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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Lieber Autokraten als Demokraten

Die Machenschaften des internationalen Fussballs
von Bernd M. Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling

Warum Katar? Wieso soll man Fußballer bei 30 °C über den Kunstrasen jagen? Weil es Geld bringt. Wem es Geld bringt, und welche politischen Konsequenzen daraus erwachsen, das schildern die ausgewiesenen Fußballkenner Bernd M. Beyer und Dietrich Schulze Marmeling in ihrem Buch. Wir bringen, mit freundlicher Genehmigung des Verlags, eine gekürzte Fassung des Vorworts.

Erinnert sich noch jemand an den 2.Dezember 2010? Es wäre übertrieben zu sagen, das sei das Nine-Eleven des internationalen Fußballs gewesen, aber ein riesiger Schock und eine Zäsur waren es allemal.
In Zürich entfaltete FIFA-Präsident Sepp Blatter vor laufenden Kameras ein Blatt Papier, auf dem groß Katar gedruckt stand. Die Entscheidung war gefallen. Von den 22 Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees hatten in der vierten und letzten Runde 14 für das Emirat als Ausrichter der WM 2022 gestimmt. Acht Voten waren auf die USA entfallen. Viele hatten das befürchtet. Ein Turnier mitten in der Wüste? In einem autoritären Ministaat ohne nennenswerte Fußballtradition? Was sollte das?
Hinzu kam, dass die Entscheidung der Gestank von Korruption umwehte. Natürlich waren WM-Turniere auch in der Vergangenheit schon gekauft worden – aber niemals zuvor war dies so schnell so offensichtlich geworden wie in der Causa Katar: Ein halbes Jahr nach der Entscheidung wurden bereits zehn Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees verdächtigt, ihre Stimme verkauft zu haben.
Für viele Fußballfans war mit der Vergabe der WM 2022 an das Emirat eine rote Linie überschritten. Doch so absurd die Entscheidung auf den ersten Blick anmutete – sie war der logische Endpunkt einer Entwicklung. Die Weltturniere hatten immer gigantischere Ausmaße angenommen. Die immensen politischen, ökonomischen und logistischen Forderungen der FIFA führten dazu, dass für den Weltverband vor allem jene Länder als WM-Ausrichter immer stärker in den Fokus rückten, die eine geringe demokratische Kontrolle auszeichnet und deren Regierungen bereit sind, für derlei Großveranstaltungen Unsummen auszugeben.

Großinvestor Katar
Katar zählt 2,7 Millionen Einwohner, von denen gerade einmal 300000 Staatsbürger des Landes sind. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus weitgehend rechtlosen Arbeitsmigrant:innen. Mit 11627 Quadratkilometern ist das Land kleiner als 13 der 16 deutschen Bundesländer. Für die FIFA waren aber andere Parameter entscheidend: Katar ist eines der weltweit reichsten Länder und kann das mit dem Turnier verbundene Infrastrukturprogramm problemlos schultern.
Die Drecksarbeit auf den vielen Baustellen erledigen Gastarbeiter aus Nepal, Indien, Bangladesch sowie anderen asiatischen und afrikanischen Ländern. Auch die politischen Strukturen sagten der FIFA zu. Katar ist eine absolute Monarchie und wird von einem Clan regiert, der auch das Fußballgeschäft bestimmt. Obwohl bevölkerungsarm und klein, ist Katar für die FIFA ein deutlich stärkerer und einflussreicherer Partner als es Südafrika 2010 und auch Brasilien 2014 gewesen sind. Katar ist einer der mächtigsten Geldgeber und Investoren weltweit.
In Deutschland ist Katar sogar einer der größten Investoren. Die Katar Holding, eine Tochtergesellschaft des Katarischen Staatsfonds Katar Investment Authority (QIA), hält 17 Prozent der Aktien von VW, dem größten deutschen Unternehmen, und ist damit der drittgrößte Aktionär des Autoherstellers. Die Kataris halfen VW aus der Patsche, als es im Jahr 2009 bei der Übernahme von Porsche zu Problemen kam. Im 20köpfigen Aufsichtsrat des Unternehmens sitzen zwei Vertreter des Wüstenstaats. An Siemens hält Katar 3,27 Prozent, an Hapag Lloyd 14 und an der Deutschen Bank 6,1 Prozent. Als die Deutsche Bank 2014 ins Taumeln geriet, wurde sie von Katar mit dem dringend benötigten Eigenkapital versorgt. Eine Zeit lang war die Katarische
Herrscherfamilie sogar größter Einzelaktionär bei der Deutschen Bank, bis der chinesische Mischkonzern HNA Group an ihr vorbeizog.

