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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2019 |

«Wir werden bei GM nicht mehr betteln»

Das General-Motors-Werk in Oshawa, Kanada, wurde besetzt
Interview mit Gewerkschaftsaktivist Tony Leah*

General Motors hat die Schließung von fünf nordamerikanischen Standorten angekündigt, obwohl der Konzern in den vergangenen Jahren mit Rettungspaketen aus Steuergeldern und Zugeständnissen von der Gewerkschaft über Wasser gehalten wurde. Insgesamt fürchten etwa 6700 Beschäftigte um den Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Gleichzeitig verdient das Unternehmen weiter Milliarden. Weder die UAW, die Gewerkschaft der Automobilarbeiter, noch die Unifor, die größte Branchengewerkschaft im privaten Sektor in Kanada, die die Arbeiter in Oshawa vertritt, haben zu Aktionen aufgerufen. Beschäftigte des Montagewerks Oshawa haben im Januar die Initiative ergriffen und die Produktion mit einem Sitzstreik lahmgelegt. Am 18.Januar protestierten Arbeiter aus Detroit auf der nordamerikanischen Internationalen Automobilshow.
Tony Leah ist seit 38 Jahren Gewerkschaftsaktivist in Oshawa. Er sitzt dem Komitee für Politische Aktion der Gewerkschaft Unifor Local 222 vor und koordiniert das gewerkschaftliche Bildungsprogramm vor Ort. Chris Brooks von Labor Notes sprach mit ihm über den Sitzstreik und warum es wichtig ist, dass die Arbeitenden ihre Macht am Arbeitsplatz nutzen – und nicht nur PR-Strategien verfolgen, um GM an den Verhandlungstisch zu bringen.

Wann habt ihr von der Entscheidung des Managements gehört und wie haben die Kollegen darauf reagiert?

Am Sonntagabend, dem 25.November, sprach es sich rum. Die Gewerkschaft hatte es wahrscheinlich am Nachmittag von GM erfahren. Montagmorgen waren die Leute sauer. Uns wurde erzählt, es würde eine Ankündigung von GM geben, aber jeder wusste bereits, dass sie vorhaben das Werk bis Ende 2019 zu schließen. Das Management erzählte uns, wir sollten um 10 Uhr zusammenkommen, aber wir gingen alle bereits vorher raus. Das Werk wurde geschlossen und wir hatten abends ein Treffen mit der Gewerkschaftsführung.

Was erzählte Unifor?

Sie bezogen die Beschäftigten überhaupt nicht in die Strategie ein. Wir wurden nicht nach unseren Ideen gefragt. Wir sollten bei kleinen Kundgebungen in der ganzen Stadt zusammenkommen und Schilder aufstellen. Die lokale Gewerkschaftsführung sabotierte regelrecht eine Beteiligung oder auch nur Fragen – etwa indem sie Gewerkschaftsvertreter sagten, sie sollten nicht zum Treffen gehen, sondern stattdessen Mitglieder zu einem Protest bringen. Dadurch fiel das Treffen mit der Gewerkschaftsführung wegen geringer Beteiligung dann aus.
Auf nationaler Ebene gab sich Jerry Dias, der Vorsitzende von Unifor, zwar kämpferisch, die tatsächliche Kampagne der Gewerkschaft bestand jedoch vor allem in PR-Maßnahmen – Clips im Radio, im Fernsehen und in den sozialen Medien. Sie sagen, GM schadet den Arbeitenden und der ganzen Stadt – was stimmt – und die öffentliche Unterstützung sei wichtig. Aber das reicht nicht, um GMs Entscheidung zu kippen. Ein Kampf wie dieser erfordert weit mehr. Wir müssen direkt an ihre Gewinne ran. Das war aber leider nicht Teil der Gewerkschaftsstrategie.
Meiner Meinung nach sind die beiden größten Schwächen bisher: Erstens es wird nicht gesehen, dass die Möglichkeit, die Produktion lahmzulegen, ein Schlüssel für den Arbeitskampf ist. Und zweitens wird ignoriert, dass wir Solidarität von der Arbeiterbewegung aus Kanada, ganz USA und aus anderen Ländern brauchen. Jerry Dias hat Unifor vor einem Jahr aus dem Canadian Labour Congress herausgelöst, damit er bei anderen Gewerkschaften wildern konnte. Dadurch ist es schwerer, eine breitere Front aufzubauen. Die Mitglieder hier waren damals gegen die Spaltung. Die Gewerkschaft wird top-down geführt, die haben sich eine Strategie ausgedacht und erwarten, dass sie von allen einfach umgesetzt wird. Es gibt kein Forum für Diskussionen.

Wie wurden die Sit-down-Aktionen organisiert?

Die ganze Woche über war die Stimmung am brodeln. Uns wurde gesagt, Unifor trifft sich mit GM in Detroit, um über die Schließung zu diskutieren. Auf einer Pressekonferenz am 8.Januar sollte es dann die Antwort von GM geben. Zur Zeit der Pressekonferenz, so um 16.30 Uhr, standen die meisten Leute in Gruppen zusammen, um das zu sehen. Angekündigt wurde, dass GM immer noch an der Schließung festhalte. Also setzte sich die Schicht der Truck-Produzenten hin. Das ganze Werk folgte. 700 Leute hörten auf zu arbeiten. Das Management versuchte, sie zurück an die Arbeit zu bringen. Als das nicht gelang, forderten sie alle zum Gehen auf, aber auch da folgte niemand.
Die Gewerkschaft musste reagieren, aber die Standortleitung war in Windsor und brauchte fünf Stunden bis zu uns, nur um eine Rede zu halten. In dieser Schicht wurde nicht produziert. Das entwickelte sich, weil die Leute Hoffnung in das Treffen zwischen Gewerkschaft und Management gesetzt hatten und nichts dabei herauskam.
Am nächsten Tag gab es sporadische Aktionen, aber keine Besetzung. Die Wut ist immer noch da und der Wunsch, Widerstand zu leisten. Die nationale Gewerkschaftsführung hat für den 11.1. zu einer Kundgebung in Windsor aufgerufen, dabei findet der Kampf hier statt. [An der Kundgebung nahmen etwa tausend Beschäftigte teil.]

