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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2009 |

Die osmanische Geschichte der Uhlandstraße in Herne

Fragmentarische Erinnerungen

von Hatice Aksoy-Woinek

Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da fasst er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.

Ludwig Uhland, „Als Kaiser Rotbart lobesam”, 4.Strophe

Ob der alte Dichter sich wohl im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, welche Straße ausgerechnet nach ihm benannt wurde, hier in Herne-Sodingen? Welche Schublade auch alle zehn Jahre geöffnet wird, eins ist klar: Die Osmanen kamen doch, Herr Uhland!

Die Frühphase (1978–1988)
Zeit der „Orientierung“

1978 war das Jahr, in dem ein Papst den anderen ablöste. Im Oktober wurde Karol Wojtyla zum Papst gewählt und blieb es auch über die gesamten drei Jahrzehnte während der osmanischen Geschichte der Uhlandstraße.

Ende Januar 1978 zogen wir in diese Straße, zwei Monate vor der Stilllegung der Zeche Mont-Cenis. […] Wir waren eine der ersten türkischen Familien, nach uns kamen noch viele. Vor uns waren eine italienische, sieben oder acht griechische und ansonsten deutsch-polnische Familien da. Diese zogen nach und nach weg. […] In die leer gewordenen Wohnungen zogen Marokkaner und Tunesier ein.

Auf dem Foto sehen sich die Häuser der Uhlandstraße zum Verwechseln ähnlich. Doch Sehen ist eben nicht alles, was dem Menschen zu seiner Orientierung und Entscheidung verhilft. Unterschiedliche Gerüche der diversen Küchen und unterschiedliche Hygienevorstellungen provozierten gelegentlich den Geruchssinn der verschiedenen Parteien. Auch das Hörvermögen war offensichtlich unterschiedlich gefördert und gefordert worden. Vor allem durch die Schichtarbeit waren berufstätige Nachbarn auf ihren ungestörten Schlaf angewiesen. Doch einige Familien kannten diesbezüglich keine Tages- und Nachtzeiten, auch nicht für ihre Kinder.

Gelegentlich streckte ein Nachbar, der von der Nachtschicht gekommen war und tagsüber schlafen wollte, den Kopf aus dem Fenster, fluchte fuchsteufelswild auf die Kinder, deren Väter und Mütter sie nicht beaufsichtigen, geschweige denn erziehen konnten. Das traf die Ehre der sich angesprochen fühlenden Familie, die sich nicht nur mit Worten zur Wehr setzen wollte, und im Nu stand die ganze Straße draußen: die einen als Akteure, die anderen als neugierige Zuschauer. In der Regel endeten solche Gefechte mit dem Herannahen einer Polizeistreife. Die zerstrittenen Parteien sprachen wieder miteinander, sobald sie gemeinsam die Zuschauerrolle spielten, während sich die nächsten Nachbarn wegen irgendeiner Nichtigkeit auf offener Straße beschimpften, beleidigten, bespuckten und schlugen.

Deshalb gab es unausgesprochene Kriterien für bevorzugte und nicht bevorzugte Häuser, als alle Nationalitäten hier angekommen waren. Man wollte Verwandte und Landsleute zu Nachbarn haben. Das ließ sich aber oft gar nicht umsetzen, weil nicht immer im gleichen Haus zur gewünschten Zeit eine Wohnung frei wurde. Manchmal machte einem auch die VEBA einen Strich durch die Rechnung. Nicht selten konnte der Eindruck entstehen, dass es den besseren und den weniger guten Ausländer gab. Die Häuser der Italiener und Griechen sahen, wenn auch minimal, etwas besser in Schuss aus als die der anderen. Den Letzten beißen die Hunde. Die Türken konnten fast aufatmen, als sie nicht mehr die zuletzt Gekommenen waren. Die armen Araber!

Die meisten Häuser waren im miserablen, gesundheitsschädlichen Zustand: Es gab keine Badezimmer. Nicht einmal eine Badewanne im Waschkeller wie in den Häusern der Wilhelm-Busch-Straße. So etwas wie einen Waschkeller konnte man sich nicht mal in der Fantasie ausmalen. Die meisten Keller der Uhlandstraße waren nicht einfach feucht, sondern standen je nach Niederschlagslage unter Wasser, waren schimmelig und wurden von Ratten bewohnt. Das Kohlenholen war daher die größte Strafe für den, der an der Reihe war.

