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Nur Online 28. Mai 2025

Für die Herrschenden in Indien und Pakistan ist die Kriegsstimmung ein Gewinn

von Sushovan Dhar und Farooq Sulehria

Sushovan Dhar und Farooq Sulehria analysieren in ihrem ursprünglich auf Englisch im Magazin New Left Review erschienenen Artikel die jüngste Eskalation zwischen Indien und Pakistan im Kaschmir-Konflikt und zeigen auf, wie beide Regierungen von der Kriegsrhetorik profitieren. (d. Red.)

Die Regierungen Indiens und Pakistans haben im Konflikt um Kaschmir einen Rückzieher vom Abgrund gemacht – denn keine von beiden kann sich einen umfassenden Krieg leisten. Doch das aggressive Säbelrasseln und ein Klima scharfen Nationalismus kommen beiden Regierungen gelegen, da sie mit erheblichen innenpolitischen Problemen zu kämpfen haben.

Der bewaffnete Konflikt stellte eine ernsthafte Bedrohung für den Subkontinent dar – ein Krieg, den sich niemand leisten kann. Am 10. Mai soll US-Präsident Donald Trump ein erstes Waffenstillstandsabkommen vermittelt haben. Zwei Tage später trafen sich die Generalstabschefs beider Länder und verpflichteten sich, auf jede aggressive Handlung zu verzichten. Zudem wolle man „umgehend Maßnahmen zur Reduzierung der Truppenpräsenz“ prüfen.

Obwohl das aktuelle Friedensabkommen fragil erscheint – nicht zuletzt angesichts neuer Drohgebärden von Premierminister Narendra Modi und seinem pakistanischen Amtskollegen Shehbaz Sharif – ist jede Deeskalation im Sinne von Stabilität und Frieden in der Region zu begrüßen. Es erscheint ohnehin unwahrscheinlich, dass eine der beiden Seiten einen entscheidenden Sieg erringen könnte – ein solches Unterfangen würde die Region in eine langanhaltende Krise stürzen.

Eskalation mit Ansage

Alles begann am 7. Mai, als die indische Luftwaffe eine Reihe von Luftschlägen auf Ziele in Pakistan und im pakistanisch kontrollierten Kaschmir durchführte. Diese Offensive trug den Codenamen Operation Sindoor. Der Grund für den Angriff war ein tödlicher Anschlag auf Tourist:innen in Pahalgam, Kaschmir, am 22. April, bei dem 26 Zivilist:innen ums Leben kamen.

Indische Behörden behaupteten, die Angriffe hätten sich gegen neun als „terroristische Infrastruktur“ identifizierte Standorte gerichtet. Die pakistanische Armee hingegen erklärte, es seien nur sechs Ziele beschossen worden, wobei 31 Zivilist:innen ums Leben gekommen seien. Auf indischer Seite sollen laut Berichten mindestens 40 Zivilist:innen getötet und viele verletzt worden sein, vor allem im Poonch-Distrikt von Jammu, wo pakistanische Truppen als Vergeltung für den indischen Angriff heftigen Artilleriebeschuss über die Kontrolllinie (LoC) hinweg einsetzten.

Der Vorfall von Pahalgam kam Premierminister Modi gelegen – seine Regierung sah sich bereits mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Besonders das umstrittene Waqf-Änderungsgesetz sowie mehrere Urteile des Obersten Gerichts, die verfassungswidriges Handeln der Regierung offenlegten, hatten zu erheblichem öffentlichen Unmut geführt. Hinzu kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten und eine steigende Arbeitslosigkeit, die die Unzufriedenheit weiter anfachten. Für zusätzliche Unsicherheit sorgte schließlich die Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, neue Strafzölle gegen Indien zu verhängen.

Statt Verantwortung für die schwerwiegenden Sicherheitsversäumnisse zu übernehmen, die zu dem tragischen Anschlag in Pahalgam beigetragen haben, nutzten Modi und seine Verbündeten die Situation aus, um Panik, Kriegsrhetorik, nationalistische Hysterie und eine neue Welle des Islamhasses zu schüren. Es gelang ihnen, große Teile der Bevölkerung hinter sich zu versammeln – mobilisiert durch die angebliche Bedrohung durch von Pakistan unterstützte Terroristen.

