Massenproteste gegen Konzerninteressen
von Gerhard Klas
Uruguay steht zunehmend unter Druck: eine historische Dürre, steigende Temperaturen und sinkende Grundwasserspiegel haben das kleinste spanischsprachige Land Südamerikas in eine dramatische Wasserkrise gestürzt. Während die klimatischen Herausforderungen nicht kurzfristig geändert werden können, rücken politische Entscheidungen und wirtschaftliche Interessen immer stärker in den Fokus der Kritik – insbesondere im Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Daseinsvorsorge und privatwirtschaftlichen Lösungen.
Bereits im Jahr 2023 hatten unabhängige UN-Experten der uruguayischen Regierung schwere Versäumnisse beim Schutz des Rechts auf Wasser vorgeworfen. »Es ist nicht akzeptabel, dass wirtschaftliche Interessen den Vorrang vor einem elementaren Menschenrecht erhalten«, erklärte damals Pedro Arrojo-Agudo, UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf sauberes Wasser, in einem offiziellen Statement. Der Zugang zu Trinkwasser müsse »universell, sicher und bezahlbar bleiben«.
Zusammen mit der nigerianischen Juristin Damilola Olawuyi, Vorsitzende der UN-Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Menschenrechte, appellierte Arrojo-Agudo an die uruguayische Regierung, der Trinkwassernutzung absolute Priorität gegenüber industriellen und kommerziellen Interessen einzuräumen.
Besonders besorgniserregend sei die Entscheidung des staatlichen Versorgers OSE, Wasser aus dem salzhaltigen Río de la Plata in die öffentlichen Netze einzuspeisen – eine Maßnahme, wodurch laut unabhängigen Analysen die WHO-Grenzwerte für Natrium, Chlorid und Brom überschritten wurden.
Die gesundheitlichen Folgen blieben nicht aus: Schwangere, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen mussten auf teures Flaschenwasser ausweichen. Laut einem Bericht des uruguayischen Gesundheitsministeriums aus dem Frühjahr 2024 waren über 70 Prozent der Haushalte in Montevideo und Canelones zeitweise mit Wasser konfrontiert, dessen Qualität als »nicht uneingeschränkt trinkbar« eingestuft wurde.
Verschärfte soziale Ungleichheit
In dem Land, das sich 2004 per Verfassungsreferendum das Menschenrecht auf Wasser ins Grundgesetz schrieb, ist die Realität für viele Bürger:innen ernüchternd.
2023 legte die Regierung ein Subventionsprogramm für bedürftige Haushalte zum Erwerb von Trinkwasser aus Supermärkten auf. Die Vereinten Nationen kritisierten diesen Ansatz als symptomatisch für eine schleichende Kommerzialisierung.
»Einmal eingeführt, normalisieren sich solche Notmaßnahmen schnell«, so Damilola Olawuyi. »Was heute als Ausnahme erscheint, kann morgen als Regel gelten – besonders wenn private Anbieter profitieren«, warnte die nigerianische Juristin in einem Interview mit der Tageszeitung La Diaria.
Zu den Profiteuren gehört die Marke Salus, eine Tochter des französischen Danone-Konzerns. Sie hält etwa 70 Prozent Marktanteil am uruguayischen Flaschenwassermarkt, weitere Anteile gehören Coca-Cola und Pepsico.
Sie wies auch auf die Unverhältnismäßigkeit hin, mit der die Bevölkerung zu Wasserverzicht und sparsamer Nutzung aufgerufen wurde, während wasserintensive Industrien – allen voran die Zelluloseindustrie – weitgehend unbehelligt blieben.
Uruguay zählt zu den größten Zelluloseexporteuren weltweit – ein Industriezweig, der täglich Millionen Liter Wasser verbraucht. Erst 2023 hat der finnische Konzern dort seine Fabrik Paso de los Toros in Betrieb genommen. Sie allein verbraucht täglich rund 125 Millionen Liter Wasser aus dem Fluss Río Negro – das entspricht dem Tagesbedarf von etwa 1,7 Millionen Menschen, also der Hälfte der Einwohner Uruguays.
Massenproteste gegen das Projekt Neptuno
Aktuelle Konflikte ranken sich um das neue Proyecto Neptuno – eine seit 2021 geplante Wasseraufbereitungsanlage im Badeort Arazati, rund 90 Kilometer westlich von Montevideo.
