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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2013 |

Louis Gill: George Orwell. Vom spanischen Bürgerkrieg zu „1984“

Lich: Edition AV, 2012. 156 S., 16 Euro
von Werner Abel

George Orwells Mein Katalonien gehört zweifelsohne zu den Klassikern der Literatur über den Spanischen Krieg. Orwell fühlte sich verpflichtet, die aus der Zweiten Republik heraus beginnende soziale Revolution und die junge Demokratie gegen die franquistischen Putschisten zu verteidigen. Hätte ihm die Kommunistische Partei Großbritanniens nicht ein Empfehlungsschreiben verweigert, wäre er vermutlich in die Internationalen Brigaden eingetreten. So trat er den POUM-Milizen bei, sicher auch deshalb, weil die POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) gute Kontakte zur englischen Independent Labour Party hatte, mit der Orwell zu der Zeit sympathisierte und deren Mitglied er 1938 werden sollte.

Orwell nahm an den Kämpfen an der Huesca-Front teil, wurde hier mit einem Halsdurchschuss verwundet und weilte danach mit seiner Frau zur Rekonvaleszenz in Barcelona. Hier wurde er am 3.Mai 1937 Augenzeuge der gewaltsamen Besetzung des Gebäudes der Telefongesellschaft «Telefónica» durch die vom Kommissar für Öffentliche Ordnung und Mitglied der katalanischen KP (PSUC), Eusebio Rodríguez Salas, geführte Guardia de Asalto. Laut Kollektivierungsdekret vom 24.10.1936 wurde die Telefónica von Milizen der Gewerkschaften CNT (anarchosyndikalistisch) und UGT (sozialdemokratisch) sowie Vertretern der katalanischen Regierung (der Generalitat), gemeinsam verwaltet.

Damit brachen explosionsartig die vor allem in Barcelona schwelenden Spannungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Fortführung der sozialen Revolution auf. Die verschiedenen Fraktionen der Linken begannen, sich mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Die Auseinandersetzungen, bei denen schließlich auch die anarchistischen Minister im Kabinett Largo Caballero zur Niederlegung der Waffen aufriefen, endeten mit einer Niederlage der Kräfte, die vor allem die Revolution voranantreiben wollten, vornehmlich repräsentiert durch die syndikalistische CNT. Zum Sündenbock aber wurde die POUM gemacht, der sich mit der CNT solidarisiert hatte.

Im Zuge ihrer weltweiten Kampagne gegen den «Trotzkismus» wurde die POUM von der sowjetischen KP-Führung als «trotzkistisch» diffamiert und von der mit ihr verbundenen spanischen KP energisch bekämpft. Sie setzten die Legende vom «POUM-Putsch» in die Welt, die Partei wurde verboten und ihre Mitglieder verfolgt. Auch Orwell geriet in Gefahr, konnte aber nach einer Warnung Spanien mit seiner Frau verlassen. Erst viel später sollte bekannt werden, wie ernst und unmittelbar die Bedrohung durch die stalinistische Geheimpolizei für ihn war.

Louis Gill zeichnet in seinem Buch Orwells Erlebnisse in Spanien nach und analysiert kurz und prägnant die Lage in der republikanischen Zone, wie sie sich durch die Einflussnahme der Komintern ergeben hatte. So sehr er das Engagement der antifaschistischen Internationalisten in Spanien würdigt, so sehr kritisiert er die Rolle der sowjetischen Regierung und ihrer Geheimdienstemissäre und deren Versuche, mit terroristischen Mitteln die linken Kritiker der Volksfrontpolitik auszuschalten. Diese Ereignisse waren ein Grund, weshalb viele überzeugte Kommunisten mit ihrer Partei brachen. Wie Gill formuliert, bildeten die spanischen Erfahrungen für Orwell die Grundlage seiner späteren totalitarismuskritischen Haltung, wie sie in seinen Büchern 1984 und Farm der Tiere zum Ausdruck kommt.

Wer am Spanischen Krieg und der Biografie George Orwells, eines Internationalisten, der zum Schutz der Republik nach Spanien geeilt war, interessiert ist, sollte dieses Buch unbedingt lesen, die Abrechnung mit der stalinistischen Politik könnte kaum treffender ausfallen. Kritisch müssen einige Aussagen über die Internationalen Brigaden vermerkt werden, weil es hier ist es zu vermeidbaren Fehlern gekommen ist, die aber nicht nur Gill unterlaufen sind.

Einer dieser Fehler betrifft ein Zitat aus der Prawda, das seit Jahrzehnten in der linken Spanien-Literatur von Buch zu Buch weitergegeben wird. Angeblich habe die Prawda am 17.12.1936 folgendes geschrieben: «In Katalonien hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarchosyndikalisten bereits begonnen; sie wird mit derselben Energie wie in der Sowjetunion durchgeführt werden.» Vermutlich geht dieses Zitat auf eine recht allgemeine Bemerkung von Walter Krivitski zurück, die er in seinem 1939 (1940 auf Deutsch) erschienenen Buch Ich war in Stalins Dienst gemacht hatte. Krivitski war ranghöchster Offizier der sowjetischen militärischen Aufklärung in Westeuropa gewesen, der nach der Ermordung seines Freundes Ignaz Reiss mit dem Stalinismus brach und in die USA flüchtete.

Der Prawda-Artikel, geschrieben von dem berühmten Journalisten und Vertrauten Stalins in Spanien, Michail Kolzow (der 1940 selbst ein Opfer Stalins werden sollte), bezog sich auf eine Meldung der KP-Zeitung Mundo Obrero. Darin heißt es: «Die trotzkistischen Renegaten [gemeint ist die POUM] bemühen sich, die Reihen der katalanischen Kämpfer zu zerreissen … Es gibt … Aktionen, die durch mangelndes Bewusstsein oder Naivität hervorgerufen wurde. Aber die sog. POUM führt ihre provokatorischen Manöver kaltblütig und bewusst durch. In den letzten Ereignissen in Katalonien und außerhalb Kataloniens erkennen wir die provokatorische Manier der Trotzkisten, der werten Freunde jener, die mit Hilfe der Hitler-Polizei in der Sowjetunion den Gen. Kirow ermordeten. Aber glücklicherweise waren die Manöver der Trotzkisten in unserem Land zum Scheitern verurteilt … Katalonien … wird den Provokateuren Widerstand leisten und die Trotzkisten daran hindern, ehrliche Arbeiter zu täuschen.» (Übersetzung Herbert Misslitz, Berlin.)

In diesem Zitat ist keine Rede von den Anarchosyndikalisten, denn Ende 1936 hätten die Stalinisten es nicht gewagt, sich mit der zu dieser Zeit noch mächtigen CNT und deren Milizen anzulegen. Geschwächt hatte sie erst der Rückgang der libertären Bewegungen nach den Mai-Ereignissen 1937 mit der Rückgängigmachung der Kollektivierungen, der Auflösung der Räte und der Integration der Milizen in die Armee. Orwell beschrieb anschaulich, wie er nach der Rückkehr von der Front anstelle des revolutionären ein bürgerliches Barcelona erleben musste.

In Spanien ist Orwells Homenaje a Cataluña in wunderbarer Ausstattung neu aufgelegt worden. Louis Gills Schrift sollte anregen, dass dieses Buch auch in Deutschland nicht vergessen wird.


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