Dabei spielten die großen Medienkanäle eine zentrale Rolle. Tag für Tag verbreiteten sie neue Unwahrheiten über Pakistan und verwandelten sich in propagandistische Schlachtfelder, auf denen Millionen Menschen mit Fehlinformationen aufgeheizt wurden. Die Situation eskalierte derart, dass die Regierung am 9. Mai eingreifen musste, um die Verbreitung von Falschmeldungen und hetzerischer Berichterstattung zu unterbinden.

Die Modi-Regierung hat dieses aufgeheizte Klima bewusst inszeniert, um ihre Popularität zu steigern – insbesondere im Vorfeld der Regionalwahlen in Bihar. Zugleich lenkt es von den drängenden materiellen Problemen der indischen Bevölkerung ab: steigende Arbeitslosigkeit, wachsende soziale Ungleichheit, Armut und vielfältige Formen von Entbehrung. Aktuellen Berichten zufolge erreichte die Jugendarbeitslosigkeit im ersten Quartal 2025 einen Wert von 16,1 Prozent.

Der Social-Media-Account der Öffentlichkeitsarbeit der indischen Streitkräfte bezeichnete die grenzüberschreitenden Luftschläge als einen Fall von „gerechtfertigter Vergeltung“. Doch die eigentlichen Drahtzieher des Terroranschlags von Pahalgam wurden bislang nicht gefasst – stattdessen bestand diese „Gerechtigkeit“ in tödlicher Gewalt gegen unbewaffnete Zivilist:innen, darunter auch Kinder.

Pakistans Reaktion

Der Zeitpunkt der indischen Angriffe hätte für die Herrschenden in Pakistan kaum günstiger sein können. Das Land steckt in einer schweren Wirtschafts- und Schuldenkrise, wird von politischen Unruhen in Belutschistan erschüttert und steht vor einer zunehmend angespannten Beziehung zu Afghanistan. All dies hat die Regierung unter Premierminister Sharif und dem Militär bei der Bevölkerung äußerst unbeliebt gemacht.

Die semi- wie unoffizielle Reaktion Pakistans auf den Terroranschlag von Pahalgam bestand darin, ihn als „False-Flag-Operation“ Indiens darzustellen. Es folgte eine Welle nationalistischer Kriegseuphorie.

Lautstarke Fernsehmoderatoren – ähnlich wie auf indischer Seite – heizten die Kriegsstimmung erheblich an. Regierungsmitglieder, Oppositionspolitiker und Militärs überboten sich in aggressiven Stellungnahmen. In den Tagen vor den ersten indischen Luftschlägen herrschte in Pakistan zunehmend die Einschätzung vor, Indien werde sich aus Angst zurückziehen.

Zwei Punkte verdienen besondere Beachtung, um die Haltung in Pakistan besser einordnen zu können. Erstens: Der pakistanische Staatsapparat hat dschihadistische Gruppen – zumindest im von Pakistan verwalteten Teil Kaschmirs – gefördert und geschützt. Zweitens: Eine überstürzte Reaktion Indiens hat objektiv dem innenpolitisch unter Druck stehenden, sogenannten hybriden Regime Pakistans genutzt – jenem Machtgefüge, das seit der Absetzung Imran Khans das Land regiert.

In diesem hybriden System gibt die Armee den Ton an. Die zivile Führung, bestehend aus Premierminister Sharif und Präsident Asif Ali Zardari, übernimmt gehorsam die Rolle willfähriger Statisten, um ihren Machterhalt zu sichern. Die renommierte Militärexpertin Ayesha Siddiqa berichtete im Februar dieses Jahres, „eine gut informierte Quelle in Islamabad“ gehe davon aus, dass die militärische Führung nach dem Winter „plane, den militanten Kampf – in geringerem, aber spürbarem Ausmaß – wiederaufzunehmen“, um Indien zu Verhandlungen über Belutschistan zu zwingen.

