Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Klima 1. April 2025

›RWE kümmert sich einfach nicht um unsere Leben‹
von Marina Hoffmann

Mal wieder ist im Rheinischen Braunkohlerevier ein Wäldchen besetzt, um es vor dem Abriss und den Kiesbaggern zu schützen. Marina Hoffmann war vor Ort…

Wir fahren über eine schmale Autobahn. Meine Freundin sitzt am Steuer. Der Blick, der sich uns bietet, ist geprägt von Gegensätzen: Vor uns steht eine Armee aus Windrädern, links steigen breite Nebelschwaden aus zwei Kraftwerken. Direkt neben der Straße schmücken grüne Felder die Landschaft, dahinter, links wie rechts: Grube. Tiefe Krater, wie von Naturkatastrophen.
Wir biegen ab, nehmen die Ausfahrt, und kommen nach zwei Kreisverkehren zu einem winzigen Dorf. Manheim wirkt nicht erst auf den zweiten Blick verlassen. Die Fenster der eingezäunten Kirche sind mit Holzplatten abgedeckt. Drumherum nur totes Gestrüpp und leere Häuser. Als wir der Straße Richtung Sündenwäldchen folgen, kommen wir schnell an ihr Ende. Ein Erdwall verhindert unsere Weiterfahrt. Meine Freundin parkt das Auto und wir steigen aus. Sofort fällt uns das Rauschen und Rattern der Maschinen auf, das der Wind zu uns weht.
Vor einem großen Planenzelt, das rechts der Straße auf einer Wiese steht, sitzt eine Gruppe Menschen. Sie reden, trinken Kaffee, lesen sich aus einem Buch vor – einer jongliert. Um sie herum tragen die Bäume schon weiße Blüten. Angelockt von den warmen Sonnenstrahlen schwirren vor mir zwei Wildbienen durch die Luft. Ein großer Schmetterling hält die bunten Malereien an der Zeltinnenwand für eine Futterquelle.
Als ich mich vorstelle und frage, worum es sich bei dieser Zusammenkunft handelt, antwortet mir ein Mann freundlich: »Wir sind die Mahnwache. Wir sind eine offiziell angemeldete Versammlung und Anlaufstelle, und machen auf die Rodung des Sündenwäldchens aufmerksam.«
Hier treffen wir eine Person, die an der Besetzung des »Barrio«, wie they* es nennt, beteiligt ist. Gemeinsam gehen wir vor, meine Freundin folgt uns mit Abstand und macht Fotos.
Als wir auf den kleinen Rest Sündenwäldchen zugehen, wirkt es wie ein Schlachtfeld. Hier standen einmal sechs Hektar Bäume, die bedrohten Tieren eine Heimat boten. Jetzt? Aufgewühlte Erde, Reifenspuren, Baumstümpfe. In der Mitte eine kleine Gruppe Bäume, die noch steht. Der Grund: Aktivist:innen, die ihre Baumhäuser in diesem Teil des Waldes gebaut haben. Aktivist:innen wie »Spaghetti« (Name von der Redaktion geändert).

Grundwasservergifter
Bei den Rodungsarbeiten Anfang des Jahres wurde keine Rücksicht genommen. Aktivist:innen wurden aktiv in Gefahr gebracht: »Also da wurden auch mit einem Harvester Bäume gefällt, mit denen Strukturen gesichert waren. Seile und Traversen wurden auch durchtrennt. Zwei Meter neben einem Konstrukt, auf dem Menschen waren, wurden Bäume gefällt, die da easy hätten reinfallen können. RWE kümmert sich einfach nicht um unsere Leben.«
Während wir über den ehemaligen Waldboden laufen, fliegt eine Hummel vor uns von Stumpf zu Stumpf. »Hier sind enorm viele Insekten und wahnsinnig viele Vögel«, erzählt Spaghetti. »Wir haben das Gefühl, dass alle Vögel, die früher hier im Wald verteilt waren, sich jetzt im Barrio knubbeln, weil das die einzigen richtigen Bäume sind, die hier noch stehen. Wir füttern die Vögel auch, weil die den Übergang sonst nicht schaffen, weil ihnen alle Futterquellen genommen wurden. Wenn mensch einen Meisenknödel aufhängt, dann siehst du eine Minute später bestimmt fünfzig Vögel.«
Im Wald angekommen staune ich, viele Baumhäuser sind nur mit Seil und Kletterausrüstung erreichbar. Da ich nicht unbedingt kletterbegabt bin, gucke ich mir die »Küche« an, ein niedriges, großes Baumhaus mit Leiter. Spaghetti klettert vor. Als ich oben stehe spüre ich, wie sich die Bretter unter meinem Gewicht biegen. »Trust the process« lacht they* und tatsächlich: Es hält. Schon seit Monaten.
Als ich wieder unten bin, habe ich eine entscheidende Frage: Warum? Ich weiß inzwischen, dass der Tagebau Hambach geflutet werden soll, um den zweitgrößten See Deutschlands zu schaffen.
»Solange das Sündenwäldchen besetzt ist, kann die Manheimer Bucht nicht ausgebaut werden«, dort will RWE Abraum, also Sand und Kies gewinnen, der den geplanten Hambacher See stützen soll. »Wenn die Manheimer Bucht ausgebaut wird«, erklärt Spaghetti, »wird RWE den See machen, das Grundwasser vergiften und dem Rhein das Wasser entziehen.«
Im Tagebau wurden unter anderem pyrithaltige Schichten umgegraben. Kommt das oxidierte Pyrit mit Wasser in Kontakt, entstehen Eisen, Säure und Sulfate. Dann sind auch die so viele Jahre gegen RWE verteidigten Reste des Hambacher Waldes in Gefahr, der die gleiche Jahrtausende alte DNA hat wie das Sündenwäldchen: »Der Hambi steht auf einer Lehmplatte, die fängt das Regenwasser auf. Wenn die Manheimer Bucht ausgebaut wird, ist es quasi ein Ablauf. Dann sammelt sich das Wasser nicht mehr, sondern läuft ab und der Hambi trocknet aus.«