Das Großprojekt, von der konservativen Vorgängerregierung unter Präsident Luis Lacalle Pou initiiert, sollte über ein öffentlich-privates Konsortium umgesetzt werden. Die Kosten belaufen sich auf über 880 Millionen US-Dollar. Geplant war eine Kapazität von 200.000 Kubikmetern Trinkwasser täglich.
Doch das Projekt, das offiziell der Sicherstellung der Versorgung dienen sollte, wurde zum Auslöser für die größte umweltpolitische Protestbewegung seit Jahrzehnten. Über 300 Organisationen – darunter der Umweltdachverband REDES/Amigos de la Tierra, der Soziale Wasserpakt und Gewerkschaften – warfen der Regierung vor, verfassungswidrig zu handeln.
»Wasser ist ein Menschenrecht, das nicht an den Meistbietenden vergeben werden darf«, sagte Estefanía González von der Organisation »Agua para la Vida« auf einer Kundgebung im April 2025. Tatsächlich schreibt die Verfassung in Uruguay vor, dass nur staatliche juristische Personen mit der Wasserversorgung betraut werden dürfen. »Das Projekt Neptuno verletzt diese Vorgabe und unterläuft die Ergebnisse der Volksabstimmung von 2004«, sagt der Jurist Juan Ceretta, der mehrere Verfassungsbeschwerden mitverfasst hat.
Nicht nur verfassungsrechtliche Bedenken befeuerten die Proteste: Umweltgutachten weisen auf erhebliche Eingriffe in ein empfindliches Feuchtgebiet hin, das als wichtiges Rückzugsgebiet für Zugvögel gilt. Laut einer Studie des Umweltinstituts CURE könnte die Wasserentnahme aus dem Río de la Plata seine Versalzung verstärken und langfristig die landwirtschaftlich genutzten Böden in der Region schädigen.
Hinzu kommen intransparente Vergabeverfahren: Zwar wurde der Zuschlag an das Konsortium »Aguas de Montevideo« offiziell durch eine öffentliche Ausschreibung erteilt, doch wurden mehrere lokale Anbieter wegen angeblich »unzureichender Kapazitäten« ausgeschlossen – ein Vorwurf, der mittlerweile vor Gericht verhandelt wird.
Bei den Wahlen Ende 2024 spielte die Wasserkrise eine entscheidende Rolle und führte mit zu einem Regierungswechsel. Uruguay wird seit März wieder vom linken Parteienbündnis Frente Amplio regiert.
Im Mai 2025 reagierte die neue Regierung unter Präsident Yamandú Orsi mit einem 90tägigen Moratorium für das Projekt Neptuno. »Wir wollen sicherstellen, dass jeder Schritt im Einklang mit unserer Verfassung, der Umwelt und der sozialen Gerechtigkeit steht«, so Orsi. »Der Dialog mit der Bevölkerung ist keine Option – er ist Pflicht.«
Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung
Ob es bei der Aussetzung bleibt oder ein grundsätzlicher Kurswechsel folgt, ist derzeit offen. Die Bewegung für ein nachhaltiges Uruguay forderte in einem offenen Brief an den Präsidenten, das Projekt vollständig aufzugeben und in öffentliche Infrastruktur zu investieren.
Auch internationale Stimmen mischten sich ein: Das Büro des Hochkommissars für Menschenrechte der UN mahnte in einer Mitteilung vom Juni 2025 die Wahrung des Menschenrechts auf Wasser »ohne Einschränkungen durch ökonomische Interessen« an.
Derweil wächst in der Bevölkerung das Bewusstsein für die politische Dimension der Ressource Wasser. Immer mehr Menschen sehen den Zugang nicht nur als ökologisches oder technisches Problem, sondern als Prüfstein für soziale Gerechtigkeit. »Die Wasserfrage zeigt, wie verletzlich auch gefestigte Demokratien werden können, wenn Grundrechte wirtschaftlichen Zwängen untergeordnet werden«, so die Politologin Mariana Mernies von der Universidad de la República.
Uruguay steht am Scheideweg. Die Entscheidung über das Projekt Neptuno wird weit über die Wasserfrage hinausweisen. Sie betrifft die Kontrolle über die öffentliche Daseinsvorsorge und könnte zu einem Beispiel der Einschränkung wirtschaftlicher Profitinteressen zugunsten sozialer und ökologischer Bedürfnisse werden.
Der Zugang zu Wasser – universell, öffentlich und menschenwürdig – ist längst zur Gretchenfrage der Politik geworden. Nicht nur in Uruguay.
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