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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2019 |

In den USA ist Marxismus kein Schreckgespenst mehr

Über das neue Interesse an sozialistischer Politik
Gespräch mit Laura Raïm

Marxismus ist wieder in. Davon zeugen der relative Erfolg der Kampagne um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei von Bernie Sanders, der einen «demokratischen Sozialismus» vertritt, die rasanten Mitgliederzuwächse linker Organisationen wie der DSA (Democratic Social­ists of America) und die Erfolge neuer linker Zeitschriftenprojekte wie Jacobin.
Das nachstehende Interview mit der französischen Journalistin Laura Raïm führte Julien Salingue für die Zeitschrift L’Anticapitaliste der französischen NPA (Nouveau Parti Anticapitaliste).

Du hast einen langen Beitrag (in la revue du Crieur, Oktober 2017) verfasst, der sich mit den zahlreichen neuen Zeitschriften und Internetmagazinen in den USA befasst, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf den «Sozialismus» beziehen. Du behauptest darin, dass man dieses Phänomen nur in einem globaleren politischen und sozialen Kontext begreifen kann.

Es handelt sich um eine Renaissance, wie wir sie auf der US-Linken seit Mitte der 60er Jahre nicht mehr erlebt haben. Sie entspricht einem Zyklus, der mit der Krise von 2008 eröffnet wurde, auf diese folgten soziale Bewegungen: von Occupy über Black Lives Matter zu Fight for 15 (für die Erhöhung des Mindestlohns auf 15 US-Dollar), die BDS-Kampagne der Bewegung für Solidarität mit Palästina bis zum Kampf von Standing Rock gegen die Dakota-Access-Pipeline.
Occupy war der auslösende Moment, der Moment der Politisierung einer ganzen Generation, die die Zeitschriften, von denen ich spreche, gegründet hat, von Jacobin über The New Inquiry bis zu Viewpoint Magazine. Aber Occupy war auch der auslösende Moment für die Neuorientierung der Zeitschriften, die bereits existierten, wie N+1, eine literarische Revue, die sich nun auch für politische Ökonomie interessiert, aber auch The Nation, Dissent oder Labor Notes.
Die Enttäuschung über Obama hat diese Bewegung gestärkte und zu einem anderen wichtigen Moment geführt: der Sanders-Kampagne. Die Wahl von Trump hat das Interesse für sozialistische Ideen ebenfalls gestärkt. Analog zum starken Mitgliederzuwachs der DSA ist die Zahl der Abonnements dieser Zeitschriften und der Zugriffe auf ihre Webseiten sehr stark gestiegen: Jacobin bspw. hat heute über 40000 zahlende Abonnenten und zählt über eine Million Besucher auf ihrer Webseite im Monat.

Stehen die Initiatoren und Macher dieser Publikationen im Einklang mit dem Aktivenmilieu? Sind sie selbst Aktivisten oder handelt es sich eher um einen «Dialog» mit den Bewegungen?

Viele von ihnen haben sich direkt an Occupy beteiligt, und es gibt unter ihnen auch solche, die sich an der Sanders-Kampagne beteiligt haben. Aber für einen Teil von ihnen ist bereits die Arbeit für diese Zeitschriften ein militanter Akt. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Sarah Leonard, einer jungen Journalistin und Spezialistin für marxistischen Feminismus, eine Vertreterin dieser intellektuellen Linken, die mir sagte, mangels einer Partei oder Organisation sei für sie bereits die Zugehörigkeit zur Redaktion einer Zeitschrift eine Möglichkeit, politisch aktiv zu sein.
Jacobin nimmt die laufenden Kämpfe sehr ernst, stellt sich aber mehr in eine Beziehung des Dialogs mit ihnen. Die Redaktion sagt sich: Wir politisieren sie, liefern ihnen Artikel und Analysen… Bei den gegenwärtigen Widerstandsaktionen gegen Trump sehen sie die Gefahr der Verwässerung der Kämpfe, ihrer Instrumentalisierung und Wiederaneignung durch die Demokraten. Jacobin sagt, dass man dagegen ankämpfen muss, wie beim Marsch der Frauen gegen Trump, damit der liberale Feminismus die Bewegung nicht dominiert, weshalb sie Analysen liefern, die die Dimension der Klasse und die sozialistische Perspektive integrieren.
Es muss auch die Funktion betont werden, die die «Lesegruppen» dieser Zeitschriften für diesen Dialog spielen. Jacobin zählte 2017 solche Zirkel in 80 Städten. Jüngst habe ich erfahren, dass Julia Salazar von den DSA, die im September in den Senat von New York gewählt wurde, durch die Lesezirkel von Jacobin politisiert wurde…
Bashkar Sunkara, der Gründer von Jacobin, ist kein Aktivist im eigentlichen Wortsinn, aber er hat viel zur Wiederbelebung der DSA beigetragen. Er ist kein Akteur in den Kämpfen, aber er hat einen Fuß in der «institutionellen» Politik.

