in Bangladesh nach dem Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik unterschrieben wurde. Das erste Mal gibt es hier ein Abkommen, das nicht nur von einem, sondern von vielen internationalen Markenherstellern unterschrieben wurde, die letztlich die Arbeitsbedingungen in der Branche bestimmen.

Zur Frage nach den Traditionen, auf die sich Gewerkschaften beziehen sollten: Wichtig war uns die Präsentation unseres neuen Buches Solidarity – eine Sammlung von Essays von Dan Gallin, der über Jahrzehnte hinweg immer wieder kritisch zu Entwicklungen in der internationalen Arbeiterbewegung Stellung bezogen hat.

Zum Thema Organising gab es auf dem Auftaktplenum einen Beitrag im Zusammenhang mit der internationalen Walmart-Kampagne. Auch beim Thema Textilindustrie in Bangladesh kam es zur Sprache, weil die hier erzielten Abkommen auf Dauer nur von Wert sind, wenn es echte Durchbrüche bei der Organisierung gibt. Die Organising-Debatte in Europa war ebenfalls Thema eines Workshops. Es geht hier im Kern darum, einen von unten gesteuerten Prozess auf den Weg zu bringen, bei dem die Kolleginnen und Kollegen die Sache selber in die Hand nehmen und Veränderungen auch in den Gewerkschaften selbst anstoßen.

Hier entstehen natürlich Reibungen, eine solche Umstellung ist für die verschiedenen Mitwirkenden nicht immer einfach! Auch die Erfahrungen in letzter Zeit im Fastfood-Organizing waren Thema – es gibt dazu eine große Kampagne in den USA, die sehr interessant ist.

Wie werdet ihr die Ergebnisse der Konferenz auswerten?

Wir versuchen in den nächsten drei Monaten eine Dokumentation und ein Buch zu erstellen, in denen möglichst viele Workshops und Schlüsselredebeiträge abgebildet sind. Wichtig war für uns auch, dass zum Schluss nochmal über LabourStart diskutiert wurde und wir Anregungen für unsere Arbeit bekommen haben. Wir werden sehen, wie diese Anregungen, z.B. die Gründung von Offline-LabourStart-Gruppen, in die Praxis umgesetzt werden können.


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