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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 09/2023

›¡Tierra o Muerte! Land oder Tod!‹
von Gert Eisenbürger und Maria Sundvall

Hugo Blanco, der peruanische Revolutionär, Bauernführer, ehemalige Parlamentsabgeordnete, Kämpfer für die Rechte der indigenen Bevölkerung und für den Umweltschutz, ist am 25.Juni nach kurzer akuter Krankheit in Uppsala, Schweden, gestorben.

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens hat Hugo Blanco sich vor allem dem Kampf für die Rechte der indigenen Völker und für die Verteidigung der natürlichen Ressourcen gegen die Ausbeutung gewidmet und mit der Herausgabe der Monatszeitung Lucha Indígena begonnen, die sich auf indigene Themen konzentriert.
Der Mann war eine lebende Legende, schrieb der verantwortliche Redakteur des Lateinamerika-Magazins ila, Gert Eisenbürger, vor elf Jahren in einem Porträt für die SoZ, das wir nachstehend reproduzieren (aus: ila, Nr.356, Juni 2012):

Ein sympathischer Radikaler
[…] Sicher gibt es über ihn vieles zu berichten, was die Bezeichnung »legendär« rechtfertigt. Etwa, dass er einer der letzten Überlebenden der lateinamerikanischen Guerilla der 60er Jahre ist – seine Gruppe unterschied sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Diese waren dadurch gekennzeichnet, dass Angehörige der städtischen Mittelschichten – vor allem Studenten – entschieden, bewaffnet in die Berge oder Wälder zu gehen und mit einer kleinen, entschlossenen Gruppe von Kämpfenden einen revolutionären Fokus aufzubauen, nämlich durch »bewaffnete Propaganda«. Militärische Erfolge der Guerilleros gegen die Repressionskräfte sollten also die ländlichen Massen von der Revolution überzeugen und sie dazu bringen, die Guerilla zu unterstützen.
Das Problem dabei war, dass die Bauern und Bäuerinnen nicht gefragt wurden, ob sie den (revolutionären) Krieg wollten, und ebenso wenig, wie sie sich die Revolution vorstellten. Auch Hugo Blanco kam aus einem städtisch-universitären Hintergrund, hatte in Peru und Argentinien Landwirtschaft studiert und sich einer trotzkistischen Gruppe angeschlossen. Nach der Rückkehr in seine Heimatregion Cuzco im Jahr 1958 arbeitete er in der Landwirtschaft und integrierte sich in die bäuerliche Bewegung. Die kämpfte damals gegen das Haziendasystem, das die Campesinos zwang, unentgeltlich auf den Feldern der Großgrundbesitzer zu arbeiten. Ihr »Lohn« bestand darin, dass sie ein Stück Land für den Eigenbedarf bebauen durften.
Die Federación Provincial de Campesinos de La Convención y Lares (FEPCACYL), in der Hugo Blanco damals aktiv war, organisierte einen Streik gegen dieses System. Die Campesinos bearbeiteten weiter Land für ihre Eigenversorgung, leisteten aber keine Fronarbeit mehr auf den Feldern der Großgrundbesitzer. Nach neun Monaten Streik erklärten sie sich schließlich zu Eigentümern der von ihnen bearbeiteten Parzellen – eine echte Agrarreform von unten. Dagegen mobilisierten die Großgrundbesitzer Polizei und Militär, die die Bauernfamilien von den Parzellen vertreiben sollten.
Auf Versammlungen entschieden die Campesinos, bewaffnete Selbstverteidigungsmilizen aufzustellen, um sich gegen die Vertreibungen zu wehren. Mit der Organisation dieser Guerilla wurde Hugo Blanco betraut.
Die Guerilla war zwar sozial verankert, militärisch agierte sie aber ähnlich erfolglos wie die meisten anderen bewaffneten Gruppen jener Zeit. Nach wenigen Scharmützeln wurde sie 1963 vom Militär aufgerieben, die Überlebenden verhaftet. Die peruanischen Eliten wollten die Guerilleros in einem Schauprozess zum Tode verurteilen und hinrichten lassen. Um dies zu verhindern, organisierte die trotzkistische IV.Internationale eine Solidaritätskampagne, an der sich zahlreiche prominente Intellektuelle, allen voran Jean-Paul Sartre, beteiligten. Die große nationale und internationale Aufmerksamkeit bewirkte, dass keine Todesurteile ausgesprochen wurden.