Das Treiben von Christian Wulff
Dass die WM 2022 in Katar stattfindet, ist nicht nur auf dem Mist eines Haufens korrupter FIFA-Funktionäre gewachsen. Der damalige FIFA-Boss Sepp Blatter hat zugegeben: »Es gab direkte politische Einflüsse. Europäische Regierungschefs haben ihren stimmberechtigten Mitgliedern empfohlen, für Katar zu stimmen, weil sie große wirtschaftliche Interessen mit dem Land verbinden.«
In Deutschland war einer der eifrigsten Pro-Katar-Lobbyisten der damalige Bundespräsident Christian Wulff, der sich schon für den Einstieg des Emirats bei VW stark gemacht hatte. Vor seinem Amtsantritt reiste Wulff zweimal nach Doha, begleitet von der Führungsspitze von VW und Porsche. Keine drei Monate im Amt, empfing er im Jahr 2010 Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani, den Emir von Katar, und dessen drei Ehefrauen im Schloss Bellevue. Der Bundespräsident in seiner Tischrede: »Viele [der] hochrangigen Gäste hier im Saal aus bedeutenden Unternehmen, den größten Unternehmern Deutschlands, [seien] in Katar präsent.« Sie seien »bereit, [die] vielfältigen Investitions- und Geschäftsmöglichkeiten in Katar deutlich stärker als bisher zu nutzen«. Deutschlands Interesse gelte »dem Zugang zu den Katarischen Gasvorkommen«. Die deutschen Unternehmen böten ihre »Mitwirkung auch an der weiteren Modernisierung« des Landes an, »vom Auf- und Ausbau von Flug- und Seehäfen, Brücken, Straßen- und Schienenwegen bis hin zu Forschung und Bildung … Ich bin davon überzeugt, dass deutsche Unternehmen und Forscher dazu beitragen können.«
Die deutsche Wirtschaft gehört jedenfalls zu den Profiteuren der WM in Katar und den dafür notwendigen Baumaßnahmen. Laut der Tageszeitung Die Welt entwarf etwa das Büro des Frankfurter Stararchitekten Albert Speer (AS&P) acht der zwölf WM-Stadien. Gebaut werden sie unter anderem von der Essener Hochtief AG, an der Katar beteiligt ist.

Sündenfall Argentinien ’78
Was für die FIFA tatsächlich zählt, hatte der Verband erstmals im Vorfeld und während der WM 1978 dokumentiert. 1966 hatte die FIFA Argentinien zum Austragungsort der WM 1978 gekürt. 1975 war die Entscheidung seitens der FIFA nochmals bestätigt worden, weil Zweifel aufgekommen waren, ob das wirtschaftlich marode und politisch ins Chaos abgleitende Land zu einer Veranstaltung dieser Größenordnung überhaupt in der Lage sei. Am 24.März 1976 wurde die peronistische Regierung durch einen Militärputsch beseitigt.
FIFA-Boss João Havelange war vom Putsch der Militärs begeistert: »Jetzt ist Argentinien in der Lage, die Weltmeisterschaft auszurichten!« Auch Hermann Neuberger, Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), »Vize« der FIFA und Organisationschef der WM in Argentinien, war von den neuen Machthabern angetan. Nach einem Gespräch mit Junta-Chef Videla sagte der deutsche Funktionär: »Die Wende zum Besseren trat mit der Übernahme der Macht durch die Militärs Ende März dieses Jahres ein … Ganz gleich, wie man diesen Wechsel politisch bewertet, wir jedenfalls haben dadurch Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen.«
Das Demokratieverständnis der Südamerikaner sei mit dem der Europäer nicht vergleichbar. Durch Diktaturen würden die Menschen »ab und zu mal wieder wachgerüttelt in Richtung gesundem Demokratieverständnis, wenn sie vorher vom Weg abgekommen sind«. Ohnehin müsse man »mit dem Begriff der Diktatur sehr vorsichtig« sein, »weil wir sonst sehr viele Länder der Welt als Diktatur ansprechen müssten«.
Zu diesem Zeitpunkt berichtete Amnesty International bereits über die Foltermethoden der neuen Machthaber und WM-Gastgeber: »Elektroschocks an allen Körperteilen, fast Erstickenlassen durch Untertauchen des Kopfes unter Wasser, Schläge mit der Faust, dem Knüppel und Gewehrkolben, Fußtritte, Zigarettenverbrennungen, Entzug von Essen, Trinken und Schlaf, manchmal über Wochen hinaus, sexueller Missbrauch, Desorientierungstaktik zum Beispiel durch Augenverbinden, die berüchtigte Papageienschaukel, der Grill, bei welchem der nackte Gefangene auf eine heiße Platte gelegt und geschlagen wird.«
Auch das Problem der sog. »Verschwundenen« – in den Jahren der Militärdiktatur wurden etwa 30000 Menschen an unbekannte Orte verschleppt, gefoltert und ermordet – war bereits bekannt. Dabei kooperierte die Junta mit sog. kriminellen »Todesschwadronen«, die insbesondere Einwanderer aus den Nachbarländern und Angehörige der jüdischen Gemeinde Argentiniens terrorisierten. Um der Welt bei der WM ein »sauberes Argentinien« präsentieren zu können, wurden Elendsviertel gewaltsam aufgelöst, ihre Bewohner zum Teil gefoltert und ermordet.
1982 wurde die WM in Spanien ausgetragen. Spanien hatte den Zuschlag zeitgleich mit Argentinien erhalten, also auf dem FIFA-Kongress vom 6.Juli 1966. 1982 war Spanien eine Demokratie, aber zum Zeitpunkt der WM-Vergabe war das Land vom klerikal-faschistischen Regime des General Francisco Franco regiert worden, das mithilfe des Sports versucht hatte, aus seiner internationalen Isolation auszubrechen.

