Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Es ist höchste Zeit, an die Schrecken eines Atomkriegs zu erinnern
von Wolfgang Pomrehn

Manchmal ist es kaum fassbar, mit welcher Leichtsinnigkeit heutzutage Politiker und Politikerinnen über den Einsatz von Atomwaffen fabulieren. Selbst bei den Grünen, einer Partei, die u.a. aus der westdeutschen Friedensbewegung der 80er Jahre hervorgegangen ist, gibt es Stimmen wie die des Ex-Außenministers Joschka Fischer, die eine atomare Aufrüstung der EU fordern.

Das öffentliche Bewusstsein über die Gefahren dieser besonders mörderischen Waffen ist offensichtlich völlig erodiert. Dabei ist die Welt heute dem nuklearen Inferno so nah, wie seit mindestens 40 Jahren nicht mehr. Die berühmte Weltuntergangsuhr – geschaffen 1947 von Albert Einstein und Kollegen – steht seit dem 27.Januar auf 85 Sekunden vor Zwölf.
Zu verdanken haben wir das sicherlich auch Bundeskanzler Friedrich Merz, der im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz einen »europäischen Atomschirm« – sprich: den deutschen Griff nach der Bombe – forderte. Wie sich inzwischen zeigte, war das kein launischer Nebensatz.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der sich das Großbürgertum austauscht und seine Meinung bildet, wird offen über ein vermeintliche »Abschreckungslücke« und verschiedene Optionen der nuklearen Aufrüstung Westeuropas diskutiert.

Ein neues Wettrüsten
Das Bulletin of Atomic Scientists schreibt in seiner Stellungnahme, in der es das Vorstellen der Uhr begründet: »Der Wettbewerb zwischen den Großmächten hat sich zu einem regelrechten Wettrüsten entwickelt, wie die steigende Zahl von Atomsprengköpfen und Trägersystemen in China sowie die Modernisierung der nuklearen Trägersysteme in den Vereinigten Staaten, Russland und China zeigen.«
Und weiter: »Die Vereinigten Staaten planen die Stationierung eines neuen, mehrschichtigen Raketenabwehrsystems namens Golden Dome, das auch weltraumgestützte Abfangraketen umfasst, wodurch die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts im Weltraum steigt und wahrscheinlich ein neues Wettrüsten im Weltraum ausgelöst wird.«
»Während sich diese besorgniserregenden Trends fortsetzten«, fährt das Bulletin fort, »versäumen es die Atomwaffenstaaten, über strategische Stabilität oder Rüstungskontrolle zu sprechen, geschweige denn über nukleare Abrüstung … Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Erklärung läuft das letzte große Abkommen zur Begrenzung der Anzahl der von den Vereinigten Staaten und Russland eingesetzten strategischen Atomwaffen, New START, aus und beendet damit fast 60 Jahre Bemühungen, den nuklearen Wettstreit zwischen den beiden größten Atommächten der Welt einzudämmen. Darüber hinaus erwägt die US-Regierung möglicherweise die Wiederaufnahme von Atomwaffentests, was ein erneutes Wettrüsten weiter beschleunigen würde.«

