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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2017 |

Frankreich – soziale Polarisierung weit weniger ausgeprägt als die politische

Eine Radiografie der Stimmenverteilung im ersten Wahlgang
von Frédéric Sawicki*

Die Karte der Wahlergebnisse des 1.Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen in Frankreich, aufgeschlüsselt nach Départements, zeigt einen gelben Westen/Südwesten (Macron), einen tiefblauen Osten/Nordosten (Le Pen), mit drei hellblauen Einsprengseln für den Konservativen Fillon und zwei roten Flecken für Mélenchon im Südwesten. Paris ist dreigeteilt zwischen Macron, Fillon und Mélenchon. Bei näherer Betrachtung ist das Bild viel differenzierter.

Zunächst einmal springt der Gegensatz zwischen den großen Städten und dem Rest des Landes ins Auge. Wäre nur in den 20 größen Gemeinden gewählt worden, wäre nicht Marine Le Pen, sondern der Linke Jean-Luc Mélenchon in die Stichwahl gegen Macron gekommen. Mélenchon kommt in diesen Gemeinden auf fast 25 Prozent – fast 5 Prozentpunkte mehr als Fillon und ganze 10 Prozentpunkte mehr als Le Pen, während Macron hier 2 Prozent mehr geholt hätte, als sein Endergebnis war. Nur Toulon wäre an Le Pen gefallen.

Le Pen lag dafür in 19000 (von mehr als 36000) kleineren Gemeinden mit 54 Prozent an der Spitze.

Dies Bild wird gern interpretiert als das eines gespaltenen Landes, in dem auf der einen Seite florierende Großstädte gedeihen, die an der Spitze einer gelungenen Globalisierung stehen, während sich auf der anderen Seite, in der Peripherie,  furchtsame, resignierte oder zornige Franzosen sammeln. Eine solche Interpretation vergisst jedoch, dass ein Wählervotum mehr ist als ein Kalkül, es ist das Ergebnis des Zusammentreffens eines politischen Angebots und sozialer wie kultureller Neigungen, die mit der gesellshaftlichen Position und dem Werdegang eines Individuums zu tun haben.

 

Wer lebt wo?

Das magere Ergebnis, das die Front National (FN) in den Großstädten erzielt hat, ist zunächst einmal die Folge einer ungleichen räumlichen Verteilung der sozialen und Altersgruppen.

In den 20 größten Gemeinden Frankreichs ist der Anteil der unteren Klassen an der Gesamtbevölkerung  – vor allem der Anteil der Arbeiter, die laut dem Meinungsforschungsinstitut IFOP zu 39 Prozent Le Pen gewählt haben – deutlich schwächer ausgeprägt. Arbeiterhaushalte sind hier mit 12 Prozent vertreten, in Gesamtfrankreich hingegen mit 17 Prozent. Dem steht gegenüber, dass migrantische Arbeiter hingegen sich in den Großstädten konzentrieren (die häufig kein Wahlrecht haben und von daher das Gewicht der Arbeiterbevölkerung noch einmal drücken).

Persinen unter 30 Jahren sind in den Großstädten mit 43 Prozent um 6 Prozentpunkte stärker vertreten als im Rest des Landes, während die Rentner nur 21 Prozent der Großstadtbevölkerung ausmachen (27 Prozent im gesamten Land). Das Votum der Rentner tendiert aber nach rechts. Hinzu kommt, dass der Unterschied in der Lebenserwartung der verschiedenen sozialen Gruppen bewirkt, dass wohlhabendere Menschen in dieser Alterskategorie überrepräsentiert sind – wie im übrigen auch die Freiberufler, Landwirte und aktiven Katholiken.

Die Ablehnung der FN in den Großstädten und ihre Tendenz, links zu wählen, erklären sich schließlich auch durch den hohen Anteil an Berufen im öffentlichen Dienst: öffentliche Verwaltung, Lehrer, Gesundheitswesen, öffentliche Einrichtungen machen hier über 37 Prozent der Arbeitsplätze aus (31 Prozent im gesamten Land); Menschen mit höherem Abschluss konzentrieren sich hier zu 38 Prozent (27 Prozent im gesamten Land).

Spiegelbildlich sind nicht lohnabhängige Erwerbstätige in den Großstädten weniger zahlreich (14 Prozent vs. 16 Prozent), ebenso Eigenheimbesitzer (36 Prozent vs. 57 Prozent). Und häufig wird vergessen, dass das mittlere jährliche Haushaltseinkommen in den Großstädten um 1300 Euro niedriger liegt als im Rest des Landes und die Zahl der Alleinerziehenden hier größer ist.

Die räumlichen Unterschiede im Wählervotum drücken also vor allem eine spezifische Verteilung sozialer Gruppen aus.

Die Großstädte bilden auch keine homogene Einheit. Auf der einen Seite ist da z.B. Paris mit seinen 28 Prozent leitenden Angestellten und Angehörigen gehobener intellektueller Berufe, seinen 5,5 Prozent Arbeiterhaushalten, 57 Prozent Menschen mit höherem Schulabschluss und einem mittleren Jahreseinkommen von fast 26000 Euro (2013). Auf der anderen Seite ist da z.B. Le Havre, da liegen die Werte respektive bei 6 Prozent, 19 Prozent, 21 Prozent und 18100 Euro.

In Paris hat Emmanuel Macron 13,5 Prozentpunkte mehr geholt als in Le Havre, Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen hingegen jeweils 10,5 und 15 Prozentpunkte mehr.

Der Vergleich unter den 20 größen Städten erlaubt, mehr über die Korrelation zwischen demografischen und sozioprofessionellen Variablen und den Wählerverhalten zu erfahren. Korrelation heißt nicht Kausalität, und nur, wenn diese Daten mit anderen kombiniert werden, die sich etwa aus Meinungsumfragen, kartografischen Analysen (die eine räumliche Perspektive geben), Monografien u.a. ergeben, lassen sich gewisse Tendenzen herausarbeiten.

