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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2019 |

VW in Chattanooga, USA

Erneute Niederlage für die Gewerkschaft
von Chris Brooks*

Die United Auto Workers (UAW) hat bei den jüngsten Gewerkschaftswahlen erneut verloren – wegen einer ausgeklügelten Anti-Gewerkschaftskampagne von VW, Unternehmergruppen und Politikern, aber auch wegen ihres eigenen schwachen und oberflächlichen Organisierungsansatzes.
Es war bereits ein schlechtes Zeichen, als zu Beginn des Wahltags bei VW in Chattanooga, Tennessee, die Schicht plötzlich blau gefärbt war. Tags zuvor hatten noch Dutzende GewerkschafterInnen in hellgrünen Shirts Flyer verteilt. Am Mittwoch trug die Menge, die still die Drehkreuze passierte, die blauen Antigewerkschaftshemden von VW mit dem Spruch: «Ein Team: Ich bin Volkswagen.» Nur knapp einer von 20 trug das Shirt der UAW. Freitagnacht stand die knappe Abstimmung fest: Die Gewerkschaft hatte verloren mit 776 gegen 833 Stimmen bei 93 Prozent Wahlbeteiligung.
Diesmal gab es im Gegensatz zu 2014, als die Gewerkschaft ebenfalls knapp verlor, eine Antigewerkschaftskampagne innerhalb des Standorts, an dem 1700 Menschen in der Produktion arbeiten. Auch diesmal beteuerte VW seine Neutralität, doch innerhalb des Werks übten die Vorgesetzten Druck aus. Zusätzlich gab es, wie 2014, von anderen Unternehmen und Politikern eine Öffentlichkeitskampagne gegen die UAW, bei der u.a. Subventionen in Frage gestellt wurden, sollte sich die Gewerkschaftsliste durchsetzen.
Das war absehbar, und dennoch verfolgte die Gewerkschaft im Betrieb keinen Organisierungsansatz, der solch einem Druck hätte Stand halten können. Statt eine starke und selbstbewusste Basis oder öffentliche Bündnisstruktur aufzubauen, verschwendete die Gewerkschaft 50000 Dollar für Werbespots in Radio und Fernsehen. Ebenso wurde keine strukturelle Macht aufgebaut, indem etwa Zuliefererbetriebe mit kleineren Belegschaften organisiert wurden – schon eine kleine Aktion hätte da die Just-in-time-Produktion von VW getroffen. Und obwohl es selbstverständlich sein sollte, wurden die Beschäftigten in keiner Weise auf die Gegenangriffe des Managements vorbereitet.
Nachdem wegen des Dieselskandals mehrere Führungskräfte strafrechtlich verfolgt wurden und VW 30 Mrd. US-Dollar zahlen muss, änderte das Unternehmen 2015 seine Strategie gegenüber den Gewerkschaften. Der Durchschnittslohn ist in Chattanooga einer der niedrigsten in der Autobranche der USA, und VW möchte, dass dies so bleibt. VW engagierte 2015 die Union-Busting-Anwaltskanzlei Littler Mendelson, um Organisierungsansätze zu behindern und auszubremsen.
Nicht zuletzt wurden auch einige Verbesserungen eingeführt. So begann VW vor der Wahl, die Anlage zu kühlen, änderte die Kleiderschrankrichtlinien, um Shorts zuzulassen, passte den wöchentlichen Schichtplan von fünf Achtstundentagen auf vier Zehnstundentage an und schaltete mehrere Manager aus, darunter den unbeliebten Werksleiter Antonio Pinto.
Doch die Gewerkschaft versäumte es, dies als eigenen Erfolg zu feiern und den Beschäftigten zu zeigen, was sie durchsetzen können. Gleichzeitig verteilte das Management Antigewerkschaftsflyer bei den morgendlichen Starttreffen und übte Druck aus, wenn UAW-Buttons getragen wurden. Und in Begleitung von Gouverneur Bill Lee wurde das Drohszenario aufgebaut, die Wahl der Gewerkschaftsliste würde das Aus für den Standort bedeuten.
Dies sind gewöhnliche Maßnahmen, mit denen Gewerkschaften inzwischen rechnen müssen. Und auch das Einschalten von Politik und Öffentlichkeit gehört im Süden der USA immer mehr zum Standard. Der Gang der Dinge war also absehbar, und damit ist es auch Schuld der Gewerkschaft, dass sie sich nicht durch Organisierung an der Basis gewappnet hat – eine Voraussetzung, um dem harten Gegenwind Stand zu halten. Doch statt auf Treffen oder kleine Kampagnen zu setzen, bei denen die Belegschaft Dinge durchsetzen und ihre eigene Macht aufbauen und spüren kann, hoffte die UAW auf einen schnellen Punktsieg. Sie konzentrierte sich weder auf Schlüsselpersonen, noch auf brennende Themen oder das reale Kräfteverhältnisse. Die UAW dachte, sie hätte die Mehrheit. Aber diese Einschätzung basierte auf Gesprächen und nicht auf kollektiven Aktionen, bei denen ArbeiterInnen öffentlich zeigen, auf welcher Seite sie stehen.
Es fehlte eine systematische Kampagne. Der Höhepunkt war, als 30–40 KollegInnen vor dem Tor Flugblätter verteilten. Am Tag vor der Wahl waren es nur noch ein Dutzend. Es gab eine Kundgebung, die kurzfristig und gegen den Widerstand der UAW abgehalten wurde. Etwa 70 Menschen tauchten auf. Am Familientag, den das Management ausrief, kamen 5000 in der Woche vor der Wahl zusammen.
Selbst wenn die Mehrheit mit Ja gestimmt hätte, hätte die UAW mit dem konfliktfreien Ansatz des Co-Managements keinen guten Vertrag aushandeln oder durchsetzen können. Dies wird erst dann gelingen, wenn die Gewerkschaft von der Basis aus in eine kämpferische Richtung umgekrempelt wird.

Chris Brooks, 14.6.2019

* Der vollständige Artikel ist auf Englisch zu finden unter labornotes.org.


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