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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Gerhard Schoenberner: Fazit

Hamburg: Argument, 2011. 191 S., 17,90 Euro
von Werner Abel

Lyrik hat selten oder nie Konjunktur in Deutschland. Wenn aber einer einen Band Gedichte, Prosagedichte nennt der Verfasser sie selbst, vorlegt und die Rezensenten – unter ihnen Martin Walser, Eckart Spoo, Fritz J. Raddatz, Matthias Ehlers, Walter Kaufmann und Friedrich Dieckmann – meinen, dass einiges an Hölderlin erinnert und dass seit Brecht solche Gedichte nicht mehr zu lesen waren, dann muss es sich um etwas Besonderes handeln. Und das ist in der Tat auch so:
In dem 2011 erschienenen Band „Fazit“ zog der damals achtzigjährige Gerhard Schoenberner eine Art Bilanz seines Lebens, in die vor allem seine Erfahrungen mit jenem «Jahrhundert der Katastrophen», aber auch die mit denen des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts einflossen. «Mir ist», schrieb Martin Walser, «keine Literatur in deutscher Sprache bekannt, sei es Gedicht oder Prosa, die den Gedichten Schoenberners vergleichbar wäre. Vergleichbar in der Härte und Genauigkeit dessen, was Deutschland im 20.Jahrhundert vollbrachte.»
Walser kannte den streitbaren Journalisten und Historiker, dessen Buch „Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945“ zum Klassiker geworden war, seit den frühen 60er Jahren. Zu dieser Zeit hatte Walser eine Anzahl von Schriftstellern und Journalisten dafür gewinnen können, für eine Brechung des konservativen Regierungsmonopols zu plädieren. Lesen kann man das noch heute in dem legendären Rowohlt-Bändchen „Die Alternative oder Wir brauchen eine neue Regierung“.
Schoenberner gehörte, in der Retrospektive verwundert das nicht, zu den Mitstreitern Walsers. Für den engagierten Antifaschisten Schoenberner, der seine negativen Erfahrungen mit der offiziellen Vergangenheitspolitik der Bundesrepublik gegenüber den nationalsozialistischen Verbrechen und dem sich immer offener artikulierenden Neonazismus machen musste, war diese Parteinahme eine logische Konsequenz. Die Auseinandersetzung mit dem Faschismus prägte sein Leben so wie die Initiativen, die von ihm ausgingen oder an denen er sich beteiligte. Dazu nutzte er vielfach das Medium Film und verarbeitete seine Erfahrungen als Leiter des Deutschen Kulturinstituts in Tel Aviv, als Mitbegründer des Hauses der Wannsee-Konferenz und Mitglied der Fachkommission Topographie des Terrors.
Folgerichtig gehörte er auch zu den Initiatoren des «Aktiven Museums – Faschismus und Widerstand». Unmöglich alles das aufzuzählen, was er auslöste, woran er sich beteiligte und in welche politischen Kämpfe er sich eingemischt hatte. Erwähnt werden sollte aber die in Versform gegossene «Selbstanzeige» an das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz, in der sich Schoenberner antifaschistischer, demokratischer und pazifistischer Aktivitäten beschuldigte, und dass er, wie eine Chronik zeigt, in allen wichtigen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik Partei für die Demokratie und den Antifaschismus ergriffen hatte.
Wer Gerhard Schoenberner kennenlernen will, der sollte „Fazit“ lesen. Man kann das chronologisch tun oder selektiv, man wird in jedem Fall immer weiterlesen oder zum nächsten Gedicht greifen. Kein Verbrechen, keine Ungerechtigkeit blieb ihm verborgen, aber wie er damit umgeht, wie zum Schluss immer wieder Hoffnung aufscheint, in einer Sprache, kurz, prägnant, logisch, aber doch wieder emotional, das macht wohl die Singularität seines Schreibens aus. Seine Gedichte sind sehr persönlich, gleichzeitig aber eminent politisch, denn sie zielen auf das Ganze, auf die Gesellschaft, auf die Geschichte mit ihren Tragödien und Triumphen.
«Nur wer an der Welt wirklich interessiert ist, der sollte eine Stimme haben», hatte Hannah Arendt geschrieben. In Schoenberner personifiziert sich diese Forderung und nimmt Gestalt an. Auch ein weiterer Gedanke der deutsch-jüdischen Philosophin könnte das illustrieren, was Schoenberner wohl antrieb. Sie wolle, sagte sie sinngemäß in einem Gespräch, keine fertige Lehre vorlegen. Wenn aber Menschen ihre Vorschläge aufgriffen und ihr auf ihrem Weg folgten, dann wäre sie zufrieden. Für Schoenberner bedeutete das, nach all der Schilderung des Bösen die Hoffnung so eindringlich zu beschreiben, dass sie Programm werden muss, den
«Immer wieder / steht der Mensch auf / erhebt sich wird niedergeschlagen / erhebt sich wieder / für jeden Toten / tritt ein Lebender an seine Stelle / Man kann nicht / alle erschießen.»
In mein Exemplar von „Fazit“ hatte Gerhard Schoenberner die Widmung mit «Vorwärts und nicht vergessen!» überschrieben. Nichts vermag das Leben und Schreiben Schoenberners besser zu charakterisieren als diese Zeile aus dem Solidaritätslied von Brecht, Busch und Eisler. Ich hätte gerne noch oft mit ihm geredet.
Die Nachricht von seinem Tod am 10.12.2012 war ein schmerzlicher Hinweis, dass das Leben endlich ist. Es scheint fast, dass er vorbereitet war, denn seine letzten Gedichte wirken wie ein Testament, eins davon nannte er gar «Einübung ins Abschiednehmen». Inzwischen reise er mit «leichtem Gepäck» als einer, den die Befürchtung traurig stimmt, dass alle die Gegenstände, alles das,
«was mir nahe war und bezeugt / dass ich lebte / in welchen Ländern / und zu welchen Zeiten: / Von einer Minute zur anderen / zerfallen zu Müll / den die Stadtreinigung in schwarzen Plastiktüten davonträgt / heute oder übermorgen / wenn der Herzschlag aussetzt.»
Aber Schoenberner wäre nicht er selbst gewesen, hätte er sich durch Krankheit oder den nahen Tod unterkriegen lassen. Beklagt hatte er vielmehr, dass vieles im Leben unzugänglich oder unbegriffen bleiben musste, vor allem dies:

«Was ich noch lernen möchte: / Die Sprache der Vögel / Die Namen der Winde / Den Lauf der Planeten / Die Gezeiten der Meere / Die Gesetze des Kapitals.»

Für Nachrufe hat er nicht viel übrig gehabt, weit wichtiger war ihm wohl der Appell:

«Die Toten brauchen dich nicht / Sei freundlich zu den Lebenden / Verschieb nichts auf morgen».


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