Blanco wurde 1967 zu 25 Jahren Haft verurteilt, seine Genossen zu kürzeren Gefängnisstrafen. 1970 kam er durch eine Amnestie frei. Weil er aber das Angebot der links­nationalistischen Militärregierung von Juan Velasco Alvarado, an deren Agrarreform mitzuarbeiten, ablehnte, wurde er 1971 des Landes verwiesen und ging ins Exil nach Mexiko und Chile. Der Putsch Pinochets zwang ihn erneut zur Flucht, die ihn schließlich nach Schweden führte.
Nach seiner Rückkehr nach Peru wurde er 1978 für das Linksbündnis FOCEP [Frente Obrero Campesino Estudiantil y Popular] in die Verfassunggebende Versammlung gewählt. In den folgenden drei Jahrzehnten war er unter anderem Abgeordneter, Senator, Generalsekretär der Nationalen Bauernföderation CCP und vor allem immer dabei, wenn es auf dem Land soziale Kämpfe gab. Er wurde mehrfach verhaftet und gefoltert. Todesdrohungen von Militärs und der stalinistischen Guerillagruppe Sendero Luminoso zwangen ihn zwischenzeitlich erneut ins Exil. Inzwischen gibt er 78jährig in Cuzco die Zeitschrift Lucha Indígena heraus.
Von all dem berichtet das Buch Wir Indios*, das Texte Hugo Blancos aus den Jahren 1969 bis 2010 vereint. Es ist gleichwohl keine Autobiografie, sondern ein Buch über die Kämpfe der peruanischen Bauern und Bäuerinnen für Land, Freiheit, die Bewahrung ihrer Lebensgrundlagen und ­ihrer Kultur – Kämpfe, die das Leben Blancos seit den späten 50er Jahren bestimmt haben. Gewollt oder ungewollt ist Wir Indios das Selbstporträt eines sympathischen Revolutionärs, der nie aufgehört hat, für eine bessere Welt zu kämpfen.
Gert Eisenbürger

Aus dem Nachruf seiner Tochter Maria Sundvall
Hugos Gesundheit war seit vielen Jahre lang angeschlagen. Zu oft war er im Gefängnis von der Polizei und vom Militär geschlagen worden. Im Jahr 2002 wurde er in Mexiko am Gehirn operiert und anschließend in Kuba behandelt. Im Jahr 2019 besuchte er Schweden, der Besuch wurde durch Reisebeschränkungen aufgrund der Covid-Pandemie verlängert. Trotz seines sich verschlechternden Gesundheitszustands nahm er an Klimakundgebungen mit Greta Thunberg und Fridays for Future teil und traf er Aktivist:innen der Organisationen der Sami, eines indigenen Volkes in den nördlichen Teilen Schwedens, Norwegens, Finnlands und Russlands…
Hugo wandte sich gegen selbsternannte Führungspersönlichkeiten in Parteien und Bewegungen. Er betonte, wie wichtig es sei, praktisch in die tägliche Arbeit der Bewegungen eingebunden zu sein und allen Beteiligten zuzuhören. Außerdem besaß er die seltene Eigenschaft, auf die Menschen zuzugehen und sie zu überzeugen. Ein Beispiel dafür ist, wie er sich im Militärprozess an seine Gefängniswärter wandte und erklärte, dass er einen deutlichen Unterschied zwischen ihnen und ihren Vorgesetzten machte. Während seiner Haft und während des Prozesses mussten seine Wärter immer wieder ausgetauscht werden, weil sie zu viel Sympathie für ihn entwickelten. Er war in dramatischen Momenten der Weltpolitik zugegen, und es gelang ihm, aus jedem Kampf strategische Lehren für uns alle zu ziehen. (intersoz.org/hugo-blanco-ein-revolutionaer-und-bauernfuehrer/.) Maria Sundvall

*Hugo Blanco: Wir Indios. Der Kampf gegen rassistische Unterdrückung und die Zerstörung ihrer Umwelt. Karlsruhe 2011.

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