Kannst du ein Beispiel für die PR-Strategie der Gewerkschaft geben?

Das beste Beispiel ist der «Baum der Hoffnung». Die Gewerkschaft lud zu einer Pressekonferenz, um die öffentliche Kampagne zu starten. Sie fand im Memorial Park statt, ein 20–30 Fuß hoher Weihnachtsbaum wurde enthüllt. Dort sollten Menschen solidarische Botschaften hinterlassen. Es gab Schmuck mit dem Spruch «Rettet GM Oshawa», den Leute bei sich aufhängen konnten, um ihn online zu teilen. Das kommt dabei heraus, wenn man eine Marketingfirma beauftragt; kein Wort darüber, wie man ökonomischen Druck aufbauen kann.
Unsere Mitglieder wollen aggressiver vorgehen. Wir zeigten das, als wir am ersten Tag rausgingen und drei Schichten lahmlegten. Die Gewerkschaft meinte, wir sollten wieder reingehen und zeigen, was für einen tollen Job wir machen können.

Die Gewerkschaft scheint gar keinen Bezug zur Wut der Beschäftigten und deren Familien zu haben.

Genauso ist es. Wir haben in den letzten Jahren auf so viel verzichtet. Seit zehn Jahren haben wir 500 Kollegen, die als «zusätzliche Arbeitskraft» (Supplemental workforce employees – SWE) beschäftigt wurden. Sie machen die gleiche Arbeit, aber für viel weniger Lohn, zunächst 70, dann 60 Prozent des regulären Lohns.
Die SWEs werden als dauerhafte Arbeitskräfte auf Probe betrachtet. Da sie nicht Teil der Stammbelegschaft sind, genießen sie keinen Kündigungsschutz, keine Betriebsrente, keinen zusätzlichen Arbeitslosenschutz, weniger Gesundheitsschutz oder andere Prämien. GM führte diese Kategorie 2007 ein und die Gewerkschaft stimmte zu. Ursprünglich sollte sie nur für kurze Phasen gelten, aber GM wendet das dauerhaft an.
2016 wurde verhandelt, dass die SWEs übernommen werden sollen. Aber obwohl manche seit 2007 bei GM arbeiteten, wurde ihr Beschäftigungsbeginn auf den 26.September 2016 datiert. Sie erhielten also nichts für die Jahre zuvor. Wenn der Standort dieses Jahr schließt, werden bei Abfindungen nur diese drei Jahre berechnet. Angesichts des Lohnunterschieds würde es noch elf Jahre dauern, bis sie den gleichen Lohn erhalten. Die Gewerkschaft rechtfertigte das mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen, aber wie wir sehen, hatte es darauf keinen Einfluss, nur auf die Profite von GM.

Wie ist es, bei GM Oshawa zu arbeiten?

In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Als ich anfing, war das Unternehmen auf Expansionskurs. Wir waren etwa 75 Auszubildende in meiner Klasse und 400 im ganzen Werk. Mitte der 80er hatten wir 3000 ausgebildete Meister und 14000 in der Produktion. Dann folgte eine lange Phase von Entlassungen und die Zahl der produzierten Autos ging zurück. Es war eine schwere Zeit. Heute sind wir 320 Meister und 1800 in der Produktion. Vieles wurde outgesourct, es arbeiten also weitere 1000 oder mehr bei uns, aber für andere Firmen. Darüber hinaus hängen noch 5000 Jobs bei Zulieferern an unserem Standort.

Und all das zu einer Zeit, in der GM Riesengewinne einfährt.

Die Profite von GM seit 2010 sind unglaublich. Allein in den letzten Jahren lagen sie in Nordamerika bei 12 Mrd US-Dollar jährlich.
Sie agieren wie Banditen. Erst haben sie Geld von der Regierung genommen, um ihre Schulden abzuschreiben, dann haben sie das Zweiklassensystem eingeführt [d.h. unterschiedliche Lohngruppen für dieselbe Arbeit]. All das ohne irgendeine verbindliche Gegenleistung. Warum lassen wir es zu, dass unsere gesamte Wirtschaft danach ausgerichtet ist, was am besten für die Unternehmen ist, und nicht für unsere Communities?
Diese Frage sollten wir stellen, statt bei GM zu betteln, damit der Standort offen bleibt. Wenn GM Oshawa verlässt, sollten wir die Produktion in sozial notwendige Produktion umwandeln. Diese Fragen werden in Detroit von den Autoworkers Caravan und der DSA aufgeworfen. Sie fordern, dass Detroit zu einem Motor für einen Green New Deal wird.

* Das Interview wurde auf labornotes.org am 11.Januar veröffentlicht. Übersetzung und Kürzung von Violetta Bock. Beschäftigte aus einem Zulieferbetrieb solidarisierten sich inzwischen ebenfalls mit einem Streik.


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