Das Geschäftsmodell der FIFA
Die verlockende Aussicht, ihr Land vier Wochen lang in ein Schaufenster zu stellen, an dem die ganze Welt vorbei flaniert, fördert indes nicht nur bei autokratischen, sondern auch bei demokratischen Staaten und deren Regierenden die Bereitschaft, den FIFA-Granden den roten Teppich auszurollen.
Für den Zeitraum des Turniers müssen die jeweiligen WM-Austragungsländer einen Teil ihrer Souveränität an die FIFA abtreten. Wie eine WM zu gestalten ist, wird vom Weltfußballverband bis ins Detail diktiert. Die FIFA geriert sich als diktatorische Nebenregierung, aus democracy wird für einige Wochen ­FIFAcracy. Hierzu gehört auch die Suspendierung des nationalen Steuerrechts. Das Austragungsland muss der FIFA und ihren Partnern die Befreiung von der Einkommens- und Umsatzsteuer zusichern. Selbst im Falle Südafrikas, das dringend auf Steuereinnahmen angewiesen war, kannte die FIFA keine Gnade.
Hinzu kommt, dass der Weltverband Exklusivrechte für seine internationalen Sponsoren verlangt, bspw. beim Getränkeverkauf. So musste etwa vor der WM 2014 der brasilianische Senat dem »Budweiser Bill« zustimmen. Mit dieser Regelung wurde das in Brasilien herrschende Stadionverbot für alkoholische Getränke aufgehoben, was vor allem einem der FIFA-Hauptsponsoren zugute kam: der Brauerei Budweiser. Eine entsprechende Vereinbarung hatte die brasilianische Regierung bei der WM-Vergabe akzeptiert, bis 2012 aber war die Vorlage vom Parlament des Landes noch nicht verabschiedet worden. Da forderte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke Vollzug: »Es wird und es muss als Teil eines Gesetzes den Fakt geben, dass wir das Recht haben, Bier zu verkaufen … Das ist etwas, über das wir nicht verhandeln werden.«
Die eigentlichen Kosten einer WM für Stadien und sonstige Infrastruktur überlässt die FIFA traditionell weitgehend dem Gastgeber. Die Gewinne streicht der Verband überwiegend selbst ein. Wohlhabende Ausrichternationen wie Deutschland, Russland und vor allem Katar mag das nicht weiter stören, aber in einem Land wie Südafrika hinterließ die WM einen fatalen Schuldenberg. Das Land selbst musste zunächst einmal kräftig zahlen, insbesondere für die Bereitstellung der von der FIFA geforderten Stadionlandschaft. Hier betrugen die Kosten für das Austragungsland etwa 1,4 Milliarden Euro; ursprünglich geplant hatte man mit der Hälfte dieser Summe. Bei der WM 2006 in Deutschland fielen die Ausgaben für Stadien mit 1,8 Milliarden Euro zwar noch höher aus, allerdings wurden diese zu 66 Prozent von Stadionbetreibern, Fußballklubs und privaten Investoren gedeckt.
Südafrika investierte insgesamt sogar 3,6 Milliarden Euro in das Turnier 2010, höchstens ein Drittel davon floss in die heimische Wirtschaft zurück. Die FIFA zog mit einem Gewinn von geschätzt drei bis vier Milliarden Euro davon. Weitere Profiteure waren westliche Konzerne und asiatische Firmen. Allein die deutsche Wirtschaft verbuchte im Zusammenhang mit der WM in Südafrika Aufträge im Umfang von 1,5 Milliarden Euro. Dem Gastgeber blieb eine Stadionlandschaft, für die es anschließend keine Verwendung gab und die in der Folge Verluste in Millionenhöhe verursachte.
FIFA-Präsident Joseph Blatter wurde nicht müde zu betonen, dass auch »die Armen« von der ersten WM auf afrikanischem Boden profitieren würden. Aus den Auslagen der FIFA ließ sich eine solch philanthropische Absicht nicht herauslesen. Da ging es primär um eine saubere Fußballshow und den Schutz von exklusiven Sponsoreninteressen. In Kapstadt untersagte die FIFA die Nominierung eines Stadions im ärmlichen Vorort Athlone, weil, so ein FIFA-Delegierter, »eine Milliarde Fernsehzuschauer diese Hütten und eine derartige Armut nicht sehen wollen«. Im Falle Südafrikas lautete der Preis fürs »Hübschmachen«, dass rund um die Stadien sowie allgemein in Zonen, wo sich WM-Touristen herumtrieben, das Elend nicht bekämpft, sondern vertrieben wurde. Menschen wurden umgesiedelt in elende Blechhüttenghettos am Stadtrand.

