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Studentische Hilfskräfte

Tarifbewegung an den Unis breitet sich aus
von Daniel Urbach*

Nachdem in Berlin ein neuer Tarifvertrag für Studierende erstreikt werden konnte (TVStud), entstehen nun mit diesem Rückenwind an vielen Unis Initiativen, die ebenfalls einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte (SHK) erkämpfen wollen. Schließlich ist Berlin bis jetzt die einzige Stadt, in der es einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte gibt, und dieser strahlt wie ein Leuchtturm aus.
Nun haben sich in Bremen, Hamburg, Kassel, Frankfurt am Main, NRW, Potsdam und an einigen weiteren Orten Initiativen gebildet oder organisieren sich gerade, die sich an TVStud Berlin orientieren. Sie lassen wir sich von der Behauptung, sich prekäre Studierende könnten sich nicht organisieren, nicht abschrecken.

TVStud Bremen
In Bremen sind wir seit etwa einem halben Jahr dabei, eine Tarifbewegung aufzubauen. Dabei sind wir eine bunte Mischung aus studentischen Hilfskräften, Ehemaligen und gewerkschaftlich Aktiven. Nicht nur die Geisteswissenschaften, auch Leute aus anderen Fachbereichen sind dabei. Zudem werden wir von Anfang an von Ver.di und der GEW unterstützt. Nach zwei Veranstaltungen mit Aktiven aus Berlin und einer Findungsphase haben auch wir beschlossen, unsere Bewegung TVStud zu nennen.

Die Arbeitsbedingungen
In Bremen gibt es etwa 2000 Stellen für studentische Hilfskräfte. Diese schlagen sich mit Vertragslaufzeiten von 3 bis 6 Monaten herum. Der Stundenlohn beträgt nur 8,84 Euro – das ist der gesetzliche Mindestlohn, d.h. trotz Studium muss man für eine Miete von 350 Euro 40 Stunden arbeiten. Es ist also nicht verwunderlich, dass einige Studierende teilweise zwei Jobs gleichzeitig haben.
Dagegen ist Berlin mit den erkämpften 12,30 Euro, vier Semestern Vertragslaufzeit, mehr Urlaub etc. vergleichsweise ein Traum. Gerade auch, weil studentische Hilfskräfte wichtige Aufgaben an der Universität übernehmen. Ohne uns würden die Bibliotheken, viele Lehrveranstaltungen und die Arbeit an den Instituten nicht funktionieren.

Organizing, Befragung und Aktionen
Nachdem wir unsere Forderungen grob ausgearbeitet hatten, ging es schon los mit Aktionen, um mehr Öffentlichkeit zu schaffen. Angefangen haben wir mit der Aktionsform der Befragung. Wir organisierten Rundgänge und führten ziemlich viele Gespräche unter vier Augen. Dies hatten wir vorher über einen selbstorganisierten Workshop geplant und geübt. Zudem haben wir die Umfrage online gestellt und beworben.
Am Ende haben über 1080 Leute an der Umfrage teilgenommen. Darin haben wir sie zu ihrer Arbeitsbedingungen, Tarifforderungen und Aktionsbereitschaft befragt. Das Ergebnis war teilweise ziemlich deutlich. Zwar ist die Mehrheit noch unentschlossen, aber über 20 Prozent gaben an, sich in einer Gewerkschaft organisieren zu wollen. An Aktionen wollen sich noch mehr beteiligen. Bei den Forderungen ist die Zustimmung nochmal höher. Von den Befragten gaben 90 Prozent an, dass sie einen höheren Lohn wollen, 65 Prozent sprechen sich für eine Dynamisierung des Lohns aus und 60 Prozent wollen mehr Urlaubsanspruch.
Doch bei der Befragung sind wir nicht stehengeblieben. Mit einer Protestaktion kreuzten wir vor der Bürgerschaft Bremens auf, als dort ein Antrag der LINKEN zur Situation der studentischen Hilfskräfte behandelt wurde. Auch wenn unsere Forderungen nicht geteilt werden, sieht inzwischen selbst die regierende SPD Änderungsbedarf, wenn es um deren Arbeitsbedingungen geht.
Auch darüber hinaus waren wir aktiv: Wir organisierten eine Solidaritätsaktion für die Beschäftigten bei Ryanair bei ihrer Auseinandersetzung in Bremen.

Perspektive
Im großen und ganzen konnten wir also schon kleine Erfolge erreichen. Dass wir mit unseren Aktionen so viel Aufmerksamkeit an der Uni und darüber hinaus erzielen konnten, ist ein gelungener Start.
Es gibt noch viel zu tun. Dennoch wollen wir erst mal festhalten, dass wir ziemlich stolz drauf sind, innerhalb eines halben Jahres so eine coole Tarifbewegung auf die Beine gestellt zu haben. Unsere Erfolge mit der Umfrage und der gewonnen Öffentlichkeit motivieren uns jetzt erst recht. Endlich wird wieder stärker am Campus über die eigenen Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Organisierung gesprochen. Für das Jahr 2019 planen wir, unsere Kampagne größer anzulegen und den Organisationsgrad deutlich zu steigern. Sollte dies gut klappen, steht uns sicherlich ein spannendes Sommersemester 2019 bevor.

* Der Autor ist Aktivist bei die Linke.SDS, war über ein Jahr studentische Hilfskraft an der Universität und freut sich darauf, den nächsten Streik zu organisieren. Für weitere Infos zu TVStud Bremen siehe https://tvstud-bremen.de/.


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