Die Toiletten befanden sich im Flur und wurden von zwei Parteien benutzt. Die Fenster waren undicht und so alt, dass man sich nicht traute, die Rahmen zu putzen, weil das morsche Holz zerbröselte. Die Dächer waren baufällig. Am besten konnte man das zur Winterzeit vom Dachboden aus beobachten. Die zu trocknende Wäsche wurde wegen der angebrochenen Eiszeit steinhart, sodass man jemanden mit einer bloßen Jeans hätte mühelos erschlagen können. Manchmal lag ein Zentimeter Schnee auf der Wäsche. Sogar der weiche Schnee fand seinen Weg durch die einladenden Löcher in den Dächern. Zur Sommerzeit konnte man hingegen staunen, welche Blütenpracht sich hier oben entfaltete. Nicht nur ganze Birkenbäume — das weiß man ja schon, dass sie überall wachsen können –, sondern auch blühende Pflanzen. Die Uhlandstraße war eben ein Trendsetter in Sachen ökologisch wertvolle Dachbegrünung.

In einem der ersten Zechenhäuser am Anfang der Straße wohnte der Hodscha mit seiner Familie. Er war weit davon entfernt, ein echter Moscheevorsteher oder Vorbeter zu sein. Sein Arbeitsfeld konzentrierte sich auf die Vertreibung böser Geister, die unschuldige Menschen anheimgesucht hatten. Und derer gab es viele. An Kunden mangelte es ihm nicht. […] Es gelang ihm mit Hilfe von Gebeten, Zaubersprüchen und sonstigem Hokuspokus, den Menschen zu helfen. Dafür wurde er reichlich belohnt. Psychische und psychosomatische Leiden waren sein Spezialgebiet. Aber auch das Wiederfinden verloren gegangener oder gestohlener Wertsachen bereitete ihm keinerlei Probleme. Dazu benötigte er ein blauäugiges Kind. Da diese Augenfarbe unter den Türken eine Rarität war, musste die kleine Tochter der griechischen Nachbarn dran glauben. Sie musste in eine mit Wasser gefüllte Schüssel schauen und die Person oder den Ort, den sie sah, beschreiben. Auf diese Art tauchten goldene Armreifen, der Hochzeitsschmuck und dergleichen mehr wieder auf, und viele Menschen wurden glücklich gemacht.

Schräg gegenüber von Hodschas Haus lebte eine griechische Familie mit einer sehr alten Großmutter. Diese Frau faszinierte uns alle mit ihren Türkischkenntnissen. Des Rätsels Lösung lag in ihrer Kindheit: Ihre Familie gehörte der noch in der heutigen Türkei lebenden griechischen Bevölkerungsgruppe an. Weil ihre Eltern nicht mehr lebten, hatte sich eine türkische Familie ihrer angenommen und sie groß gezogen. Als sie ins heiratsfähige Alter gekommen war, hatte sie die Familie zu Angehörigen nach Griechenland geschickt.

Im Haus Nr.23 lebten bis zu sieben Parteien. Fünf Wohnungen wechselten regelmäßig den Mieter, zwei blieben bis zum Schluss: das war meine Familie und die griechische Familie Mavridis. Kinder wie Eltern knüpften im Laufe der gemeinsamen Zeit so ein enges Verhältnis, dass Tante Pelagia und meine Mutter wie zwei Schwestern auftraten und Onkel Savas und mein Vater wie zwei Brüder. Über die Jahre sahen sich die Geschwisterpaare auch äußerlich immer ähnlicher. Vor allem die Männer hatten so eine vergleichbare Mimik und Gestik, dass man sie hätte verwechseln können. Tante Pelagia kochte als berufstätige Frau und Mutter von drei Kindern vor allem an Wochenenden und zu religösen Feiertagen die herrlichsten Gerichte. Die Leistungen der griechischen Restaurants sind ein Abklatsch dagegen. Entweder lud sie uns zum Essen ein, oder sie brachte uns immer eine große Schüssel nach oben.

