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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Sexuelle Selbstbestimmung ist ein ­Menschenrecht!

Die «Märsche für das Leben» treffen auf Widerstand
von Gisela Notz*

Wir hätten den schönen Septembertag auch anders nutzen können. Aber wir mussten unseren Protest auch in diesem Jahr auf die Straße tragen, denn am 16.?September 2017 marschierten sie wieder, die christlichen Fundamentalisten.

Aufgerufen zum «Marsch für das Leben» hatte der Bundesverband Lebensrecht e.V. (BVL), der den Dachverband für 13 christlich-fundamentalistische Organisationen bildet. Dazu gehören u.a. die Stiftung Ja zum Leben, die Jugend für das Leben, die Christdemokraten für das Leben e.V., die Ärzte für das Leben e.V., die Juristen-Vereinigung Lebensrecht e.V., das Weiße Kreuz e.V..

Die Liste der «ideellen Unterstützer» der Gegner für das Recht auf Selbstbestimmung ist lang. Genannt seien der Arbeitskreis Engagierter Katholiken in der CDU, die Deutsche Evangelische Allianz, die European Large Families Confederation, EuroProLife, das Forum Deutscher Katholiken, die Initiative Pharma-Information, die Junge Union Deutschlands und die Senioren-Union der CDU Deutschlands.

 

Unterstützung aus der bürgerlichen Mitte

Auch in diesem Jahr wurde der «Marsch für das Leben» von Grußworten von Vertretern der Amtskirchen, Mitgliedern des Bundestags und des Europäischen Parlaments begleitet. Verlesen und im Internet aufgeführt wurden 39 Grußworte, angeblich nur eine «Auswahl». Darunter sind die CDU/CSU MdBs Hubert Hüppe, Volker Kauder und Johannes Singhammer, der Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. Sie alle wünschten «Gottes Segen» für den Marsch und seine Anliegen. Die allermeisten sind Männer. Sie wollen den Frauen die Selbstbestimmung über den eigenen Körper verbieten, obwohl sie alle nicht selbst schwanger werden können. «Das Leben ist vom Beginn bis zum Tod ein Geschenk Gottes. Es ist uns von Gott gegeben. Der Mensch kann daher nicht von sich aus Anfang und Ende bestimmen», schreibt Singhammer, der offensichtlich weiß, was Gott will.

Seit 2002 demonstrieren christliche Fundamentalisten mit ihren Schweigemärschen gegen die jetzige Abtreibungsregelung in Deutschland, die sie für einen permanenter Massenmord halten. Mit 1000 weißen Holzkreuzen wollen sie auf die (angeblich) in Deutschland täglich abgetriebenen 1000 Kinder aufmerksam machen. Das Motto des 13.Marsches 2017 lautete: «Die Schwächsten schützen: Ja zu jedem Kind. Menschenrechte gelten für alle – auch für Kinder vor der Geburt. Wir setzen uns ein für Hilfe statt Unrecht, für Solidarität, Nächstenliebe und Inklusion. Kein Kind ist unzumutbar.» Die Schwächsten der Gesellschaft sind nach ihrer Meinung die «Ungeborenen», nicht etwa die vielen lebenden armen Kinder.

Sonderbusse waren aus mindestens 37 Städten erwartet. «Besondere Übernachtungsmöglichkeiten» wurden in katholischen und evangelischen Gästehäusern und beim Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) angeboten.

Vor dem «Marsch für das Leben» fand am 15.9., eine Fachtagung «Bioethik und Menschenwürde» und am 16.9. ein «Engelamt» – Requiem für ungeborene Kinder – in der Kirche St.?Marien in Berlin-Spandau statt. Anschließend fuhr man gemeinsam zum «Marsch», der durch ein massives Polizeiaufgebot vor den friedlichen Gegendemonstrantinnen «geschützt» wurde. Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, bezeichnete das Event in seiner Rede als «nationale Gedenkfeier für Abgetriebene». Neben ihm traten auch die Buchautorin Birgit Kelle und der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter auf.

