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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Polnische Presseschau 127, 09.10.2018

Film „KLER“ KLERUS zieht Tausende in Kinos wyborcza/studioopinii.pl/…

Dieser Film des in Polen bekannten und geschätzten Regisseur Wojtek Smarzowski hatte beim Festival in Danzig Premiere und weckte großes Interesse im Land. Am 28. September startete er zugleich in vielen Kinos. Am WE haben bereits eine und nach einer Woche knapp zwei Millionen Polen diesen Film gesehen.

In diesem Film geht es um Geld, Macht, Alkohol und Sex. Die Protagonisten sind drei Priester, die eine Tragödie aus der Vergangenheit zusammen hält. Ein Dorfpfarrer kann den Tag nur überstehen, wenn er genug Alkohol intus hat. Als seine junge Haushälterin von ihm ein Kind erwartet, will er dass sie es abtreibt. Am Ende vernichtet er durch den starken Einfluss der jungen Frau alle Alkoholvorräte, steht zu Frau und Kind, sie beziehen eine gemeinsame einfache Wohnung. Der andere wurde als Kind missbraucht, wird selbst des Missbrauchst verdächtigt. Er muss entdecken, dass der dritte im Bunde, ein einflussreicher Priester aus dem Umfeld des Bischofs, derjenige ist, der seinen Ministranten missbraucht hat. Zudem sind er und der Bischof mit den Eliten in Geschäfte verwickelt und großer Summen in Bar werden hin und her geschoben. Ein Film, der wohl die hochwürdigen Herren vom Sockel holt, aber keineswegs antikirchlich daherkommt. Trotzdem wird von nationalkonservativen und fundamentalistischen Kreisen gegen ihn gewettert. Eine Lehrerin schrieb mir, dass sie in ihrer Stadt zu jedem der Priester Beispiele benennen kann.

Smarzowski erklärte nach der Premiere in Danzig, dass es nicht nur um Kindesmissbrauch ging, ihm ging es darum Menschen zu zeigen, die nur das unterscheidet, dass sie Soutanen tragen. Der Chef der Stiftung „Nie Lekajcie Sie“ (Fürchtet Euch Nicht) Marek Lisinski, die Opfern von Priestern hilft und selbst missbraucht wurde, meint. „Das ist kein Tropfen mehr, der einen Fels aushöhlt. Das wird eine Lawine, die nichts mehr aufhalten wird. Weder Kirchenobere noch Politiker.

Der ehemalige Jesuit und Historiker Stanislaw Obirek, der selbst missbraucht wurde, sagt hingegen: „Für mich ist es kein Film über Priester – der ganze Katalog deren Pathologie ist allen bekannt – auch nicht über Politiker der bekannten Partei – schließlich gab es Verbindungen von Priestern zur Politik bis hinein in Zeiten der Volksrepublik.“ Dies ist ein Film über unsere Gesellschaft, die ratlos ist hinsichtlich der pathologischen Erscheinungen. Ein Film über uns und unser Unvermögen darüber zu sprechen, was am meisten schmerzt, über die Schmerzen der Schwächsten – der Kinder und Kranken – dessen Verschweigen. Im Vergleich zum Film von Gibson über den Missbrauch durch Priester wird dort aber auch über eine diesbezügliche solide journalistische Arbeit berichtet. „Kler“ jedoch ist ein Film über die Schwäche der polnischen Gesellschaft und das Scheitern der Medien, die aus diesen Schwächen nicht herauskommen (…wollen?). So wie der Film „Spotlight“ in die USA diesbezüglich Bewegung brachte, so wird hoffentlich in Polen durch „Kler“ ähnliches geschehen. Für eine Umkehr in der Kirche wird jedoch mehr notwendig sein, wenn auch der Film „Kler“ stark ist!

Bischof Czaja aus Opole, der sich den Film angesehen hat, wurde von einem Jugendlichen gefragt, ob sich Jesus diesen Film ansehen würde: „Nein, aber er ist in einer weitaus schwierigen Situation, denn er muss sich diese Verbrechen mit ansehen und kann nichts dagegen tun“. In dem Film hat Czaja besonders stark die Szene empfunden, als ein Mann, der missbraucht worden war, vor einem Gremium verhört wird, an deren Spitze ein Bischof steht. Er wird eingeschüchtert, ihm wird mit einer Verleumdungsklage gedroht. Er steht auf, nähert sich dem Bischof: „Mein Gott, was seid ihr nur für Menschen, was macht ihr nur!“ und verlässt den Saal (auch ich fand die Szene stark). Bischof Czaja hat am 7. Oktober in den Kirchen seinen Hirtenbrief verlesen lassen. siehe unten

Auch das gibt es: Ein Priester erklärt, dass er seine Vorgesetzen um 3,5 Monate freie Zeit für einen Bußgang bittet, wird er ihn zu der Stiftung oder zu Opfern führen? Nein nach Jerusalem – vielleicht mit medialer Begleitung auf seinem YouTube Kanal.

