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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2015 |

Jeremy Corbyn

Der Kandidat gegen das Projekt Angst
von Richard Seymour

Zum Erstaunen und Missfallen des politischen Establishments in Großbritannien hat die Labour Party einen neuen Shooting Star: Jeremy Corbyn, der gerade versucht, die Kandidatenkür in der Partei für sich zu entscheiden.
Jetzt können sie die Heuchelei lassen. Lange Zeit haben wir gehört, Liz Kendall sei die Kandidatin für den Parteivorsitz der Labour Party, die die Konservativen am meisten fürchten. Die rechten Medien und die Tories behaupteten stets, sie fürchteten vor allem, dass die Labour Party die rechteste Person zum Spitzenkandidaten für die nächsten Unterhauswahlen kürt, d.h. einen, dem die Konservativen und rechten Medien wohl gesonnen sind. Das folgt einer tief verwurzelten ideologischen Strategie, und wenn die Behauptung oft genug wiederholt wird, kann sie als gegeben angenommen werden: Die Wählerschaft sei im Grunde rechts und alle politischen Fragen müssten aus dieser Sicht gelöst werden.
Die Behauptung wird sich nun nicht aufrecht erhalten lassen. Zunächst wurde Jeremy Corbyn belächelt und ausgelacht, jetzt aber schlägt ihm ein Schwall von Panik und Hass entgegen. Jeden Tag gibt es eine neue Version davon.
Corbyns Unterstützer [diejenigen, die ihm mit ihrer Unterschrift zur Kandidatur verholfen haben] zeigen sich in den Medien reuig: Sie wollten doch gar nicht, dass er tatsächlich eine Chance bekäme. Labour-Abgeordnete planen einen statutarischen Putsch, sollte Corbyn das Kandidatenrennen für sich entscheiden: Zurück zur Social Democratic Party, wenn Corbyn gewinnt (wenn es doch wahr würde!). Zurück zu den 70er Jahren, wenn Corbyn gewinnt.
Nicht nur die reaktionäre Presse verhält sich so: das ist flächendeckend, von der populistischen Rechten bis Mitte-Links. Sie alle zeigen ein ähnliches Muster böser Herablassung: Corbyn-Unterstützer sind demnach einfach gestrickt oder hysterisch, voller Emotionen bzw. Hormone, oder Hippies, die vor allem über den Regenbogen und das Wolkenkuckucksheim nachdenken. Sogar ein relativ freundlicher Artikel im Guardian kann sich nicht zurückhalten: «Sie verstehen die nuancierten Botschaften der anderen Kandidaten nicht…» usw.

Yes, he can
Lasst uns Klartext reden. Der Kandidat, den die Konservativen am meisten fürchten, ist Jeremy Corbyn. Sie wissen, dass wir nicht im Jahr 1981 sind, und sie wissen, dass er kein irrlichtender Egomane ist. Sie wissen, dass in einem ideologisch instabilen Klima, in dem die Beziehungen der dominierenden Parteien zu ihrer traditionellen Basis zunehmend ins Wanken geraten, unerwartete Dinge geschehen können. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was der frühere Premierminister Tony Blair behauptet: Es gibt keine Garantie für ein traditionelles Wahlergebnis. Sie haben keine Ahnung, wie das Wahlergebnis aussehen könnte, wenn Corbyn tatsächlich als Spitzenkandidat antritt, weil sie keine Ahnung haben, dass Corbyn überhaupt eine Chance hat.
Bemerkenswerterweise hat er eine Chance. Gemäß der YouGov-Umfrage liegt er bei der Kandidatenkür rund 20% vor seinem nächsten Rivalen, Andy Burnham, demnach hat er also einen komfortablen Vorsprung. Sogar wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt der Umfrage ein Fünftel der Wähler noch unentschlossen war, ist er noch lange nicht aus dem Rennen.
Yes, he can. Er kann also. Das heißt noch nicht, dass er wird: Der rechte Flügel der Labour Party hat viele Ressourcen und ist gut vernetzt. Die angstmachenden Artikel gegen Corbyn in den Medien, darunter auch den linksliberalen, denunzieren ihn auf die kindischste Art und Weise und könnten sehr wohl Wirkung entfalten sein. Hoffen wir, dass sie das nicht tun, dass die Mitglieder der Labour Party einmal aus dem Teufelskreis der verinnerlichten Niederlage und Hoffnungslosigkeit ausbrechen.
Corbyn könnte also gewinnen. Das heißt nicht, dass ich meine drei Pfund zahlen werde und als «Unterstützer» mitmache, um ihn zu wählen. Viele springen gerade auf diesen Karren auf, das ist ähnlich wie bei den Grünen letztes Jahr, sie werden nur Mitglied der Partei, um abstimmen zu können und treten dann wieder aus.
Warum sollte man für Corbyn stimmen, wenn man dann nicht dabeibleibt und versucht, die Partei auf neue Füße zu stellen? Er wird zu schwach sein gegen die etablierte Macht der alten rechten Bürokratie, wenn ein großer Teil seiner Basis am Tag nach der Wahl desertiert. Corbyn wird nicht gewinnen, wenn er äußere Kräfte anziehen will, die kein Interesse an der langfristigen Zukunft der Partei haben und sich nicht mit ihr identifizieren; er wird gewinnen, wenn er die Labour Party aufrüttelt und neue Mitglieder anlockt, die gerade erst dabei sind, sich zu politisieren.
Noch wichtiger ist: Ich bin nicht davon überzeugt, dass Corbyn, obwohl er über den Luxus einer aktiven Basis verfügt, die bewusst versucht, der Labour Party von unten Beine zu machen und eine «soziale Bewegung» zu schaffen, den Verfaulungsprozess aufhalten kann, der unter dem Namen «Pasokifizierung» bekannt ist.

