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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Das Lachen der Hannah Arendt

Hannah Arendt, Deutschland 2012. Regie: Margarethe von Trotta
von Tanja Schultz

Dieser Film war lang erwartet worden, da er in einer Reihe mit Trottas anderen großen Frauenfilmen, Bleierne Zeit, Rosa Luxemburg und Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (stets mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle) – steht, und weil Hannah Arendt zurzeit als kompromisslose Denkerin der Globalisierung und Menschenrechte wieder neu entdeckt wird.
Entgegen der ursprünglichen Konzeption ist er nicht als Biografie angelegt, sondern erzählt vier für Hannah Arendt wichtige Jahre, in denen sie für die amerikanische Zeitschrift The New Yorker aus Jerusalem über den Eichmann-Prozess berichtet und die unmittelbaren Reaktionen darauf erfährt. In diesem Zusammenhang entwickelt sie ihre umstrittene These von der «Banalität des Bösen», durch die sie Opfer einer erheblichen Rufmordkampagne wird.
Es ist eine der starken Szenen des Films: Barbara Sukowa sitzt als Hannah Arendt im Presseraum und beobachtet den Prozessverlauf nebenan auf dem Fernsehbildschirm, auf dem die original-dokumentarischen Fernsehbilder laufen. Darauf sieht sie, und mit ihr die Filmzuschauer, einen sehr banalen, kleinen Mann mit einer großen Brille und nicht den von ihr und der Welt erwarteten Teufel. Dieser Mann ist Adolf Eichmann, verantwortlich für den Transport unzähliger Juden in die Konzentrationslager und somit ihren Tod.
Man schreibt das Jahr 1962 und man hat sich daran gewöhnt, die Verbrechen der NS-Zeit zu dämonisieren, um sie sich auf diese Weise vom Hals zu halten. Jetzt sieht Hannah Arendt Adolf Eichmann ins Gesicht – und Barbara Sukowa macht das großartig. Sie scheint ihn zuerst mit ihrem Blick auszusaugen. Auf ihre unvergleichlich distanziert-kühle Art betrachtet sie ihn. Darauf zieht sie den Blick in sich zurück, man vermag es kaum Staunen nennen, dann schaut sie nochmal auf ihn drauf, ungläubig, ein wenig auch fordernd, ein Verstehen suchend, empört. Ihre Reaktion ist ein Lachen. Und sie schafft es, in diesem Lachen die disparaten Haltungen zu dem, was sie sieht, aufzufangen.
Damit kommt sie dem Denken der Hannah Arendt sehr nah – und ihre äußerliche Differenz, das so viel feinere Gesicht – ist gerade in diesen Momenten besonders wohltuend, weil es äußerlich nicht einfach nachahmt. Stattdessen versucht sie, unter der Regie Margarethe von Trottas, Arendts Denken mit filmischen Mitteln auf die Spur zu kommen. Dieses Lachen hat für Arendt auch eine theoretische Relevanz: Es schafft, weil es sich nicht auf pathetische Inszenierungen einlässt, Freiheit. Diese Freiheit verteidigt sie kompromisslos.
Ein Zentrum des Films sind auch die Szenen in ihrer New Yorker Wohnung, wo sie mit ihrem Mann und ihren Freunden eine den großen europäischen Salons ähnelnde Geselligkeit pflegt. Dort wird viel gedacht, gesprochen, geraucht und gelacht.
Arendt steht hier immer im Mittelpunkt, und ihr Gelächter kann bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihres Eichmann-Berichts jede Differenz auffangen und aushalten. Derer gibt es viele, vor allem mit ihrem alten Studienfreund Hans Jonas, den sie seit gemeinsamen Studienzeiten bei Heidegger aus Deutschland kennt, und den sie als ihre Familie bezeichnet. Er reagiert auf ihre Darstellung, dass die Judenräte zum Ausmaß der Vernichtung durch ihre Verwaltungstätigkeit mit beigetragen hätten: «Du willst uns eine Mitschuld an der Shoah unterjubeln.» Sie sieht das viel kompromissloser und lässt sich darin auch im engsten Freundeskreis nicht beirren. Vor der Veröffentlichung des Berichts lachen sie und Jonas hoch reflektiert miteinander.
