Teuer, gesundheitsgefährdend, überschuldet
von Terry Conway
Jede Woche berichten britische Medien über die hiesige Wasserkrise: im Juni wies die Umweltbehörde darauf hin, dass England bis zum Jahr 2055 eine Wasserknappheit von fünf Milliarden Litern im Jahr droht. Als Ursachen werden der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und die Bevölkerungskonzentration sowie die industrielle Entwicklung genannt, insbesondere die sehr durstigen Callcenter. Die Presse appelliert meist an individuelle Nutzer, ihren Verbrauch zu senken.
Aber der Bericht der Umweltbehörde erwähnt auch, dass die Wasserversorger ihre Leckagen in den nächsten fünf Jahren um mindestens 17 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent reduzieren müssen.
Straffällig
Die Nutzer:innen von Flüssen und Stränden beschweren sich immer lauter. In vielen Teilen Englands gibt es Proteste dagegen, dass Versorger Abwässer über Regenüberläufe in immer kürzeren Abständen in natürliche Gewässer einleiten – ein echtes Risiko für die öffentliche Gesundheit. Nun hat der Protest erste Auswirkungen. Die Regulierungsbehörde Ofwat hat eine umfassende Untersuchung der Unternehmen und ihrer Geschäftspraktiken begonnen.
Der größte Wasserversorger, Thames Water, zuständig für London und Umgebung, wurde wegen zahlreicher undichter Stellen im Abwasserbereich zu einer Geldstrafe von 104 Millionen Pfund verurteilt. Yorkshire Water bekam eine Geldstrafe von 47 Millionen, Northumbrian Water muss 17 Millionen Pfund bezahlen
Thames Water wurde mit einer weiteren Geldstrafe von 18,2 Millionen Pfund belegt, weil das Unternehmen gegen Vorschriften zur Dividendenzahlung verstoßen hatte. Diese Summen, erklärte Ofwat, würden »vom Unternehmen und seinen Investoren und nicht von den Kunden« bezahlt werden.
Entsprechend der neuen Vorschriften wurde den Unternehmen außerdem untersagt, Boni für das Geschäftsjahr 2024/25 an Führungskräfte zu zahlen. Denn wenn sie gegen Umweltvorschriften, Qualitätsstandards und finanzielle Vorgaben verstoßen, ist das nicht mehr erlaubt.
Diese Entscheidungen sind für die Verbraucher allerdings nur ein schwacher Trost. Viele mussten seit den 1990er Jahren eine Erhöhung ihrer Rechnungen um 700 Prozent hinnehmen. Die Rechnungen für Haushalte ohne Wasserzähler basieren auf dem zu versteuernden Wert der Häuser. Der massive Anstieg veranlasst viele dazu, Wasserzähler installieren zu lassen.
Für kleine Haushalte ohne großen Wasserverbrauch mag das eine gute Idee sein. Für diejenigen, die aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung viel Wasser benötigen, sind solche Zähler finanziell gefährlich. Die Kosten für Strom und Gas sind gestiegen, Millionen Briten müssen sich zwischen Heizen und Essen entscheiden. Nun tragen die Kosten für Wassertrinken und Waschen zur Krise der Lebenshaltungskosten bei.
Von privat zu öffentlich und wieder zurück
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts wurde die Wasserversorgung lokalen Behörden unterstellt. Die öffentliche Gesundheit war dafür ein wichtiger Beweggrund. Dies änderte sich 1974 unter der konservativen Regierung von Edward Heath, die zehn regionale Wasserbehörden einrichtete. Sie litten unter einer chronischen Unterfinanzierung und mangelnden Investitionen in die Infrastruktur.
In Verbindung mit der Wasserverschmutzung durch die Industrie führte dies dazu, dass die Qualität von Fluss- und Leitungswasser immer schlechter wurde. Bis 1980 schrumpften die Investitionen der Versorger auf ein Drittel der Summe von 1970.
1989 privatisierte die konservative Regierung unter Margaret Thatcher die Wasserversorgung in England und Wales im Rahmen eines Programms, im Zuge dessen wichtige Unternehmen wie British Airways, British Telecoms und British Gas zur Privatwirtschaft wanderten. Eine Kampagne gegen die Wasserprivatisierung verzögerte allerdings die Umsetzung in diesem Bereich um mehrere Jahre.
In Schottland und Nordirland blieben die Versorger in öffentlicher Hand. Seit 2001 wird D?r Cymru/Welsh Water, das Unternehmen, das den größten Teil von Wales und Teile Westenglands mit Trinkwasser versorgt und Abwasserentsorgung betreibt, als gemeinnütziges Unternehmen ohne Aktionäre geführt, das »ausschließlich zum Nutzen der Kunden betrieben wird«.
Als die Wasserunternehmen Ende der 1980er Jahre privatisiert wurden, waren sie schuldenfrei. Bis 2024 haben sie insgesamt 60 Milliarden Pfund Schulden angehäuft. Dennoch haben die Wasserunternehmen zwischen 1990 und 2024 Dividenden in Höhe von 52 Milliarden Pfund ausgeschüttet (nach heutigem Wert 78 Milliarden Pfund).
Die australische Bank Macquarie kaufte Thames Water im Jahr 2006. Sie nahm Kredite in Höhe von zwei Milliarden Pfund auf, aber das Geld floss an die Bank und ihre Investoren. 2017 verkauften sie das Unternehmen wieder.
Verstaatlichung ist populär
Die Preise steigen, die Versorgung wird schlechter. Viele Briten fordern deshalb eine Wiederverstaatlichung. Jeremy Corbyn, Labour-Vorsitzender von 2015 bis 2020, gewann die Zustimmung insbesondere bei jungen Menschen, weil er entschlossen für öffentliches Eigentum eintrat.
Aber unter dem derzeitigen Vorsitzenden Keir Starmer schlägt Labour einen völlig anderen Weg ein und setzt die Politik der Sozialkürzungen der konservativen Vorgängerregierung fort.
Vor kurzem hat die Regierung ein Stahlwerk im nordenglischen Scunthorpe teilweise verstaatlicht, nachdem es nicht gelungen war, die chinesischen Eigentümer davon zu überzeugen, die Produktion fortzusetzen. Starmer und sein Kabinett betonten jedoch, dies sei nicht ihre bevorzugte Option.
So überrascht es nicht, dass Labour die private Wasserwirtschaft schont. Steve Reed, Minister für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten, erklärte, man ziehe eine Verstaatlichung nicht in Betracht. »Dies würde über 100 Milliarden Pfund an öffentlichen Geldern kosten, die anderen Dienstleistungen wie dem National Health Service entzogen und den Eigentümern der Wasserunternehmen zugeführt werden müssten.«
Allerdings fordern viele Briten eine »Verstaatlichung ohne Entschädigung«. Die Kampagne Common Wealth weist zudem darauf hin, dass die Regierung lediglich die Argumente – und die Zahlen – der Branche wiederholt. Die Regierung kann einem Wasserversorgungsunternehmen wegen schlechter Leistung oder Insolvenz die Lizenz entziehen.
Im Rahmen einer »Sonderverwaltung« erhalten Banken und Anleihebesitzer nicht den Marktwert, sondern nur einen »angemessenen Wert«. Ob Aktivist:innen aber die Privatisierung wirklich rückgängig machen können, bevor Wassermangel und Gesundheitsgefahren noch schlimmer werden, muss sich noch zeigen.
Terry Conway lebt in London und ist aktiv bei Socialist Resistance.
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