Eine Chance für die Linke
Ich denke, wenn Corbyn gewinnt, würde das ernsthafte Möglichkeiten für die Linke eröffnen. Es würde die Anhänger der Austerität in die Defensive schicken und den Gewerkschaften, den Beschäftigten im Gesundheitswesen, den Aktiven gegen Einschnitte im Sozialwesen, den Antirassisten und jeder Gruppe, die die Labour Party derzeit verachtet, Vertrauen einflößen.
Der rechte Flügel von Labour mag ideologisch zwar schwach sein, politisch ist er stark. Seine Wählerbasis ist schmaler als früher, seine institutionelle Kraft jedoch groß, während die Linke versucht, von Grund auf eine neue soziale Basis aufzubauen, aber seit dreißig Jahren keine dominante Position mehr in der Partei aufzuweisen hat.
Die strukturellen Verbindungen von Labour zum Staat, zur Wirtschaft und den Medien stärken die Macht der Rechten enorm. Als Parteiführer wäre Corbyn Attacken von rechts ausgesetzt und stünde ständig unter Druck, doch bitte seine linken Positionen sein zu lassen.
Er würde sich dafür verantwortlich fühlen, den Tories eine geschlossene Opposition entgegenzusetzen und zu verhindern, dass sein Schattenkabinett auseinanderfällt; er würde versuchen, den Druck der Staatsbeamten und der Medien nicht zu groß werden zu lassen. Er wäre genötigt, im Rahmen seiner ohnehin moderaten linken Agenda Kompromisse einzugehen. Seine Parteiführung wäre unglaublich verwundbar. Kurz gesagt, die Lage der Labour Party lässt sich nicht durch die Wahl eines Parteichefs verändern – sie ist das Resultat der Ergebnisse des Klassenkampfs in den letzten Jahrzehnten.
Das ändert jedoch nichts daran, dass wir eine Verantwortung haben, Corbyns Kandidatur zu unterstützen und das «Projekt Angst» zu unterminieren, wo immer wir können. Nicht nur die Linke in der Labour Party ist schwach, auch die Linke insgesamt.
Corbyn wäre zwar isoliert an der Spitze, und Erfolge, die sich auf die Spitze beschränken, sind ziemlich wacklig. Dennoch wird er versuchen, das Kräfteverhältnis nach links zu verschieben, in einer Situation, wo unsere Kraft ziemlich darnieder liegt.
Corbyn ist ein Durchbruch gelungen und es wäre dumm und unverantwortlich, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten nicht zu nutzen.

Zuerst erschienen im US-Magazin Jacobin (www.jacobinmag.com/2015/07/jeremy-corbyn-labour-left). Richard Seymour unterhält den Blog «Lenin’s Tomb».


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