Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Zur Person 1. März 2026

Kämpfer zwischen den Welten
von Leo Gabriel

Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Energie und Strahlkraft für die sozialen und politischen Bewegungen unverzichtbar sind; Menschen, denen ihre Überzeugung wichtiger sind als kurzfristige Erfolgserlebnisse und die dadurch wertvolle Bindeglieder zwischen den Organisationen innerhalb des weitverzweigten Spektrums der Linken sind; egal ob in Österreich, auf europäischer oder auf internationaler Ebene.

Ein solcher Mensch war Hermann Dworczak, der 1948 als Einzelkind einer Familie in bescheidenen Verhältnissen im Wiener Randbezirk Hernals geboren und aufgewachsen ist. Bereits in seiner Studienzeit an der Universität Wien entdeckte er die sozialpolitischen Hintergründe der marxistischen Ökonomie, über die er seine Doktorarbeit schrieb und im Anschluss an das 1968er Jahr promovierte.
Aber Hermann wäre nicht er selbst geblieben, wenn er nicht bei den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, aber auch gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei lautstark Position ergriffen hätte. Es war einfach wichtig für ihn, sein enormes Wissen ü?ber die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung mit einer politischen Praxis zu verbinden, mit der er unermüdlich versuchte, die Theorie in die Tat umzusetzen.
So gründete Dworczak, zusammen mit anderen 1972 die Gruppe Revolutionäre Marxisten (GRM) als österreichische Sektion der IV. Internationale, die bis heute unter dem Namen Sozialistische Alternative (SOAL) besteht. Er war eine der treibenden Kräfte der GRM und ihr Gesicht nach außen. Gleichzeitig war er einer der wenigen, die bereits sehr früh die Gefahr des in ganz Europa heraufziehenden Rechtsextremismus thematisierte, weshalb er auch mit dem Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstands (DÖV) eng zusammenarbeitete. Und das alles neben seiner Tätigkeit als Angestellter der Wiener Städtischen Versicherung, wo er sich auch als Gewerkschafter engagierte. Es war ihm wichtig, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, um zu benennen, was Sache ist, und den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang herzustellen.
Ein derartiges »Multitasking« blieb auf Dauer nicht ohne Folge für seinen Gesundheitszustand. Ausgerechnet zur Zeit der sogenannten Wende 1989/90, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete, erwischte ihn eine schwere Depression, aus der er sich dank seiner Freunde nur langsam erholte. Doch anstelle von nun an leiser zu treten, erweiterte er Anfang der 2000er Jahre seinen Aktionsradius auf die gesamteuropäische und internationale Ebene. Sein Wiedereinstieg ins Österreichische Sozialforum war das in Hallein.
Es war in dieser Zeit, wo sich auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Hermann und mir entwickelte: zunächst im Rahmen des Europäischen Sozialforums in Florenz, Athen, Malmö und Istanbul, wo es ihm gelang, eine relativ große Zahl von Österreicher:innen zu mobilisieren. Aber auch innerhalb des Weltsozialforums gelang es ihm immer wieder, namhafte Gewerschafter:innen vom Österreichischen Gewerkschaftsbund zur Teilnahme zu bewegen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass das bis dahin vernachlässigte Ost­europa ab 2010 in den Bannkreis der internationalen Sozialforumsbewegung rückte.
Aber auch in dem konservativen Österreich selbst ist es zu einem guten Teil Hermann zu verdanken, dass es gelang insgesamt fünf Österreichische Sozialforen abzuhalten: in Hallein, Linz, Graz, St.Peter in der Au und Wien. Ganz zu schweigen von dem Versuch, im Rahmen einer Kandidatur für die Europawahlen unter dem Namen LINKE ein Mandat im Europaparlament zu erreichen, ein Versuch, der aus verschiedenen Grü?nden, die zu erörtern hier zu weit führen würde, erfolglos war. Bei allen diesen Initiativen war Hermann Dworczak ein, wenn nicht das wichtige Zugpferd, was vor allem im Ausland eine große Anerkennung fand.
Dabei war es ihm ein besonderes Anliegen, namhafte Sozialwissenschaftler nicht nur in den osteuropäischen Nachbarländern, sondern auch in der Volksrepublik China über die Sozialforumsbewegung zu informieren und zur Teilnahme an der »Globalisierung von unten« zu bewegen.
Alle diese politstrategischen Aktivitäten und völlig uneigennützigen Ambitionen, die Hermanns Lebensweg kennzeichnen, fanden ein plötzliches Ende, als er 2018 bei einem Spaziergang durch den Wiener Volksgarten zusammenbrach. Als Diagnose wurde ein Gehirnschlag festgestellt, der zu einer tiefsitzenden Depression fü?hrte. Nach einem Sturz in seiner Wohnung, die er über sechs Jahre nicht verlassen hatte, musste er notoperiert werden und verstarb am 20.Januar im Wiener Donauspital.
Er hinterlässt eine 43jährige Tochter, die in Australien lebt, dort als Behindertenbetreuerin tätig ist und sich der Hunde- und Schafzucht widmet.

Lieber Hermann, du hast groß­arti­ges geleistet! Danke dafür!

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