Diese verschiedenen Publikationen – kooperieren sie miteinander, führen sie unter sich einen Dialog, gibt es ein Netzwerk?

Ja, das ist etwas sehr Erfrischendes. Sie expandieren, aber sie sind noch sehr klein, und dessen sind sie sich bewusst. Somit stehen sie, selbst wenn es Konflikte gibt, in einem Dialog und verlangen ihn auch. Im übrigen sehen wir regelmäßig dieselben Signaturen in den verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen. Es gibt, so scheint mir, viel weniger Sektierertum als hier in Frankreich. Es gibt sogar Leute aus verschiedenen politischen Organisationen in denselben Projekten: bei Jacobin findet man Leute aus den DSA und der ISO (International Socialist Organization), sie debattieren untereinander, besonders über die Möglichkeit, an den Vorwahlen der Demokraten teilzunehmen – aber es bleibt ein konstruktiver Dialog.

Und sie alle berufen sich auf den «Sozialismus»?

Ja, jedenfalls die Mehrheit. Sie wissen sehr wohl, dass das Wort «Sozialismus» sehr unterschiedliche Dinge bezeichnen kann. Sie wissen z.B., dass der «Sozialismus» von Bernie Sanders nicht viel mit einem revolutionären Sozialismus, mit der Abschaffung des Privateigentums und dem Ende des Kapitalismus zu tun hat, aber sie wissen auch, dass er zumindest dazu beigetragen hat, dieses Wort zu entstigmatisieren.
Nach einer Umfrage der Harvard-Universität aus dem Jahr 2016 lehnten damals 51 Prozent der befragten 18- bis 29jährigen den Kapitalismus ab, 33 Prozent sprachen sich für den «Sozialismus» aus… Dies zeigt, dass der Begriff «Sozialismus» für die Generation nach dem Kalten Krieg kein Schandmal mehr ist, dass er nicht mehr mit den Verbrechen des Stalinismus in Verbindung gebracht wird, sondern mehr mit den europäischen Wohlfahrtsstaaten. Es ist also noch nicht der Sozialismus, den die Marxisten meinen, aber diese Zeitschriften und Zeitungen stützen sich auf diese Entwicklung, um Aufmerksamkeit zu erlangen, und liefern Analysen, mit denen sie dem «Sozialismus» einen marxistischen Inhalt verleihen.
Sie haben deshalb eine sehr pragmatische Haltung gegenüber Sanders, auch wenn seine «politische Revolution» viel mehr als linker Flügel der Sozialdemokratie erscheint, inspiriert von Roosevelts New Deal.

Welche Beziehungen unterhalten die Zeitschriften mit früheren kritischen Denkrichtungen, die vom Poststrukturalismus, der Mikropolitik, der «Identitätspolitik» geprägt sind und lange Zeit das Denken in der US-Linken dominiert haben, besonders im universitären Bereich? Diese Richtungen vertragen sich nicht gut mit einem Marxismus des Klassenkampfs. Gibt es einen Ansatz des kritischen Dialogs, des Bruchs, der Überwindung dieser Strömungen?