Ein anderer Bischof bittet die Gläubigen um Gebete. Nun ja, die Priester, die die Kinder missbrauchen, werden sicherlich auch beten, vielleicht nach der Tat sogar auf den Knien rutschend und die Leute werden sagen, was für einen frommen Pfarrer haben wir nur!

Bischof Czaja an die Gläubigen der Diözese Opole www.deon.pl, 07.10. 2018

In dem Brief, der am 7. Oktober in allen Kirchen verlesen wurde, sagt er u. a.: „In der letzten Regionalkonferenz wurde darüber berichtet, dass es in Opole auch Priester gab, die ihrer Berufung nicht gerecht wurden. Mit großen Schmerzen, Scham und Ratlosigkeit herrschen gegenüber dem Unrecht, das bereits geschehen ist und nicht wieder gutzumachen ist, wurde dies vernommen….Wir entschuldigen uns bei den Opfern.“ Es geht um zehn Priester, wovon bereits bei sechs von ihnen die Schuld erwiesen ist, die Minderjährige sexuell missbraucht haben. „Aber es gibt leider mehr Opfer, es wurden neun Personen geschädigt und für das ganze Leben gezeichnet. Ihr Leiden, ihre Schmerzen, alles was sie durchmachen, womit sie ringen müssen, kann sich niemand vorstellen und kann nicht beschrieben werden. Dies habe ich in einigen Gesprächen erfahren und bin mir dessen bewusst… Deswegen gibt es Null Toleranz für den Täter und volle Unterstützung für das Opfer und ihre Familien.“ Die Diözese hat einige Schritte unternommen, um präventiv dagegen anzugehen und Formen geschaffen, damit Täter zur Verantwortung gezogen und der Staatsanwaltschaft übergeben werden können.

„Liebe Diözesanen, ich leide sehr unter dem Bösen und dem Schmutz, das in unseren Reihen offenbar wurde und euch auf verschiedene Weise verletzen. Mir ist bewusst, dass es nicht einfach ist uns in solcher Situation zu lieben und zu vertrauen… Deswegen brauchen wir um so mehr Euer Gebet und Eure Unterstützung auf dem Weg der Umkehr und Erneuerung…“

UN Ausschuss gegen „Therapie“ von LGBT Personen krytykapolityczna.pl 04. 09. 2018

Im März d. J. hat bereits das EU Parlament ihre Mitglieder dazu aufgerufen die sog. Therapien für den Personenkreis der LGBT wegen der Gefahr für Leben und Gesundheit zu unterlassen. Einen Monat später wurde Polen durch den Ausschuss der UNO ermahnt diesen Personenkreis nicht zu den Behinderten zu zuordnen und „Therapien“ zu unterlassen. Jetzt findet eine interaktive Konferenz zwischen Mitgliedern der Regierung, Vertretern des Ausschusses für die Rechte von Personen mit Behinderung, an dem auch Vertreter von Verbänden aus Polen teilnehmen.

Kirche 1 Million Zloty Schmerzensgeld an Missbrauchsopfer wyborcza.pl, 02.10.2018

Am 2. Oktober hat das Berufungsgericht in Poznan das Urteil der ersten Instanz bestätigt. Danach bekommt die Frau, die in der Kindheit von einem Priester des Ordens Gesellschaft Christi vergewaltigt wurde eine Million Zloty (230.000 €) Schmerzensgeld und eine monatliche Rente von 800 Zloty (186 €) von dem Orden. Der Richter begründet die Strafe an den Orden damit, dass der Orden als Arbeitgeber nach polnischen Recht dafür verantwortlich ist, weil Roman R. seine Position als Priester ausgenutzt hat, sie als Religionslehrer kennen lernte und sie in die Pfarrei einlud – seine Dienststelle. Nur diese seine Stellung ermöglichte das Verbrechen.

Marek Lisinski von der Stiftung „Fürchtet Euch Nicht“, die Missbrauchsopfer betreuen, betont den Mut von Katarzyna, dem Opfer, die trotz der dramatischen Erlebnisse während und nach dem Missbrauch, den Mut hatte sich der Institution Kirche entgegenzustellen

Es ist davon auszugehen, dass der Orden beim Obersten Gericht Berufung einlegt. Es ist aber auch zu erwarten, dass jetzt andere Opfer sich trauen werden zivilrechtlich kirchliche Arbeitgeber zu verklagen.

