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Steter Tropfen höhlt den Stein

Die Proteste bei Amazon haben die USA erreicht
von Violetta Bock

Seit fünf Jahren fordert die Gewerkschaft Ver.di Amazon in Deutschland zu Tarifverhandlungen auf. Und weigert sich Jeff Bezos, Gewerkschaften anzuerkennen. Nur ignorieren kann er sie immer weniger.
Ver.di verfolgt bei Amazon eine langfristige Strategie. Niemand hat damit gerechnet, dass Amazon sich schon nach ein paar Jahren einen so prinzipiellen Standpunkt aufgibt. Erreicht wurde in dieser Zeit dennoch sehr viel. Seit Beschäftigte dort gewerkschaftlich aktiv sind, gab es Lohnerhöhungen (der Einstiegslohn liegt nun bei knapp über 11 Euro), Weihnachtsgeld, die Befristungsquote am Standort Bad Hersfeld ist von 80 auf 20 Prozent gesunken, an allen Standorten gibt es Betriebsräte und an fast allen eine gewerkschaftliche Verankerung. Ebenso geändert hat sich an manchen Standorten das betriebliche Klima. Die Standing ovations bleiben aus, wenn der General Manager den Raum betritt, stattdessen wird er mit Fragen gelöchert. Die Ermächtigung im Alltag, das Erhalten der eigenen Würde und der Wille, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, sind ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis des bisherigen Arbeitskampfs.
Gerade in einem Unternehmen, das seine Beschäftigten gern wie kleine Kinder behandelt und in sog. Safety-Tipps erklärt, wie man sich die Hände zu waschen hat oder eine Treppe benutzt. Einem Unternehmen, in dem erst kürzlich Beschäftigte aus den USA berichteten, dass sie selbst im Winter drinnen ihr Hemd nass schwitzen und die trockene Antwort des Managements auf die Forderung nach einer Klimaanlage lautet: Die Roboter können bei kälterem Klima nicht arbeiten.
Die Dauer des Arbeitskampfs ermöglichte es, Streikphasen für internationale Vernetzung zu nutzen. Inzwischen gibt es zwei internationale Treffen, eines auf der offiziellen Gewerkschaftsebene und ein selbstorganisiertes, bei dem Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen. Auch daraus resultierten schon gemeinsame Aktionen. Am 23.November 2018, dem Black Friday – also dem einkaufsstärksten Tag – fanden Streiks in Deutschland, Spanien, Italien sowie Protestaktionen in Großbritannien statt. Kontakte bestehen inzwischen nach Polen und inzwischen sogar nach China.
Nun hört man auch von ersten öffentlichen Aktionen im Herzen der Bestie, den USA. Die Anzahl der Beschäftigten dort hat sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt. Weltweit arbeiten nun 630000 Menschen für Amazon, nicht mitgerechnet die 100000 Befristungen zur Weihnachtszeit.

Auch in den USA
Schon länger hatten Organizer versucht, in den USA Fuß zu fassen, doch die Befristungen und die Hire-and-fire-Politik erschweren langfristige Strategien. Erfolgreich war nun ausgerechnet eine Gruppe, die sich nicht als Gewerkschaft, sondern mit dem Awood Center organisiert hatte. Das Awood Center (Awood bedeutet Macht auf somalisch) ist eine Community-Organisation in der Region Minneapolis mit dem Ziel, die Bedingungen für ostafrikanische Beschäftigte zu verbessern.
Die Beschäftigten aus Ostafrika, teils geflüchtet aus Somalia, Äthiopien, Djibouti und Kenya, haben vor etwa einem Jahr begonnen sich zu organisieren. Anlass waren Kündigungen von Somalis, weil sie aufgrund der muslimischen Gebetszeiten die geforderten Stückzahlen nicht einhalten konnten. Sie müssen 240–400 Stück pro Stunde bearbeiten, ein Päckchen alle 10–15 Sekunden. Wenn Beschäftigte diese Zahlen nicht erfüllen, droht ihnen die Kündigung. Daraufhin begannen sie sich zu organisieren und führten schließlich Kundgebungen vor dem Lager durch.
Ende September und Oktober trafen sie sich, um mit Amazon über die Arbeitsbedingungen zu reden, dabei waren Beschäftigte von fünf Standorten. Gegenstand der Verhandlungen waren die Arbeitsbedingungen der Lagerarbeiterinnen, der Auslieferer wie auch der Leads, also der Teamleiter. Nachdem ihnen Zugeständnisse angeboten waren, riefen sie zu einer Kundgebung am 14.Dezember auf.
Nur zwei Tage zuvor hatten Gewerkschaften in New York Forderungen an Amazon gerichtet. Im Oktober 2018 eröffnete das Unternehmen in Staten Island ein Fulfillment Center. Im Dezember kündigten Beschäftigte gemeinsam mit der Retail, Wholesale and Department Store Union, der Gewerkschaft für den Handel, einen Vorstoß an.
In Queens soll außerdem ein Standort des Headquarters gebaut werden. Dafür wird es Steuergelder geben. Abgeordnete aus Seattle, dem derzeitigen Headquarter, reisten daher nach New York, um vor den Folgen zu warnen.
In Seattle sind die Wohnungspreise exorbitant gestiegen und Arbeitsrechte werden weiterhin nicht akzeptiert. Es müssen daher Festlegungen getroffen werden, bevor es zu spät ist. Die Gewerkschaft macht dafür einen simplen Vorschlag für New York: Als Gegenleistung für die Subventionen in Höhe von 3 Milliarden Dollar aus Steuergeldern soll Amazon zugestehen, höhere Löhne zu zahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Diese Absicherung gehe nur mit einem Tarifvertrag.
Die Beschäftigten von Whole Worker haben bereits ihre Solidarität zugesagt. Sie organisierten sich im Sommer 2018 bei Whole Foods, einer Supermarktkette, die 2017 von Amazon aufgekauft wurde. Die Mail wurde an tausende Whole-Foods-Beschäftigte gesendet.
Damit ist es inzwischen auch in den USA erklärtes Ziel, gewerkschaftlich etwas gegen Amazons Ausbeutung zu unternehmen.


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