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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wassili Grossman: Leben und Schicksal

Berlin: Claassen, 2007, 1084 S., 24,80 Euro; Taschenbuch- Ausgabe: Berlin: List, 2009, 1084 S., 14,90 Euro
von Jochen Gester

Der Winter steht vor der Tür, lange dunkle Abende und vielleicht eine Insel mit lohnarbeitsfreier Zeit am Jahresende. Zeit, sich auch mal wieder etwas mehr zuzumuten an schwerer Kost und langer Lektüre. Mein Tipp: Leben und Schicksal (Originaltitel: Shisn i sudba) von Wassili Grossman.

Das Buch ist ein Roman und stellt das Lebenswerk des Autors dar, an dem er zwanzig Jahre gearbeitet hat. Es ist sein Vermächtnis. Der Autor war fasziniert von Tolstois Krieg und Frieden und hoffte, eine zeitgemäße Version dieses Epos zu formulieren. Das Buch umfasst die Zeitspanne von 1941 bis 1960, wobei die Kriegsjahre den Schwerpunkt bilden. Die schriftstellerische Leistung Grossmans, in mancher Hinsicht mit der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss vergleichbar, besteht darin, dem widersprüchlichen Doppelcharakter der damaligen Sowjetunion literarische Form zu geben. Grossman gelingt es, das große historische Verdienst der Soldaten der Roten Armee für die Niederschlagung des Hitlerfaschismus zu würdigen, ohne die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschönigen, die dermaßen durch den stalinistischen Terror gezeichnet waren, dass es schwerfiel, darin noch ein emanzipatives Projekt zu erkennen.

Wassili Grossman wurde in der ukrainischen Stadt Bertischew geboren und wuchs in einer Familie säkularer Juden auf. Die deutschen Invasoren verhafteten 1941 zehntausend jüdische Bürger dieser Stadt und brachten sie um, darunter auch Grossmans Mutter, von deren Tod er jedoch erst 1944 erfuhr. Zur Dokumentation dieser Verbrechen hat Grossman später zusammen mit Ilja Ehrenburg u.a. das „Schwarzbuch der Russischen Juden” herausgegeben. Nach der Einnahme Bertischews meldete sich Grossman zum Einsatz in der Roten Armee und bestand darauf, an die Front geschickt zu werden. Dort arbeitete er bis Kriegsende als Korrespondent der Tageszeitung Krasnaja Swesda („Roter Stern“) und war durch seine authentischen und wahrheitsgemäßen Berichte bei den Rotarmisten sehr beliebt. Zentrale Teile von Leben und Schicksal handeln an der Front und in der Etappe der Roten Armee, einige auch in der Zivilgesellschaft.

Verfolgt wird u.a. die Person des Atomphysikers Strum, dessen Hoffnungen und Ängste, geworfen zwischen Anpassung und Verweigerung, veranschaulichen, wie das stalinistische Regime Individuen deformierte und ein selbstbewusstes, freies Leben verhinderte.

An der Front begleitet der Korrespondent die Soldaten, die unter vielen Opfern gegen die deutsche Überlegenheit ankämpfen, beschreibt ihr Leben in den Schützengräben, folgt den Flüchtlingstracks, beschreibt die Zerstörung der russischen Städte und das Überleben in den Ruinen.

Einer seiner Romanhelden ist der überzeugte Bolschewik und Parteikommissar Krymow, der am Schluss nach einer Denunziation mit absurder Anklage Folter und Gulag erlebt, sich jedoch nicht dazu durchringen kann, den Machtanspruch der Partei infrage zu stellen.

Einige Kapitel spielen auch auf der deutschen Seite der Front, ein Abschnitt sogar bei Hitler in der Berliner Reichskanzlei. Es zeichnet den Autor aus, dass es ihm gelingt, die Bestialität der faschistischen Politik anzuprangern, ohne die Träger dieser Politik zu Monstern zu machen. Die in die Wehrmacht eingezogenen Arbeiter unterscheiden sich als soziale Personen und in ihren Lebensäußerungen kaum von den Klassengenossen auf der anderen Seite der Front. Der Roman findet auch den Weg in die sibirischen Gulags, deren Existenz damals noch tabuisiert wurde.

Ein sehr bewegendes Kapitel zeichnet die Vernichtung ganzer jüdischer Familien nach, deren letzte Lebensstunden vom Verlassen der Züge bis zum Tod in der Gaskammer vom Autor nachempfunden wird. Grossman war davon überzeugt — so scheibt Jochen Hellmann in einem Nachwort –, dass die gefallenen Soldaten für einen moralischen Zweck starben. „Sie opferten sich, damit andere leben konnten. Sie starben für das sowjetische Volk und eine bessere Welt.“

Und doch hatte der stalinistische Alptraum zur Folge, dass der Autor die Hoffnung verliert, der Funke der Oktoberrevolution könne wieder aufglimmen. Es war das perfide und abstoßende Wechselbad aus Furcht und Faszination der Sowjetbürger selbst, das die untertänige Beziehung zu „Väterchen Stalin” prägte und Grossman den Mut nahm:

„Er brauchte nicht zu befehlen: Gebt dem oder jenem eine Auszeichnung, eine Wohnung, baut ein Forschungsinstitut für ihn! Er war erhaben, um über solche Dinge zu reden. Das taten seine Helfer, sie lasen ihm die Wünsche von den Augen ab, errieten den Tonfall seiner Stimme. Es reichte, wenn er einen Menschen gutmütig anlächelte, um dessen Schicksal total zu verändern: Darbte der Mensch gerade noch in der Finsternis, im Nichts, so wurde er nun mit Ruhm, Ehre und Macht überschüttet. Und Dutzende von mächtigen Personen neigten dem Glückspilz ihr Haupt, denn Stalin hatte ihn angelächelt, mit ihm gescherzt, ihn angerufen.“

Nach der Erfahrung, dass Millionen sich für den Massenmord der Nazis instrumentalisieren ließen, und dem Erlebnis, wie es einem stalinistischen Regime gelingt, ein Leben in Unfreiheit und Lüge zu erzwingen, blieb Wassili Grossman nur noch die Hoffnung, der Mensch könne es schaffen, die menschliche Güte gegen das Verlangen übermächtiger Staatsgewalten zu verteidigen.

Das Schicksal hat sicher auch zu diesem pessimistischen Fazit beigetragen. Denn Wassili Grossman hatte das Manuskript nach der Rede Chruschtschows auf dem 20.Parteitag der KPdSU 1956 vergeblich zur Veröffentlichung eingereicht. Die Zensoren waren entsetzt, und der Parteitheoretiker Michail Suslow erklärte ihm, dieses Werk könne erst in zwei Jahrhunderten erscheinen. Um dies auch praktisch sicherzustellen, wurden alle auffindbaren Manuskripte konfisziert, sogar das Durchschlagpapier und die Farbbänder wurden mitgenommen. Trotzdem fand ein unentdecktes Manuskript, abfotografiert und auf Mikrofilm kopiert, über den Dichter und Übersetzer Semjon Israilewitsch einen Weg in die Schweiz, wo es 1980 erscheinen konnte.
Doch anders als bei den Schriften Alexander Solschenizyns traf Grossmans Vermächtnis auf wenig Interesse. Grossman selbst erlebte das Erscheinen des Buches nicht mehr. Er starb 1964 einsam und verbittert qualvoll an Krebs. Auf dem Sterbebett zog er das Resümee: „Sie haben mich im Torweg erwürgt.“


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