 

Die Stimme für Macron

Diese Daten bestätigen, dass unter den Wählern von Macron leitende Angestellte und Angehörige intellektueller Berufe überrepräsentiert sind. Macron schneidet auch umso besser ab, je höher das mittlere Einkommen ist. Sein Wahlkampf hat sich auch explizit an die gehobene Mittelschicht gewendet – und offenkundig mit Erfolg. Hier war er jedenfalls erfolgreicher als mit seinem Bekenntnis zu den Unternehmern und Selbständigen: Es gibt eine starke Korrelation zwischen dem Anteil an kleinen und mittleren Unternehmern, Kaufleuten und Handwerkern und der Stimme für Fillon.

Umgekehrt sinkt der Stimmenanteil von Macron in dem Maße, wie den Anteil an Arbeiterinnen und Arbeitern, Angestellten und Alleinerziehenden an der Wahlbevölkerung steigt. Die größte Überraschung stellen die Rentner und die Personen über 60 Jahre dar: hier ist die Korrelation zur Stimme für Macron ebenfalls negativ. So erstaunt es nicht, dass der ehemalige Wirtschaftsminister seine besten Ergebnisse in Paris geholt hat – es folgen die Städte Rennes, Bordeaux, Nantes, Lyon und Angers. In all diesen Städten liegt das mittlere Haushaltseinkommen über 20000 Euro im Jahr und der Anteil an Menschen mit höherem Bildungsabschluss beträgt über 42 Prozent.

 

Die Stimme für Le Pen

Die Stimme für Le Pen ist das Gegenteil von der für Macron. Ihr Anteil ist umso höher, je älter die Bewohner einer Gemeinde sind, je stärker die unteren Schichten repräsentiert sind, je geringer der Anteil an Menschen mit höherer Bildung und je niedriger das Einkommensniveau ist: Das sind auch die Gegenden, in denen die Wirtschaft weniger dynamisch und weniger attraktiv ist.

Die sechs Städte, in denen die FN ihre besten Ergebnisse erzielte: Toulon, Nizza, Marseille, Reims, Nîmes, Le Havre und Saint-Etienne, zählen alle einen Anteil an Menschen mit höherer Bildung von 30 Prozent und darunter. Sie sind übrigens die einzigen der 20 großen Städte, die dieses Merkmal aufweisen. In keinen von ihnen übersteigt das mittlere Haushaltseinkommen 20000 Euro im Jahr. Abgesehen von Reims liegt der Anteil der unter 30jährigen unter 40 Prozent.

Hingegen gibt es keine Korrelation zwischen dem Fortbestand einer industriellen Aktivität und der Stimmabgabe für Le Pen. Tatsächlich sind Städte mit Spitzentechnologien wie Grenoble und Toulouse abgeneigter, FN zu wählen, während Städte, die noch von traditionellen Industriezweigen geprägt und stärker von Standortverlagerungen bedroht sind (Reims Saint-Etienne, Le Havre) dieser Partei stärker zuneigen.

 

Die Stimme für Mélenchon

Anders als bei der vorherigen Präsidentschaftswahl und anders als beim Kandidat der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon, korreliert die Stimme für Mélenchon mit keiner der sozioökonomischen Variablen. Mindestens in den großen Städten war Mélenchon nicht dort besonders stark, wo die FN ihre Hochburgen hat. Anders als Macron oder Hamon hat er aber auch nicht in besonderem Maße die Stimmen junger Angehöriger der Mittelschichten angezogen, die in aufstrebenden Wirtschaftssektoren oder in den Bereichen Kultur und Kommunikation arbeiten, wo die Hierarchien flacher sind.

Die Stimme für Mélenchon zieht sich durch alle Generationen und Schichten, das bestätigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IPSOS, wonach 19 Prozent der leitenden Angestellten, 22 Prozent der Angestellten in mittleren und einfachen Positionen und 24 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter für ihn gestimmt haben, etwas mehr im öffentlichen Dienst (23 Prozent) als in der Privatindustrie (20 Prozent).

In den großen Städten erzielte Mélenchon allerdings überall bessere Ergebnisse als im nationalen Durchschnitt (eine Ausnahme bilden Paris, Toulon und Nizza). Spitzenwerte erreicht er dort, wo die Linke, auch die PS, traditionell stark ist. Hier hat er Hamon Stimmen weggenommen. Diese Städte sind weder besonders proletarisch noch besonders von ärmeren Bevölkerungsschichten geprägt, der Anteil an Industriearbeitsplätzen ist hier immer noch bedeutend.

 

Die Stimme für Hamon

Sie zeigt dieselben Merkmale auf wie die Stimme für Macron: Hamon schneidet umso stärker ab, als die Stadt jung, mittelschichtsgeprägt, gebildet und wirtschaftlich aktiv ist; hingegen spielt das Einkommensniveau eine geringere Rolle. Sein bestes Ergebnis erzielte Hamon in Rennes, über 10 Prozent erreichte er in Nantes, Lille, Paris, Toulouse, Grenoble und Bordeaux – in den ersten vier stellt die PS die Bürgermeisterin. Hingegen verliert er in Städten mit einem höheren Arbeiteranteil (Reims, Le Havre, Nîmes, Marseille) Stimmen an Mélenchon.

 

* Frédéric Sawicki lehrt Politikwissenschaft an der Universität Paris 1. Wir entnehmen den hier leicht gekürzten Beitrag der Zeitschrift Alternatives Economiques, www.alternatives-economiques.fr/vote-grandes-villes-clivages/00078538.


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