Weder sie noch meine Mutter beherrschten die deutsche Sprache, eine andere stand ihnen nicht zur Verfügung. So saßen sie stundenlang nebeneinander auf einer Couch, ohne eine bestimmte Sprache zu sprechen. Dennoch hatte man den Eindruck, dass sie sich gegenseitig kaum zu Wort kommen ließen, sich mit Händen und Füßen, halb Griechisch, halb Türkisch, halb Deutsch und halb Lazisch artikulierten. Die Lazen sind eine Volksgruppe griechisch- türkischen Ursprungs rund um die Provinz Trabzon am Schwarzen Meer. Vor den Türken lebten hier Griechen, wegen der Türken gingen viele nach Griechenland. Hier heißt die Volksgruppe Pontier oder Pondi (vom Pontischen Gebirge). Zufällig waren wir Nachfahren der Lazen und die Mavridis die der Pontier, der gleichen Volksgruppe also, und als Enkel dieser Minderheitengruppe trafen wir uns mitten im Herzen des Ruhrgebiets. Unsere beiden Familien standen sich zunehmend näher als den eigenen Landsleuten.

Der 11.September hatte zu der Zeit noch nicht die Welt erschüttert. Aber der 12.September 1980 hatte die Türkei verändert. Es war der Tag der Machtergreifung durch das Militär. Von da an kamen auch andere Türken nach Deutschland, Schriftsteller, Künstler, Studenten, Lehrer und Gewerkschafter, kluge Leute eben. Durch sie wurde das politische Leben der Türken in Deutschland stark geprägt. Die Gründung der Arbeiter- und Kulturvereine wurde entweder von ihnen initiiert oder stark gelenkt. Dies hatte wiederum Einfluss auf die Kommunalpolitik. Es war die Zeit der Friedensbewegung. Deutsche und Ausländer marschierten auf Ostermärschen oder anderen Demos Seite an Seite. Auf jeder dieser Veranstaltungen wurde mindestens einmal der Dichter Nazim Hikmet rezitiert: „Leben! Einzeln und frei wie ein Baum…” oder „Das kleine tote Mädchen” (aus Hiroshima).

Eben zu dieser Zeit kamen auch in unser Haus diverse politisch Verfolgte. Das sind die fünf übrigen Mietparteien, die regelmäßig kamen und wieder verschwanden. Einer von ihnen war mein jüngster Onkel, der unmittelbar nach seiner Ankunft den nächsten türkischen Arbeiterverein ausfindig machte und die komplette Familie dort einführte. Er blieb nicht lange, hinterließ der Familie aber die Tradition, jedes Jahr möglichst geschlossen an der Maikundgebung teilzunehmen. Ich erinnere mich noch an zwei Studenten aus Istanbul, die es geschafft hatten, die Türkei rechtzeitig zu verlassen. Sie führten mit uns Heranwachsenden politische und philosophische Gespräche. […]

Im Mai 1981 rannten die Kinder der Nachbarn die Straße rauf und runter und schrien wie Zeitungsjungen: „Man hat auf den Papst geschossen! Ein Türke war‘s, ein Türke hat auf den Papst geschossen!!!“
Ich ging damals in die sechste Klasse. Noch bevor ich den Schulhof betrat, wurde ich von einem ansonsten sehr netten Mitschüler angehalten: „Na, seid ihr jetzt froh? Ihr seid Mörder.” — Wenn man Traurigkeit über dieses Attentat bei verschiedenen Menschen vergleichen könnte, wäre meine bestimmt unvergleichbar größer als seine, weil der Attentäter eben ein Türke war. Ich schämte mich. […]

Die Blütephase (1988—1998)
Interkulturelle Potenziale mit Risiken und Nebenwirkungen

Meine Mutter verfügte über besondere Heilkräfte. Sie stand mit dem Hodscha keineswegs in einem Konkurrenzverhältnis. Ganz im Gegenteil: Während jener sich auf psychische oder psychosomatische Erkrankungen spezialisierte, befasste sie sich weitgehend mit somatischen Symptomen. Knochenverrenkungen und -brüche waren ihr Gebiet. Mit Olivenöl ertastete sie die schmerzende Stelle, renkte sie wieder ein und verband sie mit wärmenden Mitteln. Sie verstand sich auch auf dem Gebiet der Nabelbrüche hervorragend. Dabei musste sie ihre Patienten nicht einmal selbst sehen. Deren Vorname genügte vollkommen.