Gewaltfantasien
Auf der anderen Seite des Waldes sehe ich ein einsames Konstrukt, ein Baumhaus ohne Baum. Es teht auf vier Bauzäunen. [Am 24. März wurde es abgerissen. Aktivist:innen wurden von der Polizei abgeführt.] Die Aktivist:innen nennen es »Betonwüste«. Alle Bäume drum herum sind gerodet.
»Für mich ist das ein sehr emotionaler Ort. Hier war überall Wald! Von der Betonwüste aus konntest du nicht mal die anderen Baumhäuser sehen und jetzt läuft mensch von hier bis zur Mahnwache zehn Minuten kürzer. Mensch hat das früher gar nicht verstanden, weil so viel dazwischen war und jetzt gibt’s diese Zwischenräume halt nicht mehr.«
Hinter der Betonwüste steht ein Wagen. Der Fahrer ist ausgestiegen und macht Fotos. Wir müssen vorsichtig sein: »Der gehört zu den Secus.« Secus, das sind die von RWE eingesetzten Securities, die darauf achten sollen, dass niemand unbefugt das Gelände betritt oder gar den Rand der Grube erreicht.
»Meistens pöbeln sie nur rum, manchmal holen sie die Cops. Es ist witzig, wenn sie versuchen, einen auf menschlich zu machen: Also wir hatten schon Situationen, wo die dann so waren: ›Guck, wir sind ganz lieb, geben euch die Hand und ihr könnt jetzt gehen‹, aber am gleichen Tag Menschen gedroht haben, ihnen die Beine zu brechen oder sie zusammenzuschlagen oder zu vergewaltigen oder ähnliches. Leute wurden auch schon von den Securities zusammengeschlagen, das interessiert die Cops aber natürlich nicht.«
Von den (verbalen) Übergriffen und Vergewaltigungsfantasien habe ich auch schon im »Sündi-bleibt-Ticker« auf Telegram gelesen. Doch viele machen nur ihre schlecht bezahlte Arbeit. »Die meisten sind eher Opfer als Täter, viele werden vom Arbeitsamt vermittelt«, so Spaghetti. »Als die Rodungssaison endete, wurden viele entlassen.«
Die Rodungssaison findet vom 1.10. bis zum 28.2. statt, in der restlichen Zeit soll Rücksicht auf die Paarungszeiten der Tiere genommen werden. »RWE kann trotzdem roden. Es ist schon vorgekommen, dass RWE Ausnahme-Bescheinigungen bekommen hat, dass sie auch außerhalb der Saison roden dürfen, und deshalb werden wir hier bleiben. Wir werden uns nicht darauf verlassen.«
Die Aktivist:innen, die den Rest des Sündenwäldchens besetzt halten, schützen damit den Lebensraum von teilweise bedrohten Tierarten, den Hambacher Forst und das (Grund-)
Wasser. Sie brauchen Solidarität. »Unterstützen kann mensch uns natürlich durch Hilfe vor Ort, wir haben auch eine Wunschliste in unserer Telegramgruppe und auf der Seite des Hambacher Forsts.«
Wir können uns dem nur anschließen: Die Aktivist:innen im Sündenwald kämpfen für uns alle. Sie brauchen Schraubwinkel, Zeckenkarten, Kaffee, Karabinerhaken, Drohnen, Essen, Werkzeug, Kleidung.
Als wir uns von Spaghetti verabschieden und ins Auto steigen, schweigt meine Freundin. Nachdem wir das Dorf verlassen haben sagt sie, was ich auch fühle: »Irgendwie traurig das Zerstörungswerk von RWE…«

*Als »they« bezeichnen sich nonbinäre Personen, die sich keinem Geschlecht zuordnen.

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