Demokratie? Lästig!
Aus Sicht der FIFA haben demokratisch verfasste Staaten, wie etwa Brasilien, erhebliche Nachteile, wie FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke im Jahr vor dem WM-Start befand. Der Franzose beklagte die politische Struktur des WM-Austragungslandes:
»Es gibt verschiedene Personen, Bewegungen und Interessen, und es ist durchaus schwierig, in diesem Rahmen eine WM zu organisieren.« So erdreistete sich bspw. die zuständige Arbeitsbehörde auf der Stadionbaustelle der Millionenmetropole São Paulo, einen partiellen Baustopp zu verhängen. Vorausgegangen war der bereits siebte tödliche Unfall eines Arbeiters – nicht erst in Katar forderte das FIFA-Bauprogramm also Arbeiterleben.
Ausgerechnet im fußballverrückten Brasilien stieß die FIFA-Gigantomanie erstmals auf massiven Protest. Im Jahr vor der WM gingen Millionen von Brasilianer:innen auf die Straße, um gegen die FIFA und die eigene Regierung, gegen die Verschwendung von Ressourcen zugunsten der WM und zulasten von Schulen, Krankenhäusern und Infrastruktur zu demonstrieren. Auch ehemalige (Romário) und noch aktive (Neymar) Nationalspieler solidarisierten sich. [Heute outet sich der hochdotierte Neymar als Unterstützer des Rechtsextremisten Bolsonaro.] Romário: »Ich bin nicht gegen die WM. Aber ich bin gegen die unmäßigen Kosten des Turniers. Ich habe immer wieder gesagt, dass Brasilien eine Gelegenheit verschwendet, ein besseres Land zu werden.«
Sepp Blatter erklärte lapidar: »Fußball ist mehr wert als alle sozialen Querelen.« Und sein Generalsekretär Jérôme Valcke war froh, dass die nächste WM in Russland ausgetragen wurde: »Das mag jetzt ein wenig verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser. Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als in Ländern wie Deutschland, in denen es auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.«
Der Sportphilosoph und Soziologe Gunter Gebauer glaubt, dass Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften nur noch »in Staaten mit autoritärer Führung« stattfinden können. Auch die Journalistin Nicole Selmer konstatiert einen wachsenden Widerspruch zwischen der FIFA-Gigantomanie und demokratisch verfassten Gesellschaften: »Ein Veranstaltungskonzept, das auf immer neue Rekorde, immer mehr Ausgaben und immer weniger Beteiligung der Menschen setzt, wird zu Widerstand führen. Zumindest in demokratischen Staaten, deren Bevölkerung gewillt ist, ihre Rechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit auszuüben.«