So kam es, dass wir einen Anruf von einer griechischen Frau aus Herten bekamen, deren Tochter über starke Bauchschmerzen klagte. Tante Pelagia, die mit zahlreichen anderen griechischen Frauen bei Blaupunkt arbeitete, hatte unter ihren Landsfrauen die Werbetrommel für meine Mutter geschlagen und ihre eigenen Erfahrungen zum Besten gegeben. Irgendjemand hatte diese Geschichte über Hernes Grenzen hinaus getragen, wahrscheinlich in der griechisch-othodoxen Kirche in Dortmund, in der sich die griechische Gemeinde aus dem gesamten Ruhrgebiet versammelte. Die Frau am anderen Ende des Telefons musste wohl genaue Instruktionen über das Prozedere erhalten haben, denn sie sagte nur: „Mama sagen, Katarina krank. Mama kucken, ja?” Unsere Mama guckte: Dazu nahm sie einen flachen leeren Teller und eine Nähnadel zur Hand, drückte mit dem Zeigefinger die Nadel auf den Teller, hob den Finger und je nach dem, ob die Nadel an dem Finger haften blieb und in welche Richtung sie beim Abfallen hinfiel, gab es unterschiedliche Diagnosen und entsprechend verschiedene Therapierituale. Sie konnte am Fall der Nadel auch sehen, ob es sich eventuell um andere Beschwerden handelte, für die sie sich nicht zuständig fühlte und wo sie dem Patienten empfahl, einen Arzt aufzusuchen. Als Lohn für ihre Arbeit erhielt sie meist Naturalien: Wolle, Handtücher für die Aussteuer ihrer Töchter, Unterwäsche oder Lebensmittel.

Das Café an der Händelstraße/Ecke Mont-Cenis-Straße trug den Namen meines Vaters Bei Osman, zumindest tagsüber. Hier verkehrten von morgens bis abends die unterschiedlichsten Kunden verschiedener Herkunft und verschiedener Gehaltsstufen, vom polnischen Obdachlosen bis zum deutschen Rechtsanwalt, und philosophierten über Gott und die Welt und betrieben Thresenrevolution. Mein Vater und meine Mutter stritten sich oft wie Don Camillo und Peppone.

Viele Kunden waren außerstande zu bezahlen, zumindest nicht sofort oder nicht mit Geld. Es wurde gelegentlich mit Naturalien bezahlt: alte Möbelstücke vom Sperrmüll, Wolle zum Stricken, Regenschirme und ähnliches mehr. Ein Kunde arbeitete in einer Bäckerei und brachte einmal in der Woche einen großen blauen Müllsack voll frischer Brötchen.

Die Freundinnen meiner Mutter kamen an jenen Vormittagen auch ins Café — ja, türkische Frauen mit Kopftüchern in einem Café. Hier in Sodingen galten eben eigene Regeln, Normen und Gesetze. Sie bekamen je einen Dutzend Brötchen aus dem Sack, tranken ihren Tee, plauschten über das nie endende Thema: Wer hat wo, welche Wehwehchen und wer kann sie noch toppen?, bedauerten sich gegenseitig und gingen wieder ihrer Wege. Die gemeinsamen Vormittage im Café nutzten die Frauen auch, um sich gegenseitig ihre aktuellsten Handarbeiten vorzuführen und Muster auszutauschen. Auch die Handarbeiten anderer Kulturen fanden hier ihren Weg zum Austausch. Es gelang den Expertinnen im Handumdrehen, die dargebotenen Muster nachzuhäkeln und sie mit eigenen Elementen zu vervollkommnen. So entstand aus der Verbindung zweier Kunstwerke ein drittes, noch nie da gewesenes.