Pakistan sieht sich in Belutschistan – der flächenmäßig größten der vier Provinzen des Landes, an der Grenze zu Iran und Afghanistan – mit einer bewaffneten Separatistenbewegung konfrontiert. China hat dort im Küstenort Gwadar einen riesigen Hafen errichtet, der als zentrales Glied in der Neuen Seidenstraße (Belt and Road Initiative) gilt. Pakistan wirft Indien regelmäßig vor, die Belutschistan Liberation Army (BLA) mit Waffen und Training zu unterstützen – eine militante Gruppe, die für zahlreiche Anschläge auf Sicherheitskräfte und chinesische Arbeiter in der Region verantwortlich gemacht wird.

Grenzgefecht ohne Kriegserklärung

Trotz des lauten Säbelrasselns, der pathetischen Inszenierung eines „Krieges“ und der allgegenwärtigen Hysterie auf beiden Seiten der Grenze ist klar: Keine der beiden Armeen hat bislang tatsächlich feindliches Territorium betreten. Stattdessen wurden Raketen und Drohnen für grenzüberschreitende Angriffe und Beschuss eingesetzt. In beiden Ländern feierten Regierung und Medien jedes Mal mit großer Begeisterung, wenn es den eigenen Streitkräften gelang, eine „feindliche“ Drohne oder Rakete im eigenen Luftraum abzufangen.

Der indische Militärexperte Pravin Sawhney betont, dass sich Indien nicht einmal in einer Vor-Kriegsphase befand – also einem Zustand, der normalerweise mit massiver Mobilmachung von Bodentruppen entlang der Grenze einhergeht. Vielmehr handle es sich um eine militärische Krise, eine verschärfte Form der üblichen Vorfälle entlang der Kontrolllinie (LoC), insbesondere in Jammu und Kaschmir.

Indien und Pakistan haben in der Vergangenheit bereits drei Kriege um Kaschmir geführt – beide Staaten sind atomar bewaffnet. Ein weiterer offener Krieg wäre für keine der beiden Seiten tragbar. Pakistan steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, ist hoch verschuldet und muss zahlreiche Kredite bedienen. Mit einem schwachen Wirtschaftswachstum von etwas über zwei Prozent kann sich das Land einen neuen Krieg schlicht nicht leisten.

Zwar steht Indien wirtschaftlich deutlich besser da, doch Premierminister Modi hat hochgesteckte Ziele: Indien soll zu einer 5-Billionen-Dollar-Wirtschaft aufsteigen und zur globalen Macht werden – wirtschaftlich wie geopolitisch. Solche Ambitionen erfordern innenpolitische Stabilität, und ein Krieg mit einem nuklear bewaffneten Nachbarn ist kaum geeignet, Investoren zu gewinnen, ganz geschweige von den Auswirkungen auf den Tourismus. Schon jetzt gab es zahlreiche Flugausfälle in beiden Ländern, und der Tourismussektor leidet spürbar. Ein weitere Eskalation des Konflikts liegt nicht im strategischen oder wirtschaftlichen Interesse beider Länder.

Hinzu kommt: Indien weiß, dass China im Falle eines Angriffs auf Pakistan kaum untätig bleiben würde – nicht nur wegen der angespannten chinesisch-indischen Beziehungen, sondern vor allem wegen der massiven Investitionen Chinas in den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC). Rund 62 Milliarden US-Dollar hat China in dieses Großprojekt gesteckt, das Infrastruktur und Energieprojekte vom Westen Chinas bis zum pakistanischen Hafen Gwadar umfasst.

Der Golf von Bengalen und das Arabische Meer sind zentrale Knotenpunkte der Neuen Seidenstraße. Ein regionaler Krieg, ausgelöst durch das Agieren zweier als verantwortungslos wahrgenommener Regierungen, würde Chinas wirtschaftliche Interessen massiv gefährden. Sollte China in den Konflikt hineingezogen werden, hätte das für Indien katastrophale Folgen – denn moderne Kriegsführung basiert auf Hochtechnologie, und hier ist China klar im Vorteil.