Sie sehen sich weitgehend in einem Bruch mit diesen Denkrichtungen. Seth Ackerman von Jacobin erklärte mir er sei, wie viele junge Leute seiner Generation, im Rahmen von Occupy politisiert worden, also mehr von einem anarchistischen, spontaneistischen Herangehen… und das sei gescheitert. In dieser Hinsicht ist Jacobin ein wenig die Revanche eines mehr marxistischen, sozialistischen, klassenkämpferischen Herangehens, das sich nicht scheut, die Frage nach den Institutionen, der Partei usw. zu stellen. Diese Leute finden, dass sie diesen Kampf gewonnen haben, und das stützt sie in ihren weiteren ideologischen Kämpfen.
Die Zeitungen und Zeitschriften, von denen ich spreche, stellen also einen Bruch dar, aber es ist ein intelligenter Bruch: Es handelt sich nicht darum, die Besonderheiten von Geschlecht, Rasse usw. zu negieren, sondern sie in eine marxistische Vision zu integrieren. Man muss sagen, dass die Bedeutung des Kampfes für die Bürgerrechte in der Geschichte der USA jedes linke Denken und jede linke Organisation dazu verpflichtet, mit den Kämpfen der Minderheiten, besonders der schwarzen Minderheit, in enge Verbindung zu treten…

Diese Leute pflegen auch einen viel weniger jargonmäßigen Stil als die universitäre «linke» Intelligenz.

Ja. Das ist sehr angenehm, wenn man ihre Texte liest. Ihre Texte wollen konkret, pragmatisch und zugänglich sein, ohne jedoch die Analyse zu opfern. Sie wollen nicht nur für ein anarchistisches, radikales Publikum attraktiv sein, sondern auch für die Progressiven, die Leser der New York Times, Wähler von Obama, die an soziale Gerechtigkeit glauben… Also vermeiden sie Dogmatismus, Esoterik, Ästhetizismus. Sie beziehen sich auf den klassischen Marxismus, aber auch auf Autoren wie Ralph Miliband, den Historiker Robert Brenner oder Michael Harrington (einer der Gründer der DSA).
Sie verfolgen also ein doppeltes Ziel: Gegenüber der amerikanischen radikalen Linken, die oft durch cultural studies geformt wurde, bekräftigen sie das Primat einer materialistischen Klassenanalyse und tragen gleichzeitig dazu bei, dass radikale Ideen in den Mainstream der amerikanischen Politik eingehen.

Distanzieren sie sich vom universitären Milieu?

Sie sind sehr kritisch gegenüber einer gewissen universitären Linken, die auf dem Campus immer noch dominiert und in einem Elfenbeinturm lebt, von der Gesellschaft und den Bewegungen abgeschnitten ist und in ihrem Winkel einen Jargon pflegt – weit entfernt von der Gestalt des organischen, marxistischen Intellektuellen…
Es gibt manchmal Hochschullehrer, die sich auf den Marxismus berufen, aber ihre Arbeiten sind oft abstrakt, von den Kämpfen losgelöst, und sie sind weniger auf die empirischen Wissenschaften spezialisiert als vielmehr auf Disziplinen wie Literatur, Psychoanalyse oder Philosophie.
Bereits 1987 veröffentlichte der Historiker Russell Jacoby sein Buch The Last Intellectuals, worin er das zunehmende Verschwinden der engagierten Intellektuellen beschreibt, die durch überspezialisierte Professoren ersetzt werden, die zahllose mit Jargon überfrachtete Papiere in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen, welche allein für ihresgleichen bestimmt sind, und deren Hauptbeschäftigung die Förderung ihrer eigenen Karriere ist.
Die Zuarbeiter und Initiatoren der Zeitungen und Zeitschriften, von denen ich spreche, sind tatsächlich dabei, eine Lücke zu füllen. Sie verweigern sich der Haltung des von den Bewegungen abgeschnittenen Intellektuellen, der mehr Zeit im Flugzeug zwischen zwei Kolloquien verbringt als auf Demonstrationen und Kundgebungen.

* Aus: L’Anticapitaliste, Nr.101, Oktober 2018 (http://npa2009.org/publication-npa/revue).


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