Roman R. hat die damals 13. jährige Katarzyna vergewaltigt. In ihrem Elternhaus hat sie keine Liebe erfahren, die Eltern haben gesoffen und sich geprügelt. Sie hatte keine Freundinnen, niemanden sagte sie etwas. Bis der Priester Roman sie eines Tages, als sie die 6. Klasse besuchte, doch dazu überredete. Er nahm sie aus dem Elternhaus, brachte sie in einer leeren Wohnung in Szczecin unter und meldete sie in einer Schule des Salesianerordens für Reiche an, mit deren Direktor er befreundet war. Dort war sie erst recht isoliert, zumal das Niveau hoch war. Roman R. hat ihr verboten über ihre Situation zu reden. Als sie eines Tages verspätet aus der Schule kam, hat er sie so schwer verletzt, dass der Arm geschient werden musste. Die ganze Zeit blieb er bei ihr, um aufzupassen was sie sagt. Dann wurde sie immer wieder vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt und er zwang sie Psychopharmaka zu nehmen, sodass sie ruhig gestellt war. Er nahm sie sogar nach Stargard in die Pfarrei mit, wo er sie mit auf sein Zimmer nahm und keiner der Priester reagierte. Als sie schwanger wurde brachte er sie zu einer Gynäkologin, wo eine Abtreibung vorgenommen wurde. Bei Nachhilfestunden fand sie die eine Lehrerin sympathisch und auf Nachfragen erzählte sie ihr alles. Die sagte es Roman R., der natürlich alles abstritt und mit ihr nach Tschenstochau fuhr, wo er sie in Beichtstuhl schickte. Dort wurde sie von dem Priester wegen ihrer Aussagen beschimpft und Roman R. amüsierte sich darüber: „Dir wird niemals jemand glauben, ich bin ein angesehener Priester. Sollte ich ins Gefängnis kommen, so finde ich dich nachher und erschlage dich!“

Eines Tages hat Roman R. sie wieder nach Hause gebracht. Die Mutter glaubte ihr nicht und hat sie geschlagen. Zum Glück fand Katarzyna im Stadtteilzentrum eine Pädagogin, die ihr glaubte und die Sache ins Rollen brachte. Katarzyna bekam eine fachliche Betreuung und wurde in einem Heim untergebracht. Bevor Roman R. nach England „versetzt“ wurde, konnte er im Juni 2008 verhaftet werden.

Roman R. wurde zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt und anschließend sollte durch Psychiater festgestellt werden, ob er weiterhin eine Gefahr darstellt und in Sicherungsverwahrung kommt. Er wurde im Juni 2012 entlassen, nachdem sein Orden gute Anwälte nahm. Weder die Richterin noch Kirche nehmen dazu Stellung.

Die Reporterin, die im Januar 2017 einen ausführlichen Artikel schrieb, traf Roman R. als sie die Kirche in Puszczykow besuchte, der dort die Messe zelebrierte. Er verneint die Informationen, dass er das Priesteramt aufgeben musste.

Nach übereinstimmenden Meldungen wurde ihm im Dezember 2017 das Priesteramt aberkannt und im Juni wurde er aus dem Orden ausgeschlossen.

Seite der Stiftung, die den Opfern hilft in englisch: http://en.nielekajciesie.org.pl/

Karte über Missbrauch in der kath. Kirche Quelle: Stiftung „Fürchtet Euch Nicht“

https://www.google.com/maps/d/u/0/viewer?hl=en&mid=1TI2LZ3-yGVVWdJ5quw0Biy9ZPxKAXNfA&ll=52.13989040479447%2C18.04590928486641&z=5

Bedeutung der einzelnen Zeichen:

skazani sprawcy- verurteilter Täter: 61; ofiary– Opfer von Priestern: 257; doniesienia medialne– Veröffentlicht in Medien:49; zgloszenia- neue Anzeigen: 35

 

Staatsanwaltschaft darf Schweigepflicht aufheben? wyborcza, 28.09. 2018

Der Justizminister Zbioro, der zugleich Generalstaatsanwalt ist, hat ein Gesetz in Vorbereitung, wodurch Staatsanwälte entsprechende Berufsgruppen von der Schweigepflicht entbinden können. Das betrifft Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte. Praktisch würde das heißen, dass die Journalisten ihre Quellen preisgeben müssen, die Verteidiger ihre Klienten verraten müssen. Bisher war es allein dem Gericht vorbehalten bestimmte Berufsgruppen von der Schweigepflicht zu entbinden, die Novellierung des Artikels 180 § 1 und 2 weitet es aus. Dies würde natürlich dazu führen, dass weder Informanten den Journalisten, Klienten ihren Rechtsanwälten und Patienten ihren Ärzten trauen werden. Somit ist die „Vierte Gewalt“ und die noch vorhandenen freien Medien kaltgestellt. Dies ist ein Angriff auf alle Bürger, die nicht mehr die Garantie haben werden, dass ihre Anliegen geschützt werden und sie der Willkür der Staatsanwaltschaft ausgeliefert sind, die direkt dem Justizminister und somit der PiS unterstehen.

Im Zusammenhang mit dem Missbrauch durch kirchliche Kreise stellt sich die Frage, ob diese Staatsanwaltschaft willens sein wird diese aufzuklären und zur Anklage zu bringen. Bisher wurden solche Fälle in anderen Ländern nur Dank der Gerichte und nicht der Kirche aufgeklärt. Aber vielleicht wird Bischof Czaja aus Opole keine Ausnahme sein?


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