Der FIFA die Macht nehmen
Autokraten lieben große Sportereignisse, sie betrachten sie als Teil der Systemkonkurrenz. Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele sollen die Überlegenheit und Dynamik autoritärer und nationalistischer Regime gegenüber den kraftlosen, komplizierten Demokratien beweisen. Dies war schon Mussolinis Motiv bei der Ausrichtung der WM 1934 in Italien – auch damals bestand das Turnier vor allem aus einem großen Bauprogramm. Autoritarismus und sportliche Mega-Events vertragen sich blendend. Manch deutscher Sporthistoriker bekommt noch heute feuchte Augen, wenn er über Olympia 1936 und den deutschen Sportführer Carl Diem redet.
Für die FIFA und die Spitzen vieler nationaler Fußballverbände sind Diktatoren, Autokraten und »Korrumpels« kein Problem, sondern Teil der »Familie«.
Diktatoren und Autokraten haben schon immer versucht, Spieler und Mannschaften zu instrumentalisieren. Demokraten ebenfalls, wenngleich weniger augenfällig, aufdringlich und erfolgreich. Parallel zum scheinbar ungebremsten Fußballboom lässt sich bereits seit vielen Jahren eine starke Politisierung des Spiels beobachten, die im Vorfeld der WM 2018 in Russland einen neuen Höhepunkt erreichte. Politiker, darunter auch viele zwielichtige Gestalten, suchen intensiv die Nähe zum Spiel und seinen Helden. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um ein Foto mit einem Star zu organisieren, nach Möglichkeit inklusive Trikotübergabe.
Fußballer haben offensichtlich große Mühe, sich dieser Instrumentalisierung zu entziehen. Sei es, weil sie die Diktatoren, Autokraten und »Korrumpels« nur als Freunde und Förderer des Spiels sehen; sei es, weil die Politik für sie ein komplett fremdes Feld ist, das sie nicht zu beurteilen wissen. Bei vielen Spielern trifft wahrscheinlich beides zu.
Die Journalistin Nicole Selmer ist der Meinung, dass sich seit dem Abdanken von Sepp Blatter im Februar 2016 einige Dinge zum Positiven verändert haben. Neue Gremien wie der FIFA-Rat seien geschaffen, Posten anders besetzt worden, zudem gebe es nun mehr Transparenz, was die Vergabekriterien für WM-Turniere betrifft. Aber es bleibt, so Selmer, ein großer Makel an der FIFA haften: »Das zentrale Problem ist sie nie angegangen. Denn die Bestechungen, Lügen und Skandale in der Geschichte des Weltverbands liegen in seiner Machtfülle begründet. Die FIFA entscheidet quasi alleine über Turniervergaben, Werbedeals, Sperren von Verbänden und Spielern, und solange sie dieses Entscheidungsmonopol hat, wird sie anfällig für Korruption und resistent gegen Demokratisierung bleiben. Der einzige Weg, die FIFA zu verändern, besteht darin, ihr die Macht zu nehmen.«

Dietrich Schulze-Marmeling (Jg. 1956) gehört zu den profiliertesten und produktivsten Fußballautoren- und -historikern in Deutschland. Sein erstes Fußballbuch (Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports) erschien 1992. Es folgten u.a. Bücher über Borussia Dortmund und den FC Bayern München, Das goldene Buch der Fußballweltmeisterschaft und Das goldene Buch des deutschen Fußballs (mit Hardy Grüne).
Auch zur Geschichte großer internationaler Vereine hat Schulze-Marmeling erfolgreiche Bücher vorgelegt, so zum FC Barcelona, zu Manchester United, Celtic und zuletzt zum FC Liverpool (
Reds). Für das Buch Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur wurde Schulze-Marmeling mit dem Preis für das Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet. In den nächsten Wochen erscheint sein neues Werk 1990. Eine WM, die alles veränderte.
Schulze-Marmeling ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und lebt in Altenberge bei Münster.

Bernd Beyer (Jg. 1950) arbeitete zunächst als Tageszeitungsredakteur, danach studierte er Politik und Volkswirtschaft. Von 1981 bis 2015 war er als verantwortlicher Lektor im Verlag Die Werkstatt mit Schwerpunkt Fußballgeschichte tätig. Auch er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur.


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