 

Nur Gott allein?

Der BVL gibt an, sich «für den Schutz des Lebensrechts jedes Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod» einzusetzen. Unter der katholischen Vorsitzenden Alexandra Lindner will er Anwalt für das menschliche Leben sein und für eine familien- und kinderfreundliche Gesellschaft eintreten.

Schwangerschaftsabbrüche sind für den BVL «vorgeburtliche Kindstötungen». Er tritt für ein ausnahmsloses Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen weltweit ein. Das kommt einem potenziellen Todesurteil für ungewollt schwangere Frauen gleich, die sich keine teure illegale Abtreibung leisten können.

Aktuell sterben weltweit jährlich etwa 47000 Frauen nach illegalisierten Abtreibungen. Längst ist bekannt, dass wie immer geartete Strafen nicht zu weniger Schwangerschaftsabbrüchen führen. Durch restriktive Gesetze fällt der Schwangerschaftsabbruch der Klassenjustiz anheim.

Den Abtreibungsgegnern geht es jedoch darum, weibliche Sexualität und Fortpflanzung zu kontrollieren und Macht über den Körper der Frauen auszuüben.

Ähnliche Märsche finden auch in anderen Städten statt. Meist bringen die Abtreibungsgegner demografische Argumente ins Spiel, verweisen auf die niedrige Geburtenrate, weshalb Deutschland aussterben werde, und wollen Föten  Staatsbürger- und Menschenrechte verleihen.

Organisationen, die durch ihre Beratungsarbeit Frauen darin unterstützen, sich selbst für oder gegen eine Schwangerschaft entscheiden zu können, werden der Beihilfe zur Kindstötung beschuldigt.

Die Märsche fordern ein «Deutschland nach Gottes Geboten». Nur Gott allein könne über Leben und Tod bestimmen, nicht der Mensch. Damit machen sie es sich einfach: Gott muss sich weder mit den Umständen noch mit den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft auseinandersetzen. Zudem werden Heterosexualität und die Vater-Mutter-Kind-Familie als «natürliche Lebensweise» angenommen, weil nur durch Sexualität, die auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, die «Weitergabe des Lebens» möglich sei.

 

Gegendemonstrationen

Seit 2008 formieren sich in den verschiedenen Städten, so auch in Berlin, Gegendemonstrationen von kritischen Feministinnen und Menschen aus Organisationen und Parteien, die sich für die Streichung des §218 aus dem Strafgesetzbuch, die sexuelle Selbstbestimmung und die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen einsetzen.

Auch in diesem Jahr gab es in Berlin zwei breite Bündnisse: What the Fuck! rief unter dem Motto «Raise your voice! My Body, my Choice!» zu einer antifaschistischen und queerfeministischen Demonstration auf. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, dem 36 Verbände und Organisationen angehören, stellte sich unter dem Motto «Mein Körper. Meine Verantwortung. Meine Entscheidung. Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht!» dem Kreuze-Zug entgegen.

Am Brandenburger Tor startete der gemeinsame Demonstrationszug Rich­tung Lustgarten mit 3000 Teilnehmenden unter fantasievollen Parolen. Dort traf er sich mit der antirassistischen Welcome-United-Demonstration.

Wegen der Stärke der Gegendemonstration verlegte die Polizei die vorgesehene Route des Kreuze-Marschs – der ebenfalls etwa 3000 Teilnehmende zählte – und führte ihn vorzeitig zurück zum Brandenburger Tor.

Vielleicht wird sie im nächsten Jahr dem Vorbild von Schweizer Behörden folgen, die den «Marsch fürs Läbe», der zunächst von Zürich nach Bern und dann in die Provinz geflüchtet war, verbieten, damit die Fundamentalisten in Ruhe in den Kirchen und zu Hause beten können.

 

* Gisela Notz lebt und arbeitet in Berlin, sie war von 2004 bis 2010 Bundesvorsitzende von pro familia. Zum Thema schrieb sie u.a. Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes (Stuttgart: Schmetterling, 2015).


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