Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2015 > 09 > Ende-gelaende

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2015 |

Ende Gelände

Eindrücke von einer sehr erfolgreichen Aktion
von Jonas (IL Berlin)

Was in diesem Jahr im Rheinland passiert ist, hatte für mich in vielerlei Hinsicht eine neue Dimension. Klar, es waren viel mehr Leute als die Jahre davor, aber auch einige andere Punkte waren ziemlich spannend.

Die Proteste haben sich sprungartig internationalisiert. Fast hundert Leute sind im Anschluss zum Anti-Atom-Camp nahe Bure [Lothringen, dort soll ein Atommülllager gebaut werden] zum Camp übergesiedelt, es gab Busse oder Kleinbusse aus vielen Ländern. Insgesamt waren bestimmt über 300 Internationals auf dem Camp, was die Kommunikation komplett zweisprachig und den Erfahrungsaustausch ziemlich eindrücklich gemacht hat. Genauso beeindruckend fand ich, dass es kein klassisches Aktivistencamp war.
Ab Montag waren durchgehend über 1000 Leute im Klimacamp, viele davon angezogen von der Degrowth-Summerschool. Die Leute haben sehr konzentriert in wirklich vielen Workshops gesessen und sich über die unterschiedlichen Aspekte des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus, Wachstumszwang und der Zerstörung von Lebensgrundlagen Wissen angeeignet. Viele davon waren vorher nie wirklich auf einer politischen Aktion und waren zunächst auch noch gar nicht entschieden, ob sie am Samstag mit in die Grube gehen. Das erste Mal seit Heiligendamm gab es wieder jeden Tag Aktionstrainings, an denen jeweils 80–150 Leute teilgenommen haben, und langsam hat sich auf dem Camp eine Stimmung aufgebaut, in der sich Leute organisiert und auf die Aktion eingestimmt haben. Ich fand es sehr faszinierend, wie entschlossen und solidarisch so viele Menschen waren, um diesen Klimawahnsinn im Rheinland zu stoppen.
Am Samstag sind ungefähr 1500 Leute aus dem Camp zur «Ende-Gelände»-Aktion aufgebrochen und, wie angekündigt, in die Braunkohlegrube Garzweiler eingedrungen, um die Riesenkohlebagger zum Stehen zu bringen. Auf dem Weg zur Grube galt es, eine Autobahn zu überwinden, die rund 1200 Bullen mit allen Mitteln verteidigen wollten. Viele von uns, gerade aus der Aktionsvorbereitung, waren eher skeptisch, wie wir das schaffen sollten; letztlich ist es nur durch die erstaunliche Entschlossenheit der Leute gelungen.

Ganz früh am Samstag morgen hat sich der Demozug in vier Finger (grün, gelb, pink und blau) aufgeteilt. Der grüne Finger ist als erstes nach Norden und dort durch den zweiten Tunnel unter der Autobahn hindurch, die nur zur Hälfte durch Bullenwannen und auf der anderen Seite mit vier Reihen Polizei gesichert war. Hier waren viele Leute aus anderen Ländern mit dabei. Sie haben ihre Strohsäcke fest an sich gedrückt, haben sich untergehakt und sind ruhig, aber unaufhaltsam durch die Polizeikette gebrochen. Hab’ ich lange schon nicht mehr so gesehen. Die Polizei ist hier und auch später total ausgetickt, hat mit Pfefferspray um sich geschossen und um sich geprügelt. Einige wurden ziemlich verletzt, es gab viele Platzwunden. Die Grünen haben sich aber nicht in eine Auseinandersetzung ziehen lassen, sondern sind unbeirrbar weiter in die Grube und haben auf dem Weg noch 5–6 Polizeiketten überwunden und erreichten nach wilder Verfolgungsjagd und illegalen Angriffen durch RWE-Securities den ersten Bagger.
Damit war der Anfang gemacht. Pink und Gelb sind nach zwei ersten erfolglosen Versuchen, bei denen die ersten Reihen dem Pfeffer zum Opfer fielen, weit nach Süden und über die Baustelle eines neuen Autobahnkreuzes, wo zu wenig Bullen standen, ebenfalls in die Grube. Pink kam auf Ebene 1 fast bis zum Bagger, der inzwischen schon abgeschaltet war. Gelb ist durch die Förderbänder weiter auf Ebene 2. Dort konnte noch die Hälfte RWE-Fahrzeuge und Bullenreihen durchbrechen, erklomm den zweiten Bagger und brachte auch diesen zum Stehen, die andere Hälfte wurde auf Ebene 2 eingekesselt und kurz später sitzend nochmal von Bullen massiv angegriffen.
Blau hat versucht, durch einen kleinen versteckten Tunnel zu kommen, lief dann erfolglos ziemlich lang, um einen Übergang zu finden, als zwei Leute sich von einer Autobahnbrücke abseilten, so dass die Autobahn gesperrt werden musste. Dann ist der blaue Finger über die Autobahn und über einen Steilhang ebenfalls in die Grube, hat zwei Polizeiketten umflossen und landete nahe beim zweiten Förderband.
Zuletzt wurde etwas massenhaft ausgeweitet, was einige schon in den letzten Jahren im Rheinland begonnen haben: Über die Hälfte der Aktiven hat sich der Personalienfeststellung entzogen und war ohne Ausweise und Angaben in der Aktion gegangen. Die Polizei war damit überfordert und musste die Leute am Ende ohne Personalienfeststellung wieder raus lassen. Was uns ziemlich glücklich gemacht hat.

Spannend war auch zu sehen, welche thematische Breite die Leute mitgebracht haben. Es ging nicht nur um Kohle vs. Erneuerbare. Die Situation von Flüchtlingen war genauso Thema wie die Notwendigkeit, jetzt einen Strukturwandel in den Kohlegebieten einzuleiten, statt die Leute mit einem «Weiter so» irgendwann in die Arbeitslosigkeit zu treiben. Viel ging es auch darum, dass Regierungen und Verhandlungen es nicht richten werden und wir deshalb selbst Hand anlegen müssen. Natürlich war die internationale Dimension und Klimagerechtigkeit ein großes Thema, und nicht zuletzt die Abkehr von Wachstumswahn und damit letztlich vom kapitalistischen Wirtschaftsmodell.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.