Am Abend wurde das Café umbenannt: Café famous gehörte von 18 Uhr bis in die frühen Morgenstunden meinem Bruder. Die türkischen Klänge revolutionärer Musiker wurden abgelöst durch Bob Marley und Co. Die Parallelgesellschaft fing wahrscheinlich hier schon an. Es war eine Anlaufstelle für junge Leute, die mit der letzten Bahn aus Bochum zurück nach Herne kamen und noch einen Absacker trinken oder noch etwas Warmes essen wollten — die Köftes meiner Mutter waren sehr beliebt. Nirgendwo anders gab es so etwas, nicht mal in großen Städten. Die Polizei sah das zwar nicht gerne, duldete es aber, dass Osman seinen Laden rund um die Uhr geöffnet hatte. Zumindest mussten die Obdachlosen nicht draußen schlafen.

Anfang der Sommerferien reisten viele in ihre Herkunftsländer. Die Verabschiedungsrituale, denen sich alle stellten, wurden der türkischen Kultur entnommen. Man schüttelte sich die Hände, umarmte sich, bat darum, alle Sünden zu vergeben, falls man welche begangen hätte, und die guten Taten, die man von dem Reisenden erhalten hatte, zu segnen. Anschließend wurde hinter das losfahrende, voll bepackte Auto ein Eimer Wasser ausgeschüttet. Der Reisende sollte wie das Wasser zu seinem Ziel unbeschadet wieder zurückfließen. Oder so ähnlich.

Am Ende der Sommerzeit kamen alle wieder zurück und brachten sich gegenseitig Geschenke aus der Heimat mit: reines Olivenöl und Feigenmarmelade aus Griechenland, Haselnüsse und mit Knoblauch eingelegtes Gemüse aus der Türkei, Datteln und Henna aus Marokko, und so weiter.

Für das kommende Frühjahr brachten die Frauen auch Sämlinge mit. Wie kleine Schuljungen besonders wertvolle Karten tauschen, so setzten sich die Nachbarinnen zusammen und tauschten ihre Sämlinge. Manchmal hätte man meinen können, im Café Osman findet eine Weltausstellung über die Vielfalt der Bohnenpflanze statt.

In dieser Café-Ära der Familie Osman lernte meine jüngste Schwester den griechischen Freund unseres Bruders, der ebenfalls ein Kind der Uhlandstraße war, näher kennen. Sie verliebten sich ineinander und wollten heiraten. Weil unsere Mutter sie noch zu jung fand und ihr die Heirat nicht erlaubte, brannte sie mit ihm durch. Also wurde geheiratet. Und wie! Wo hatte man das schon gesehen, eine griechisch-türkische Hochzeit? Es war keine gewöhnliche Hochzeitsfeier. Es war ein Straßenfest. Die Hochzeitsrituale beider Kulturen wurden wie im Wettstreit miteinander ausgelebt. […]

Zwei Jahre später wurde ein Sohn geboren. Nach griechischer Tradition sollte der Erstgeborene den Vornamen des Großvaters väterlicherseits erhalten. Er heißt Christos. Die türkische Seite war der Meinung, wenn es denn der Name des Großvaters sein müsse, dann ginge doch auch Osman. Zwei sprechende Namen zwischen Orient und Okzident konkurrierten neun Monate lang miteinander. Je näher der Geburtstermin rückte, umso heftiger wurde der Streit. Schließlich entschieden sich die Eltern für einen dritten, unparteiischen Namen und die Gemüter beruhigten sich.

Die Spätphase (1998—2005)
Der Zerfall

Inzwischen hat die erste Generation längst das Rentenalter erreicht und steht vor der Entscheidung, ihr letztes Zuhause zu finden. Den meisten fällt es schwer, für immer zurückzukehren in das Land, das ihnen längst fremd geworden ist. Diese Gruppe bleibt hier und verschiebt die Entscheidung Jahr für Jahr. Dazu zählen meine Eltern. Einige andere haben eine Kompromisslösung gefunden: Ein halbes Jahr leben sie in dem mühselig erarbeiteten Haus im Herkunftsland und ein halbes Jahr bei ihren Kindern in Deutschland, wie Tante Pelagia und Onkel Savas. Sie versäumen es niemals, meine Eltern zu besuchen, wenn sie wieder in Deutschland sind.

