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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2018 |

Arbeitsbedingungen beim Hermes-Paketdienst

«Aus unseren Mitarbeitern ist noch mehr herauszuholen»
Erfahrungsbericht eines Hermes-Beschäftigten

Seit mehreren Monaten arbeite ich als Nebentätigkeit nun schon in einem großen Verteilzentrum des Paketdienstleisters Hermes. In diesem kommen, aus fast ganz Deutschland, gefüllte Wagen an, werden entleert und deren Inhalt in die entsprechenden anderen Wagen umverteilt, die wiederum in kleinere Verteilzentren nahe des eigentlichen Zielorts fahren. Diese Station ist also für jedes Paket nur eine Zwischenstation.

Das Verteilzentrum ist eine riesige Halle in einem Gewerbegebiet. Es gibt mehrere einzelne Bereiche: Die manuelle Sortierung, ein Bereich in dem ankommende Fahrzeuge entleert werden, und zwei, in denen die Wagen befüllt werden. In der manuellen Sortierung werden per Hand Großteile sortiert, die zu schwer oder zu zerbrechlich für die Sortierungsmaschine sind. Sie werden dort in kleinere Wagen (Corletten) gelegt und in die Nähe der eigentlichen Station gebracht. Dort müssen sie dann per Hand in die eigentlichen Wagen getragen werden. Zusätzlich werden diese Wagen mit einem Band befüllt, an dem jeweils ein Kollege steht und die Pakete von dort nimmt und in den Wagen legt bzw. stapelt. Die ankommenden Wagen, die normale Pakete transportieren, werden in einem anderen Bereich entleert. Dort werden die Pakete auf ein Band gelegt und mittels einer Sortierungsmaschine, die sich durch die gesamte Halle zieht, automatisch auf die jeweiligen Bänder verteilt.

Jeder der drei Bereiche hat in der Regel mindestens zwei Beschäftigte, die nur für das Verteilen der Großteile aus der manuellen Sortierung verantwortlich sind. Diese Teile wiegen bis zu 30 Kilogramm und müssen oft komplett getragen werden. Darunter befinden sich fast nur Fahrräder, Möbelteile, Glasplatten und größere Pakete mit Wein.

Ein Beschäftigterer ist in dem Bereich, in dem die Wagen befüllt werden, in der Regel für drei bis vier Bänder zuständig. Die Bänder sind so eingestellt, dass es menschlich kaum zu schaffen ist, diese alle gleichmäßig abzuräumen und ein platzsparendes Befüllen des Wagens zu gewährleisten. Wird Platz «verschwendet», ist Ärger mit den Teamleitern vorprogrammiert und man hat zu langsam oder schlecht gearbeitet. Die Beschäftigten, die an Bändern arbeiten, die nicht so stark frequentiert sind, werden ständig dazu aufgefordert mitzuhelfen, die Großteile zu verteilen. Dies führt dazu, dass diese Kollegen nur noch hektisch zwischen den Bändern und den Großteilen hin und her hetzen.

Es gibt unter den Kolleginnen und Kollegen in der Halle im großen und ganzen nur drei verschiedene Rollen bzw. Ränge. Die eigentlichen Bandaufleger, die schwere körperliche Arbeit leisten, sind zu gut 90 Prozent Leiharbeiter und haben zu mindestens 80 Prozent einen Migrationshintergrund. Dies zeigt auch gleich die größte Barriere auf, wenn es darum geht, die Arbeitsverhältnisse zu verbessern: Viele sprechen gar kein oder nur sehr schlecht Deutsch und einige auch kein Englisch, was die Kommunikation allgemein sehr problematisch gestaltet. Die Agentur für Arbeit scheint insbesondere Flüchtlinge gerne auf diese Arbeitsplätze zu schicken, dabei ignorierend, dass manche nicht einmal wissen, was sie da mit dem Arbeitsvertrag eigentlich unterschreiben. Unsere «Chefs», die sog. Teamleiter, sind für die einzelnen Bereiche zuständig, kontrollieren die Kolleginnen und Kollegen und versuchen den Überblick zu behalten. Zusätzlich gibt es einen Hallenchef, dem alle untergeordnet sind. Die Teamleiter, mit einer Ausnahme, vollständig aus weißen, deutschen Männern. Ein Aufstieg von den Bandauflegerinnen scheint somit fast gar nicht möglich zu sein.

Die Bandauflegerinnen verdienen, je nach Zeitarbeitsfirma, zwischen 9 und 10 Euro die Stunde. Nach Gesprächen mit den Kollegen zu urteilen, verdienen diese bei einer 40-Stunden-Woche um die 950 Euro netto. So ist die schlechte Bezahlung für die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen das Hauptproblem und ein ständiges Ärgernis. Die Bezahlung wird häufig durch die typischen Probleme der Leiharbeit verschlechtert. Bei Feiertagen und Krankheit erfolgt prinzipiell keine Bezahlung. Manchmal kommt man zur Arbeit und wird sofort danach wieder nach Hause geschickt, weil nicht genug zu tun ist. So entfällt natürlich auch komplett die Bezahlung für diesen Tag. Diese Informationen werden einem prinzipiell nur vor Ort gegeben und nicht etwa vor der Anfahrt zur Arbeit. Eine neuere Entwicklung ist, dass wir bei der Arbeit so angetrieben und gehetzt werden, dass die vorhandene Arbeit etwas schneller fertig wird (häufig eine bis 1,5 Stunden) und wir somit eher nach Hause geschickt werden. Die fehlende Zeit wird uns natürlich vom Lohn abgezogen. Dies scheint sich mittlerweile zur festen Strategie der Teamleiter entwickelt zu haben. Dadurch gibt es nur noch komplette Arbeitstage, an denen sehr viel zu tun ist oder verkürzte Arbeitstage mit verringertem Lohn.

Zusätzlich ist es sehr schwierig bis unmöglich, übernommen zu werden. Es gibt Kolleginnen die über ein Jahr dort arbeiten und immer noch nur über eine Leiharbeitsfirma angestellt sind.

Es gibt in diesem Verteilzentrum einen Betriebsrat, dieser ist aber ausschließlich mit Teamleitern besetzt. Leiharbeiterinnen dürfen diesen zwar nach sechs Monaten im Betrieb wählen, können selber aber nicht aufgestellt werden. Da die Teamleiter eine privilegierte Stellung haben, was die auszuführende Arbeit und die Bezahlung anbelangt, ändert sich an den schlechten Arbeitsbedingungen überhaupt nichts.


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