Hiroshima wäre nichts dagegen
Da hilft es auch wenig, dass es seit dem 7.Juli 2017 einen UN-Atomwaffenvertrag gibt, der ein Verbot von Einsatz und Besitz der gefährlichen Massenvernichtungswaffen vorsieht. 122 Staaten haben ihn unterschrieben, doch Deutschland gehört nicht dazu. Ebenso wenig die anderen NATO-Staaten oder andere Atommächte. Atomwaffen besitzen offiziell Frankreich, Großbritannien, die USA, Russland, China, Nordkorea, Indien und Pakistan.
Des weiteren gehört Israel zu den Atommächten, was ein offenes Geheimnis ist, auch wenn es bisher keine offizielle Bestätigung dafür gibt. Von Deutschland hat es dafür zwischen 1992 und 2001 sechs in Kiel gebaute U-Boote bekommen, deren Raketensilos für Atomraketen ausgelegt wurden.
Dabei sollte der Horror eines Atomkriegs seit den Atombombenabwürfen über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki im August 1945 eigentlich bekannt sein. Weit über hunderttausend Menschen wurden seinerzeit sofort getötet.
Überlebende erlitten unvorstellbare Qualen durch Hautverbrennungen und starben noch viele Jahre später an diversen Krebsarten, hervorgerufen durch Strahlung, das Einatmen radioaktiven Staubs oder durch radioaktiv verseuchte Nahrung.
Schlimmer noch: Im Vergleich zu heutigen Atombomben waren die abgeworfenen Bomben winzig. Heutige Atombomben haben bis zum Tausendfachen der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe.
Daneben gibt es Raketensprengköpfe und taktische Atomwaffen, die in der Sprengkraft meist mit den in Japan abgeworfenen Bomben vergleichbar sind; einige Typen, die mit Interkontinentalraketen abgeschossen werden können, haben aber auch rund das Hundertfache der Hiroshima-Sprengkraft.
Die Sprengkraft aller im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben – inklusive der beiden Atombomben – wird auf 3 Millionen Tonnen TNT geschätzt. Die größten derzeit zum Einsatz bereit stehenden Atombomben haben – jede für sich – das Fünffache dieser Stärke.
Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) zählt in seinem jüngsten Jahrbuch einen weltweiten Bestand von 12.241 Sprengköpfen und Bomben, wovon 9641 einsatzbereit sind und rund 2100 jederzeit abgeschossen oder abgeworfen werden können.
Der Großteil sowohl der Gesamtzahl als auch der in erhöhter Alarmbereitschaft befindlichen Waffen wird zu etwa gleichen Teilen in den USA und Russland vorgehalten.

Nuklearer Winter
Was würde passieren, wenn es zu einem Atomkrieg kommt?
Atombomben zerstören und töten nicht nur durch eine enorme Druckwelle und sorgen für die radioaktive Verseuchung der Umgebung und letztlich der ganzen Erde. Sie erzeugen auch einen gewaltigen Feuersturm durch die enorme Hitze, die bei einer nuklearen Explosion freigesetzt wird. Holz, Bäume, Gas aus den Netzen, Plastik, Kraftstoff in Fahrzeugen und Tankstellen, Chemiefabriken, Erdölraffinerien – alles geriete in Brand.
Rauch, Staub und Ruß stiegen 8–10 Kilometer, das heißt, höher als die meisten Wolken, auf. Dort – so zeigen Simulationen mit Klimamodellen – würden vor allem der Ruß und alle schwarzen Bestandteile des Staubs so stark durch die Sonne erhitzt, dass sie weiter, bis in die Stratosphäre steigen.
Das wäre besonders fatal, denn dort würden sie sich um die ganze Erde verteilen und jahrelang in der Luft bleiben. In so hohen Atmosphärenschichten gibt es nämlich keinen Regen, der sie auswaschen könnte. Über mehrere Jahre würden Ruß und Staub dort einen spürbaren Teil des Sonnenlichts abschirmen, was gravierende Folgen für die Landwirtschaft und damit die Welternährung hätte.
Schon ein begrenzter Krieg, in dem Pakistan und Indien jeweils 50 Bomben von der Hiroshima-Größe austauschten, würde etwa fünf Millionen Tonnen Ruß und Staub aufwirbeln und die globale Temperatur so weit absenken, dass sich die Wachstumsperioden in den mittleren Breiten beider Hemisphären um einige Wochen verkürzen. Ernten würden ausfallen oder deutlich schlechtere Erträge ergeben. Noch nach zehn Jahren wäre die globale Temperatur ein halbes Grad Celsius niedriger als normalerweise.
Ganz katastrophal wäre allerdings ein atomarer Schlagabtausch zwischen den USA und Russland, bei dem das 30fache an Staub und Ruß freigesetzt würde. Die globale Temperatur würde schlagartig um rund acht Grad Celsius absinken.
Überall außerhalb der Tropen würde im Innern der Kontinente ganzjährig Winter herrschen. Aufgrund der niedrigen Temperaturen würde es außerdem erheblich weniger Regen geben, ein zusätzliches Problem für die Landwirtschaft.
Auch nach zehn Jahren wäre die globale Temperatur noch um vier Grad niedriger als derzeit. Die Erde würde im nuklearen Winter versinken. Mit ziemlicher Sicherheit würden in Ländern wie China und Indien aufgrund des sich ausbreitenden Hungers mehr Menschen sterben als an den unmittelbaren Folgen der Atomschläge.

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