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Ballesterer

 Fußballmagazin. Nr. 94, September 2014. 4,50 Euro

von Dieter Braeg

In dieser Medienwelt gibt es vor allem, wenn es um die Sportart Fußball geht, eine große Ansammlung überwiegend keiner Notwendigkeit dienende Druckerzeugnisse und dazu natürlich auch Fernsehsendungen, die weder durch den Titel «Doppelpass» noch durch «erlesene» Moderatoren und sehr wenige Moderatorinnen das Sportgerät Fußball noch runder machen, als es eh schon ist, oder außer der ewig währenden Regel «Elfmeter ist, wenn der Schiedsrichter pfeift» etwas zu bieten hätten, das einen vom Hocker reißt. Der Erste Weltkrieg ist ja, weil er vor 100 Jahren angefangen hat, bei vielen Geschichtsexperten ein Thema, wobei natürlich, dem Untergang der Welt durch Druckerschwärze dienend, die wichtigste Frage lautet: «Wer ist schuld?» und die Antwort «Immer die anderen»! der kritischen Geschichtswissenschaft den Straf- und Todesstoß versetzt.

Das österreichische Fußballmagazin Ballesterer hat schon in anderen Ausgaben das Schicksal von politisch unerwünschten Spielern im Nationalsozialismus untersucht und dazu Notwendiges veröffentlicht. In der 94., aktuellen Ausgabe bietet das Magazin als Schwerpunkthema «Fußball im Ersten Weltkrieg». Natürlich geht es da, aber nicht nur, um den österreichischen Fußball, der, wie in Deutschland, noch am Beginn seiner Verbreitung stand. Der Historiker Matthias Marschick hat gemeinsam mit Clemens Zavarsky und Alexander Juraske die Geschichte des Doppelpasses in diesem Krieg erforscht – ob er nun unter dem k&k-Doppeladler, der kaiserlich deutschen Pickelhaube oder bei der Entente gespielt wurde.

Die hohen Verluste der k&k-Armee auf dem Balkan und in Galizien (1914/1915 gab es knapp 1,2 Millionen Tote, 80% aller Offiziere waren ebenfalls gefallen) trafen auch prominente Fußballer: Der 22fach international eingesetzte k&k-Fußballspieler Robert Merz fiel beim Gefecht von Poturzyn durch einen Herzschuss und wurde noch auf dem Gefechtsfeld begraben.

Ende August 1914 starb in der Schlacht von Komarow der erste Torschützenkönig der österreichischen Meisterschaft, Hans Schwarz, der auch für einige deutsche Vereine und die Vienna (ältester österreichischer Fußballclub) aktiv gewesen war. Die Nachricht vom Tod der beiden Stars sorgte in der Sportwelt für Erschütterung.

Nach den ersten Kriegswochen kehrte bei allen am Ersten Weltkrieg Beteiligten wieder sportliche Normalität ein. Der Fußball rückte jedoch in den Dienst des Staats. In der damals bekannten Allgemeinen Sport-Zeitung vertrat man die gängige Meinung, der Sport könne wesentliche Arbeit für die Kraft und Rüstigkeit des Volkes leisten. Zum einen fördere er die Gesundheit, zum anderen setze die Aufrechterhaltung des Sports ein politisches Signal nach außen und ein selbstbewusstes Zeichen nach innen. Zudem könnten Länderspiele Geld für gute, also militärische, Zwecke einbringen.

«In England wurde Fußball, trotz Kriegseintritt, zunächst weiter unter kommerziellen Vorzeichen gespielt, auch wenn die Profiklubs für die Fortführung der Meisterschaft stark kritisiert wurden. Als in Wien die Meldung aus England eintraf, dass der Sport Fußballer vom Krieg abhalte, höhnte das Illustrierte Sportblatt im Dezember 1914 über den englischen Oberbefehlshaber: «Lord Kitchener wird einmal sagen müssen, dass der europäische Krieg auf den Feldern Chelsea, Tottenham und Chrystallpalast verloren wurde.» Der Themenschwerpunkt umfasst insgesamt 17 Seiten. Dazu gibt es Fotos damaliger Fußballstars, die heute leider oft in Vergessenheit geraten sind. Darunter ein Bild des freiwillig und begeistert in den Krieg gezogenen Rekruten Josef Uridil. Und die kaum bekannten Fotos britischer Soldaten beim Fußballspiel hinter der Front.

Wie sah es bei Kriegsbeginn in England aus? Zunächst blieb alles wie es war. In England gab es schon seit 1888 eine Unterscheidung zwischen Amateuren und Profis. 1888 gründete sich da die erste Profiliga der Welt.

«…als England in den Ersten Weltkrieg eintrat, bekam der Fußball eine neue Bedeutung: Während sich viele Amateure wie Vivian Woodward, der langjährige Rekordtorschütze des Nationalteams, früh nach Kriegsausbruch freiwillig an die Front meldeten, blieben die Profis dem Dienst an der Waffe vorerst fern. Die Wehrpflicht wurde erst 1916 eingeführt. ‹Business as usual› war das Credo, das sich die Briten auf die Fahnen schrieben – und Fußball war eben auch Business… Am 15.August startete in Schottland die Division One, die höchste Liga, in ihre neue Saison. Über 200000 Zuschauer kamen zu den Spielen. Die London Times schrieb: ‹Es wirkt verwunderlich, dass über 200000 taugliche und mündige, junge Männer in Zeiten wie diesen nichts Besseres zu tun haben, als ihrem Lieblingsklub zuzujubeln, als würde in der ganzen Welt Frieden herrschen.› Mit sarkastischem Unterton hieß es weiter, dass sich ‹freundliche Kritiker denken dürfen: Hach, was für eine feine Armee von Schotten wäre das bloß.› Trotz aller Kritik führten die Schotten ihre Meisterschaft geregelt weiter. Nur der Cup wurde aus dem Programm gestrichen.»

Am 15.Dezember gründete sich ein «Football Bataillon» innerhalb des 17.Middelsex-Regiments. «Fußballer sollen Seite an Seite mit denen kämpfen, mit denen sie ansonsten auf dem Fußballfeld kämpfen», sagte der spätere Innenminister und Mitentwickler der Football Bataillon William Joynson-Hicks der Presse. Bei der Gründung gehörten dem Bataillon 35 Fußballer an, aber bereits im Januar 1915 wuchs die Zahl auf 600.

Wie sich in Frankreich im Ersten Weltkrieg, vor allem auch durch Einfluss des britischen Militärs, Fußball durchsetzte, ist ein weiterer, spannender Text in diesem außergewöhnlichen Magazin. Aber auch der derzeitige Fußballbetrieb in Österreich und Deutschland kommt nicht zu kurz. Ein überaus spannender und informativer Artikel beschäftigt sich mit dem 1.FC Köln, der ja im Burgenland in diesem Sommer sein Trainingslager abhielt.

Wer zum Fußball wirklich kompetente und kritische Texte lesen will, wer auch fundierte Kritik zur derzeitigen Entwicklung dieses Sports, der einmal ein proletarischer war, erfahren möchte, der sollte schleunigst nicht nur diese Ausgabe erwerben.

 

Auch im gut sortierten deutschen Bahnhofsbuchhandel oder über abo@ballesterer.at erhältlich.


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