Es liegt daher im ureigenen Interesse beider Länder, sich auf begrenzte, kontrollierte militärische Aktionen zu beschränken. Diese Strategie verschafft ihnen innenpolitisch Vorteile bei vergleichsweise geringem Risiko. Für die Zivilbevölkerung jedoch hat sie einen hohen Preis: Auf die anfängliche Kriegsbegeisterung folgte in Indien – vor allem im Norden und Westen – eine Phase der Angst und Panik angesichts möglicher Gegenschläge und ziviler Opfer.

Zwar hatten Indiens Kapitaleliten die Kriegsrhetorik zunächst begeistert unterstützt, doch sorgten die Flughafenschließungen und Flugumleitungen bald für wachsende Unruhe. Die indische Industrie reagierte mit öffentlichen Appellen zur Zurückhaltung. Am 9. Mai verzeichneten die indischen Börsen sowie die Rupie deutliche Verluste – erst mit dem Waffenstillstandsabkommen am 12. Mai konnten sie sich wieder erholen.

Der neue Normalzustand

Beide Seiten waren nach den ersten aggressiven Gesten bemüht, zu deeskalieren – und warteten lediglich auf einen günstigen Moment, um ihrem jeweiligen Publikum einen Schritt zurück verkaufen zu können. Eine gangbare Strategie bestand darin, sich auf internationalen Druck berufen zu können.

Während China enge Beziehungen zu Pakistan pflegt, ist sein Einfluss auf Indien begrenzt. Die Golfstaaten verfügen über eine gewisse Einflussnahme auf beide Länder, jedoch nicht in dem Maß wie die Vereinigten Staaten. Länder wie Russland oder Iran könnten theoretisch als Vermittler auftreten und dazu beitragen, eine Eskalation zu verhindern – doch ihr Hebel reicht kaum aus, um die Spannungen nachhaltig einzudämmen.

Tatsächlich ist derzeit nur eine Macht vorhanden, der Indien wie auch Pakistan sich verpflichtet fühlen: die Vereinigten Staaten. Schon in der Vergangenheit haben sie eine vermittelnde Rolle zwischen den beiden Staaten eingenommen. Nach Beginn der indischen Militäraktionen deutete vieles darauf hin, dass Washington indirekt Einfluss auf Indiens Vorgehen und Kommunikation nahm – unter anderem durch die Betonung, die Schläge seien „gezielt, maßvoll und nicht eskalierend“ gewesen, ganz im Sinne der Erwartungen von Donald Trump.

Trump behauptete, die Vereinigten Staaten hätten eine Reihe von Gesprächen vermittelt, die schließlich in eine Einigung gemündet seien; die indische Regierung bestätigte diese Aussage nicht – dementierte sie jedoch auch nicht. Um seine Anhängerschaft zu stärken und die Kriegsstimmung aufrechtzuerhalten, wandte sich Modi am 12. Mai in kämpferischem und triumphierendem Ton an die Nation.

Er erklärte, Indien habe einen „neuen Normalzustand“ im Umgang mit Terroranschlägen etabliert und präsentierte den Waffenstillstand als eine vorübergehende Aussetzung der Operationen seitens Indiens. Dabei werde das Verhalten Pakistans in den kommenden Tagen genau beobachtet. Auch das pakistanische Establishment zeigte sich in seiner Reaktion nicht weniger kriegslüstern.

Zwar schweigen die Waffen vorerst, doch die verbalen und diplomatischen Angriffe dauern an. Bislang wurde die Aussetzung des Indus-Wasservertrags nicht rückgängig gemacht – ganz zu schweigen vom Stopp der Visa-Vergabe, der Ausweisung von Diplomaten, der Schließung von Grenzen, der Einschränkung des Luftraums und der Aussetzung des Handels. Am stärksten betroffen bleiben letztlich die einfachen Menschen beider Länder – sowie die Kaschmiris auf beiden Seiten der Grenze –, die weiterhin als Geiseln dieser Krise leben müssen.

Sushovan Dhar ist politischer Aktivist und Gewerkschafter in Kolkata, Indien.
Farooq Sulehria lehrt an der Beaconhouse National University in Lahore. Er ist Autor des Buches Media Imperialism in India and Pakistan.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Er erschien ursprünglich am 3. Mai 2025 unter dem Titel „For the Rulers of India and Pakistan, War Fever Is a Boon“ auf der Website der Zeitschrift New Left Review.

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