Großartig wie die Sukowsche Hannah Arendt an ihrer Fakultät nach ihrer Rechtfertigungsrede voller Freude und Hoffnung auf ein solches, befreiendes Lachen auf Hans Jonas zugeht. Dieser, eindrücklich darstellt von Ulrich Noethen, hat ihr zwar zugehört, dies ändert aber nichts am Bruch zwischen ihnen. Das Drama spiet sich sehr präzise in ihren Gesichtern ab. Während sie hoffnungsvoll und freudig auf ihn zugeht, mauert Noethen sein Gesicht so zu, dass ein Lachen völlig unmöglich erscheint. Auf diese Weise vollzieht er den Bruch mit ihr, der beim Zuschauen unter die Haut geht und fast unerträglich schmerzt. Keine großen Worte, aber im Grunde ist alles gesagt. Es sind diese Abstufungen der Ablehnungen, die diesen Film so sehenswert machen, denn natürlich werden auch die öffentlichen Ablehnungen gezeigt, bis hin zu den gespenstischen Bedrängungen des Mossad.
Die Vielschichtigkeit der Einsamkeit einer herausragenden, unabhängigen Denkerin, die denkend und rauchend immer so ganz bei sich zu sein scheint, ist beeindruckend. Diese Unabhängigkeit verbindet Hannah Arendt in den Augen ihres langjährigen Freundes Karl Jaspers mit Rosa Luxemburg, ein Faden, den Margarethe von Trotta gekonnt aufnimmt und in ihre Handschrift anverwandelt.
Die Entscheidung, den schweren deutschen Akzent der Arendt im Englischen hörbar zu machen – teilweise ist er Englisch mit deutschen Untertiteln – ist filmtragend und zwingend, denn dieser Akzent zeigt, bei aller Mehrsprachigkeit, ihre Beheimatung im Deutschen, in der europäischen Philosophie, und erlaubt auch die Darstellung der Ironie, des Gelächters bei Arendt als eine europäisch-fundierte, philosophische Haltung zur Welt, eine Freiheit des Verstehenwollens. Wegen dieser Haltung wird sie missverstanden und als arrogant verkannt. Sie ist von der heftigen Reaktion auf ihren Versuch, einen Zugang zu den Dingen zu finden, überrascht und sehr verletzt, bleibt aber in der Sache konsequent.
Problematisch ist jedoch, wie sie privat mit ihrer Freundin Mary McCarthy die Vertrauensfrage im Hinblick auf Männer im Allgemeinen und ihrem Mann Heinrich Bühler, herausragend dargestellt von Axel Milberg, im Besonderen erörtert. An dieser Stelle zeigt der Film Arendt als naiv und blind, was im Hinblick auf den Eichmann-Komplex eine problematische Färbung ergibt, weil es den Akzent der Debatte um die philosophische, politische und historische Blindheit Arendts verstärkt. Ihre kontroverse Position müsste hier nicht privat illustriert werden, aber das zeigt die Handschrift Trottas, die in den 70ern gelernt hat, dass das Private öffentlich sei und umgekehrt.
Äußerst gelungen dagegen sind die empathischen und innigen Szenen, die Hannah Arendt mit ihrer Freundin Mary McCarthy zeigen. Hier wird die ganze Bandbreite einer wunderbaren Frauenfreundschaft gezeigt, in einer Atmosphäre, die dem Briefwechsel zwischen den beiden zu entnehmen ist. Der Film zeigt das Faszinosum einer unbedingt loyalen, solidarischen, menschlich und intellektuell gleichermaßen verbindlichen Freundschaft, geprägt von Gelächter und spielerischem Witz. Und er macht den Unterschied zu einem Gelächter, das Differenzen überwinden muss, deutlich, und dass manchmal auch einfach ein weibliches Gekicher sein darf. Dieses Refugium einer Frauenfreundschaft sowie die innige Beziehung zu ihrem Mann Heinrich Blücher lässt sie das einsame und kompromisslose Geschäft des Denkens aushalten und sie nicht zu einer einsamen Frau werden.
Hannah Arendt hat sich sorgsam in ihrem Denken und Leben eingerichtet und der Film trägt dem durch die präzise und liebevolle Ausstattung Rechnung: Von der Kleidung, der Anordnung der Dinge auf dem Schreibtisch, der Raumgestaltung stimmt einfach alles und man schaut diesem Kammerspiel, welches eine der wichtigsten Denkerin des 20.Jahrhunderts wieder in Erinnerung bringt, sehr gerne zu. Allerdings ist fraglich, ob der Film sie auch einem jüngeren oder mit ihr nicht so vertrauten Publikum nahe bringen kann, denn es wird einiges an Vorwissen vorausgesetzt und auch die biografischen Rückblicke, klug inszeniert durch eine Fragestunde im Seminar mit ihren Studenten, sind wohl zu sparsam, um ausreichend zu informieren. Aber das ist vielleicht auch zu viel verlangt.
Verwiesen sei an dieser Stelle noch auf den Film Ein Spezialist des israelischen Regisseurs Eyan Sivan von 1998, der aus den original-dokumentarischen Fernsehaufnahmen des Eichmann-Prozesses besteht.


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