Im Januar 2005 ging unter den ehemaligen Anwohnern und Nachbarn, die inzwischen über alle Stadtteile Hernes verstreut sind, wie ein Lauffeuer die Nachricht um: „Sie reißen unsere Häuser ab, sie reißen unsere Häuser ab!” Auch die alten Nachbarn, die inzwischen nicht mehr in Deutschland leben, wurden telefonisch benachrichtigt.

Ein türkischer Rentner sagte: „All die Zeit, als die Häuser so leer da standen, die Straße so leer gefegt war, ohne den Lärm der schreienden Kinder, da wurde mir ganz schön schwer ums Herz. Jetzt ist es überstanden. Endgültig vorbei.“
Eine Frau weinte sogar: „Es ist so, als hätte ein enger Angehöriger lange Zeit im Koma gelegen und sei nun gestorben.“

1978 konnte man an der Kreuzung Mont-Cenis-Straße/Kantstraße/Uhlandstraße alles kriegen, was man brauchte: Es gab einen Aldimarkt, ein Schuhgeschäft, einen Laden für Damenmoden, einen für Zoobedarf, eine Bäckerei, eine griechische Schneiderei, eine Pommesbude und vieles mehr. Bis 2005 sind diese Geschäfte verschwunden. Jetzt gibt es hier drei türkische Teestuben, ein Spielcasino, ein Wettbüro, einen türkischen Friseurladen und einen türkischen Obst- und Gemüsehändler.

Das Café Osman existiert nicht mehr. Das trifft meinen Vater wohl am meisten. Er hat das Café verkauft, weil er zu alt geworden war. Doch nach dem Verkauf ist er erst recht gealtert. Aus seinem Zentrum für interkulturelle Begegnungen ist eine typisch türkische Teestube geworden. Aber immerhin tröstet er sich damit, dass er seinen Traum verwirklichen konnte.

Meine Eltern wohnen jetzt am Westring. Endlich eine Wohnung mit Badezimmer und WC innerhalb der eigenen vier Wände. Auch andere Nachbarn wohnen am Westring. Dennoch sind sie alle traurig und vereinsamen zunehmend. Denn der Westring ist groß. Und der Westring ist laut. Die Zeiten sind vorbei, in denen man sich von Fenster zu Fenster unterhalten konnte oder mal eben mit den Badelatschen zur Nachbarin laufen und ihr die frisch zubereiteten Baklava bringen konnte.

Zu Beginn war jeder jedem fremd. Man sehnte den Vertrauten herbei. Ähnliche oder gar gemeinsame Erfahrungen führten zur absoluten Vertrautheit, die keiner Sprache bedurfte. Allmählich wurde das Vertraute fremd, sowie das Fremde vertraut.

Ausblick

Lieber Herr Uhland,
es stimmt: Die Osmanen kamen, und das nicht mal allein: vor ihnen die jungen Römer und Griechen, nach ihnen die Araber. Mehr noch: Sie bleiben. Machen Sie sich aber keine Sorgen. Es gibt keine Sieger und Besiegten. Es gibt lediglich Begegnungen und Berührungen, die Spuren hinterlassen.

Meine Kinder sind väterlicherseits die Urenkel eines polnischen Bergmanns. Mein Sohn trägt Ihren Vornamen in modernisierter Form (Luis), aber neben einem türkischen Namen arabischen Ursprungs (Cem: Der Schöne). Man könnte auch sagen: Der schöne Ludwig.
Damit dürfen Sie in Frieden ruhen, weil Sie weiterleben.

Übrigens, ich war schon sehr beunruhigt, als ich zu meiner Schulzeit Ihre Ballade erstmals zu lesen bekam. Ich hatte keinen Frieden, bis ich schließlich an der Uni lernte, dass man derlei Texte in ihrem historischen Zusammenhang sehen muss.
Und ich bin doch eine brave deutsche Bürgerin!

Hatice Aksoy-Woinek ist Lehrerin für Deutsch und Philosophie an der Gesamtschule Wanne-Eickel. Ihren Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin leicht gekürzt übernommen aus: „Tauben, Texte und Altäre. Sozialgeschichtliche Streifzüge durch Wanne-Eickel und Herne”, Der Emscherbrücher, Bd.13, 2005/06


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