Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Bildung 1. März 2025

Zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Die Shell-Studie (www.shell.de) befragt seit 1953 alle vier Jahre Jugendliche im Alter zwischen 12 und 25 Jahren zu ihrer Haltung zu Politik, Gesellschaft und Umwelt sowie ihre Ängste und Sorgen. Damit beauftragt sind Wissenschaftler:innen der Universität Bielefeld. Erfasst wurden im Zeitraum von Januar bis Ende März 2024 2509 junge Menschen der Jahrgänge 1998–2012 entlang verschiedener Merkmale wie Geschlecht, soziale Herkunft, besuchte Schulform, Wohnregion und Migrationshintergrund. Die Erhebung erfolgte mit standardisierten Fragebögen. Es waren rund zweistündige Gespräche mit jeweils 20 Jugendlichen. Aufschlussreich sind die Vergleiche zu vorherigen Studien.

Die Bereitschaft zum politischen Engagement liegt bei Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren derzeit bei 37 Prozent (2002 waren es 22 Prozent). 51 Prozent der Jugendlichen zeigen Interesse an der Politik, erfreulich, dass es kaum Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt.
Sorgen um die wirtschaftliche Lage und eine steigende Armut machen sich 67 Prozent. Gleichzeitig haben sie mehrheitlich keine Angst, einen Ausbildungsplatz zu finden oder arbeitslos zu werden.
Die Angst vor Ausländerfeindlichkeit ist mit 58 Prozent höher als die Sorge vor weiterer Zuwanderung, die von 38 Prozent sogar befürwortet wird. Dagegen wollen 49 Prozent weniger Zuwanderung als bisher, mit kleinen Unterschieden zwischen West und Ost. Die Aufnahme von Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz suchen, befürworten 57 Prozent. Gleichzeitig erliegen 48 Prozent dem Narrativ, dass der Staat sich um Flüchtlinge mehr kümmert als um hilfsbedürftige Deutsche.
Bei der Frage nach möglichen Nachbarn mit Migrationshintergrund zeigen sich die Jugendlichen mehrheitlich tolerant, mit kleinen Unterschieden bei der Herkunft. An dieser Stelle vermisse ich die Frage nach freundschaftlichen Kontakten zwischen den Jugendlichen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es mehr positive Beziehungen unabhängig von der Herkunft zwischen Kindern und Jugendlichen gibt als etwa um 1990, zumal die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen zugenommen hat.

Klima, Krieg, Engagement…
Die Sorge um das Klima treibt vor allem die Jugendlichen mit höherer Bildung um. Angst vor einem Krieg in Europa haben 81 Prozent, 69 Prozent sind für eine starke NATO. 50 Prozent bejahen eine militärische Unterstützung der Ukraine. Hilfen für Israel bejahen 30 Prozent, gleich viele lehnen sie ab. Das Leid der palästinensischen Bevölkerung wollen 52 Prozent anerkannt wissen, das ist allerdings stärker unter Jugendlichen mit arabischem Hintergrund zu beobachten, verbunden mit einer kritischen Haltung gegenüber Israel.
Erstaunlich ist, dass sich 46 Prozent der Jugendlichen links bis eher links einordnen, in der Mitte sehen sich 26 Prozent und rechts 4 Prozent. Auffallend ist, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern bezüglich politischer Teilhabe praktisch nicht mehr bestehen.
Die Demokratiezufriedenheit liegt bei 75 Prozent, ist allerdings im Osten rückläufig, aktuell bei 60 Prozent. Eine große Mehrheit (86 Prozent) der Jugendlichen hat den Traum, dass eine bessere Welt möglich ist. 70 Prozent sind sich sicher, dass die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch eigenes Engagement beeinflussbar sind. Im Vergleich zu 2019 ist das soziale und gesellschaftliche Aktivitätsniveau bei den Jugendlichen gestiegen, es liegt bei 40 Prozent und bewegt sich häufig außerhalb von festen Strukturen. Junge Frauen wollen sich genau so viel einbringen wie die männlichen Altersgenossen.
Das Engagement in Jugendorganisationen oder in Kirchengemeinden ist rückläufig. Die Kirche verzeichnet einen Vertrauensverlust bei den Jugendlichen, vor allem die katholische Kirche. Der Glaube an Gott hat kontinuierlich an Bedeutung verloren. Während 2002 noch 51 Prozent angaben, dass dieser ihnen wichtig ist, sind es jetzt nur noch 38 Prozent.
Auch im täglichen Leben spielt der Glaube eine immer geringere Rolle. So gaben 49 Prozent an, dass sie laut eigener Aussage nie beten. Nur noch die Hälfte aller 12- bis 25jährigen gehört einer der beiden großen christlichen Kirchen an, gegenüber zwei Dritteln im Jahr 2002. Der Anteil muslimischer Jugendlicher ist von 4 auf 12 Prozent gestiegen. Fast ein Drittel aller Jugendlichen gehört mittlerweile keiner Religionsgemeinschaft an.
Die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Familie und in ihrem Freundeskreis werden von den Jugendlichen positiv beurteilt, im schulischen Rahmen von Schule allerdings als eher schlecht, vor allem bei Jugendlichen, die nicht so gerne in die Schule gehen. Bei diesen würden mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten bspw. bei der Auswahl der Themen von Referaten, Mitwirkungsmöglichkeiten bei Aufführungen und Gestaltung von Klassenausflügen den Spaß an Schule erhöhen.

