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Heuberg: Das erste KZ in Deutschland

Das erste Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft war die kommunistische und sozialdemokratische Arbeiterbewegung
von Manfred Dietenberger

Gerade mal zwei Tage, nachdem Adolf Hitler mit seiner Ernennung zum Reichskanzler die Macht übertragen worden war und die faschistische Gewaltherrschaft begann, rief Kurt Schumacher, nach dem Krieg bis 1952 Vorsitzender der SPD, am 1.Februar 1933 auf der antifaschistischen Kundgebung der Eisernen Front* in Stuttgart den Teilnehmern zu: «In der Stunde der Gefahr wenden wir uns auch an die kommunistischen Arbeiter, denn nicht Bruderkampf, sondern Klassenkampf tut not … Die neue Epoche des Kampfes gegen den Faschismus sollte auch ein neues Verhältnis zwischen uns und den Kommunisten einleiten (Schwäbische Tagwacht, 2.2.1933).» Fünf Monate später wurde Schumacher in Berlin verhaftet, in «Schutzhaft» genommen und in das Konzentrationslager Heuberg gesteckt.

KZ Heuberg? Ja, das gab es auch bei uns im Ländle. Das KZ auf dem Heuberg in der Nähe von Tuttlingen war allerdings noch kein systematisches Vernichtungslager wie die danach entstandenen Konzentrationslager, aber auch schon ein Ort der Unmenschlichkeit, Demütigung, Willkür und Gewalt. Eine besonders perfide «Heuberger Spezialität» war die Folter am Brunnen. Die Folter begann unter den Wasserhydranten, darauf folgte das vielfache Eintauchen in das eiskalte Wasser des Brunnentrogs, das Abspritzen mit Wasser aus einem unter Hochdruck stehenden Schlauch und das darauf folgende Abreiben der Häftlinge mit einer rauhen Scheuerbürste.

Der auf dem Heuberg geschundene Metzinger Weissgerber und KPD-Landtagsmitglied Albert Fischer (1883–1952) beschrieb es so: «Nach schweren Misshandlungen wurde ich mit nacktem Oberkörper direkt unter die Wasserleitung gesteckt, wo der Strahl mindestens so stark war wie bei einer Motorspritze. Die Öffnung am Standrohr hatte ungefähr 10–12 cm. Mehrere Kameraden haben bei dieser Rosskur das Leben eingebüßt, ich selber habe mir schwerste gesundheitliche Schäden zugezogen.» Nicht wenige Häftlinge kamen durch die schrecklichen Lagerbedingungen ums Leben.

Die «Schutzhaft» war keine Erfindung der Nazis. Aber sie waren es, die sie generalstabsmäßig organisiert zur Ausschaltung ihre politischen Gegner – «in erster Linie zur Unschädlichmachung marxistischer bzw. kommunistisch eingestellter Elemente» (Ministerium des Inneren, 8.März 1933) – einsetzten. Die Handhabe für die exzessive Anordnung der Schutzhaft bot die «Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat» vom 28.März 1933». Da für die vielen Häftlinge die Gefängnisse schon bald nicht mehr ausreichten, beschlossen die Nazis, sog. Konzentrationslager zu errichten. Das auf dem Heuberg bei Stetten am kalten Markt, auch «Schutzhaftlager» genannt, wurde am 23.März 1933 auf einem Wehrmachtsgelände vom württembergischen Innenministerium eingerichtet und war damit das erste KZ in Deutschland, aber während der kurzen Zeit seiner Existenz (von März bis August 1933) auch das größte in Deutschland.

Im April 1933 wurde es der Politischen Polizei unterstellt. Erster Lagerkommandant war SA-Sturmbannführer und Major a.D. Max Kaufmann aus Stuttgart, Mitte April übernahm danach der bis dahin stellvertretende Karl Buck die Lagerleitung. Die Wachmannschaft wurde von der sog. Politischen Bereitschaft Württemberg gestellt. Sie bestand aus kasernierten SS-Männern.

In dem Lager waren mehrheitlich kommunistische und sozialdemokratische, aber auch bürgerliche Demokraten und religiöse Gegner des NS-Regimes, nicht nur aus Württemberg und Hohenzollern, sondern auch aus Baden und Hessen inhaftiert: bis Ende August fast 3400 Männer, vorwiegend Kommunisten und Sozialdemokraten.

Die Nazis versuchten die Öffentlichkeit über den wahren Charakter des KZ zu täuschen. Das taten sie unter anderem mit Zeitungsartikeln, z.B. im Argen-Boten: «Die Schutzhaft auf dem Heuberg soll keine Strafe, aber auch kein reines Sommervergnügen sein. Ein Teil der Gefangenen ist in Schutzhaft um sich selbst zu schützen, der weitaus größere Teil aber, um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen, weil von ihnen angenommen wird, dass sie die nationale Erhebung stören.»

Die Bevölkerung der Umgebung wusste dennoch Bescheid. Zu viele hatten irgendwie Erfahungen damit: Bäcker, Metzger, Passant oder Beteiligte am Transport von Material und Gefangenen, usw. insgesamt waren bis zu seiner Auflösung zehn Monaten später 15000 Menschen hier gefangen.

Das KZ Heuberg wurde im Dezember 1933 aufgelöst und durch das in der Zwischenzeit errichtete Konzentrationslager auf dem Kuhberg bei Ulm ersetzt. Auf dem heutigen Truppenübungsplatz in unmittelbarer Nähe zur Dreirittenkapelle erinnert heute eine Gedenkstätte an die Opfer des Konzentrationslagers Heuberg. Auf Initiative der SPD Baden-Württemberg wurde sie ein halbes Jahrhundert nach der Errichtung des KZ eingeweiht

*Die Eiserne Front war der antifaschistische Zusammenschluss sozialdemokratischer Organisationen: SPD, Reichsbanner, Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), Arbeitersportverbänden und Allgemeinem freien Angestelltenbund (AfA-Bund), er wurde am 16.Dezember 1931 gegründet.


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