An den Rand notiert
von Rolf Euler
Mein Autoradio hat noch Tasten, die sich beim Berühren unterscheiden lassen ohne groß hinzuschauen – ganz zu schweigen von dem früheren 70er-Jahre-Blaupunkt mit Drucktasten… Aber das Auto ist auch 14 Jahre alt. Heute werden große Bildschirme in die Mitte des Armaturenbretts gebaut, auf denen viele Funktionen aufgerufen werden können: Rückfahrkamera, Klimaanlage, Radio, Telefon, Navi, Kontrollfunktionen – alles per Touch.
Für alles muss man hinschauen – den Blick von der Windschutzscheibe weg – um die Stelle mit dem Finger zu finden, wo man berühren muss, um den Sender, das Ziel, die Temperatur einzustellen – denn sie ist ja nicht erhaben oder vertieft wie bei einer Tastatur.
Smartphones und Navis, Notebooks und Tablets: alle betreiben Touch-Bildschirme. Durch Berührungen mit der Fingerspitzenoberfläche werden Funktionen ausgelöst, Apps geöffnet, durch Streichen wird der Kontakt aufgerufen, die Spiele betrieben, die Apps entfernt, das Internet betrieben. Der geübte Mensch kennt die Berührungen und Gesten perfekt und hat sie im Zug, im Bus, unterwegs zu Fuß immer »im Griff«…
Im Griff? Das ist für mich der problematische Punkt: Samsung und Apple vermitteln dir den Eindruck, du habest mit deinen Fingerspitzen die ganze Welt in der Hand. Touch ersetzt Griff! Die smarten Geräte mit der Touch-Funktion ersetzen die tatsächliche Berührung der realen Dinge, der Unterschiede in den Oberflächen, Materialien, die erforderlichen Kräfte, um etwas zu bewegen und festzuhalten. Schreiben ist nicht nur Mechanik, denn die Hände beeinflussen, wie wir denken. Der Geist wird gefordert, mit Händen (und Füßen: gehen!) zu denken. Die reale Welt wird immer »fremder« und ferner durch die Oberfläche des Bildschirms gesehen. Macht Bildschirmoberfläche »oberflächlich«? Je mehr Nachrichten aufploppen, um so unfähiger wird man reale und emotionale Beziehung zur Welt zu entwickeln.
Der Philosoph Hartmut Rosa berichtet (in der Zeit vom 15.1.), dass früher die IQ-Tests immer schwerer gemacht werden mussten, weil der Durchschnitt der Bevölkerung immer besser wurde und daher das Maß »100« heraufgesetzt werden musste. »Ziemlich genau seit der Einführung des Internets müssen die Aufgaben aber alle fünf Jahre leichter gemacht werden«, schreibt er: »Ja, wir werden dümmer.«
Aber es geht nicht nur um die Entfremdung von Dingen. Vor allem die gegenseitigen Berührungen unter Freunden, Geliebten, Familien, beim Spielen, beim Begrüßen, Umarmungen und Händedruck gehen verloren angesichts der an einem Tisch in die Smartphones blickenden Menschen, angesichts des scheinbaren Zwangs zur ständigen Bereitschaft, antworten zu müssen auf die meist unwichtigen Tweets. Follower wichtiger als Freunde? Touchscreen wichtiger als Umarmung?
Schreiben wir mit der Hand!* Graben wir in der Erde, sägen wir Holz, basteln wir mit Papier und spielen wir mit Ball und Partnern, berühren wir die Welt und ändern sie und uns bei der Berührung.
*Ok, diese Kolumne schreibe ich mit Tastatur – sonst wird sie nicht gedruckt…
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