Digitale Medien
Der Trend bei der Nutzung digitaler Medien nimmt zu. 95 Prozent nutzen sie täglich zur Kommunikation, vor allem aber für Unterhaltung. Daneben dienen sie der Suche nach Informationen für Schule, Ausbildung und Beruf. Auch bei der politischen Informationsbeschaffung greifen die Jugendlichen zu den digitalen Kanälen. Trotzdem halten 83 Prozent der Jugendlichen die klassischen Medien wie ARD- und ZDF-Nachrichten für vertrauenswürdig, das gilt auch für überregionale Zeitungen (80 Prozent).
Zum Umgang mit digitalen Medien möchten 90 Prozent der Jugendlichen einen verpflichtenden Unterricht, dazu soll auch das Erkennen von Fake News gehören. Interessant ist, dass alle Altersgruppen in Ost und West einen solchen Aufklärungsunterricht fordern, männliche und weibliche Jugendliche gleichermaßen.
Auch KI soll ein verpflichtender Inhalt an Schulen sein, das fordern 60 Prozent der Jugendlichen. Hier sind es vor allem diejenigen, die Abitur oder Fachhochschulreife haben oder anstreben. 47 Prozent der Jugendlichen sehen den Einsatz von KI positiv, 65 Prozent sehen Risiken, 45 Prozent erwarten vom Einsatz von KI mehr Arbeitslosigkeit.

Soziale Herkunft und Bildung
Das Gymnasium entwickelt sich zur Mehrheitsschule, aktuell besuchen 48 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren diese Schulform, 2002 waren es 41 Prozent. Die Hauptschule wird aktuell nur noch von 5 Prozent besucht, 2002 waren es noch 21 Prozent. Zwar bewegt sich die Bildungsmobilität nach oben (höhere Abschlüsse als die Eltern), aber immer noch besteht in Deutschland eine hohe Ungleichheit – fast unverändert seit zwei Jahrzehnten.
Derzeit besuchen 13 Prozent der Jugendlichen aus den unteren Schichten das Gymnasium, in der obersten Schicht sind es 77 Prozent. Die größte Chance für ein Abitur besteht in der Gesamtschule. Ein hochwertiger Schulabschluss ist fast eine Garantie für einen erfolgreichen Bildungs- und Ausbildungsverlauf. Auch hier erwarten Jugendliche aus den unteren Schichten (16 Prozent) häufiger Schwierigkeiten, trotzdem ist die Zuversicht, nach der Ausbildung eine angemessene Arbeit zu finden, sehr hoch.
Abschließend müssen wir feststellen: Bildungsabstiege aus hochgebildeten Familien sind gegenwärtig eine seltene Ausnahme: Wer einmal oben ist, bleibt oben. Das bedeutet, dass die herkunftsbedingten Bildungschancen nach wie vor bestehen.
71 Prozent der Jugendlichen, die keine Schule mehr besuchen, wohnen noch im Elternhaus. Von den 22- bis 25jährigen wohnen 48 Prozent mit Partner/Partnerin zusammen. 45 Prozent der Jugendlichen würden sich eine eigene Wohnung nehmen, wenn sie sich diese leisten könnten.
Hier vermisse ich die Problematisierung der Wohnsituation: Der geringe und weiter schwindende Anteil an Sozialwohnungen und die problematische Mietpreisentwicklung wurden nicht thematisiert.
84 Prozent der Jugendlichen glauben, dass sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen, sie ein gutes Einkommen und Aufstiegsmöglichkeiten haben. Die Möglichkeit, zu Hause arbeiten zu können, wünschen sich 69 Prozent. Für die männlichen Jugendlichen ist vor allem der Verdienst wichtig, die weiblichen Jugendlichen wünschen sich eine hohe Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.

Die Studie gibt interessante Einblicke in die Vorstellungswelt der Jugendlichen. Sie beschreibt eine Jugend, die kritisch und nachdenklich den gesellschaftlichen Zustand sieht und dabei auch positive Veränderungen im Blick hat.

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