Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 4 1. April 2026

Wie Deutschland wieder lernt, die Bombe zu lieben
von Claudia Haydt

Anfang Januar 2026 sorgte ein LinkedIn-Post für Aufsehen: Frank Pieper, Direktor für Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr, erklärte öffentlich, Deutschland brauche eigene Atomwaffen – »in erster Linie mobile taktische«. Geteilt wurde dieser Post und der damit verbundene Vorstoß unter anderem vom CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter.

Was noch vor wenigen Jahren als politisches Tabu galt, rückt damit wieder in den Bereich des Sagbaren. Es ist ein Symptom für eine gefährliche Verschiebung: die Rückkehr der nuklearen Denkweise in die Mitte sicherheitspolitischer Debatten und die Hoffnung mancher Militaristen auf einen deutschen Zugriff auf die Atombombe. In diesem Kontext könnte auch eine alte Protokollnotiz aus dem Jahr 1974 noch heute eine Rolle spielen und sogar den deutschen Zugriff auf eine »europäische Bombe« möglich machen.
Das erratische Verhalten von US-Präsident Trump gab der Idee einer europäischen Atombombe starken Rückenwind. Der Sicherheitsexperte Karl-Heinz Kamp fordert gar, die Auseinandersetzung mit Atomwaffen stärker in Bildung und Forschung zu verankern – als Teil einer »mentalen Zeitenwende«. Was hier als nüchterne Strategie verkauft wird, ist in Wahrheit ein gefährlicher Normalisierungsprozess. Atomwaffen – die zerstörerischsten Waffen, die je geschaffen wurden – sollen wieder als legitimes Mittel der Politik erscheinen.

Nukleares Schwellenland
Dabei wird häufig übersehen, dass Deutschland bereits heute näher an der Bombe ist als offiziell zugegeben. Als hochindustrialisiertes Land mit Zugang zu atomwaffenfähigem Material, Forschungsreaktoren und Urananreicherungstechnologie gilt die Bundesrepublik de facto als »Schwellenstaat«. Die internationale Anti-Atom-Bewegung bringt es auf den Punkt: »Nuclear power powers the bomb«. Zivile und militärische Nutzung lassen sich technisch nicht sauber trennen und die zivile Nutzung ebnet den Weg zur militärischen Nutzung.
Ein besonders heikler Punkt ist die Urananreicherung. Anlagen wie die im westfälischen Gronau gehören zu den wenigen weltweit, die diese Technologie beherrschen. Ergänzt werden deren Fähigkeiten durch die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen (Ems). Gleichzeitig gibt es Forschungsreaktoren wie den FRM II in München, der im Laufe des Jahres 2026 wieder in Betrieb genommen werden soll und der mit hoch angereichertem, also waffenfähigem, Uran betrieben wird.
Die Infrastruktur für eine mögliche militärische Nutzung ist damit zumindest teilweise vorhanden. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) liefert wissenschaftliches Knowhow im Bereich der Kerntechnik und nuklearen Sicherheitsforschung. Auch wenn es keine Hinweise gibt, dass das KIT direkt an der Entwicklung von Atomwaffen beteiligt ist, so ist es doch auffällig, dass sich das KIT gegen eine mögliche Zivilklausel für seine Forschung ausspricht.

Nukleare Teilhabe
Deutsche Pilotinnen und Piloten trainieren schon heute im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe den Einsatz von US-Atomwaffen, die in Deutschland lagern. Formal bleibt die Kontrolle bei den USA, faktisch aber ist Deutschland tief in die nukleare Strategie eingebunden. Kritiker sehen darin zurecht einen Verstoß gegen den Nichtverbreitungspakt.
Da die Entwicklung der transatlantischen Kooperation kaum kalkulierbar ist, werden von der deutschen Militärpolitik längst neue Optionen ausgelotet. Besonders im Fokus: Frankreich. Mit rund 290 Sprengköpfen ist das Land die einzige Atommacht der EU. Präsident Emmanuel Macron hat Anfang März 2026 eine engere nukleare Zusammenarbeit mit Deutschland ins Spiel gebracht und Berlin als »Schlüsselpartner« bezeichnet. Die Idee ist nicht neu: Schon 2007 hatte Frankreich unter Nicolas Sarkozy eine ähnliche Kooperation angeboten – im Gegenzug zu deutscher finanzieller Beteiligung.
Damals wurde das Angebot noch zurückhaltend aufgenommen. Heute hat sich das politische Klima verändert. Konzepte wie eine »europäische Abschreckung« und »strategische Autonomie« kursieren. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages kam bereits 2017 zu dem Schluss, dass die Finanzierung europäischer Atomwaffen völkerrechtlich nicht eindeutig verboten sei. »Im Ergebnis schließt die fehlende Staatspraxis eine Möglichkeit zur Finanzierung ausländischer Atomwaffenpotentiale rechtlich nicht aus. Auch aus dem allgemeinen Völkerrecht ergibt sich derzeit (!) kein Finanzierungs- und Unterstützungsverbot für ausländische Atomwaffenpotentiale.«
Seit diesem Gutachten kam mit dem Atomwaffenverbotsvertrag eine neue völkerrechtliche Grundlage hinzu. Eine deutsche Unterschrift unter diesen Vertrag würde sämtliche deutschen Atomwaffenpläne stoppen. Doch damit ist zur Zeit nicht zu rechnen. Im Gegenteil, diejenigen, die den Nichtverbreitungspakt schon in den 1970er Jahren als »Sperrvertrag« für deutsche Ambitionen sahen, können sich jetzt über eine Hintertüre freuen, die sie damals eingebaut haben: eine Protokollnotiz aus dem Jahr 1974. Bei der Unterzeichnung des Nichtverbreitungspakts hielt die Bundesrepublik fest, dass keine Bestimmung des Vertrags die europäische Integration behindern dürfe – auch nicht im Hinblick auf entsprechende Atomwaffenkompetenzen der EU.
Diese Hintertür ist brisant. Denn sie zeigt, dass der Verzicht auf eigene Atomwaffen nie vollständig war. Vielmehr wurde er von Anfang an mit strategischen Vorbehalten versehen. Die Option, über europäische Strukturen doch wieder einen deutschen Zugriff zu erlangen, blieb erhalten. Im Rahmen der EU ist Deutschland nicht ein Land unter vielen, sondern das politisch, ökonomisch und perspektivisch auch militärisch stärkste Land.
Ein Blick in die Geschichte macht deutlich, wie gefährlich diese Entwicklung ist. Schon in der frühen Bundesrepublik gab es Bestrebungen zur nuklearen Bewaffnung, etwa unter Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Damals formierte sich Widerstand aus Wissenschaft und Gesellschaft. Heute hingegen scheint die Debatte enthemmter – und gleichzeitig technokratischer.
Was dabei verloren geht, ist die grundlegende moralische Dimension. Atomwaffen sind keine »normalen« Waffen. Ihr Einsatz würde unermessliches Leid verursachen, ganze Regionen unbewohnbar machen und globale Folgen nach sich ziehen. Jede Strategie, die ihren Einsatz einkalkuliert, stellt letztlich die Existenzgrundlagen der Menschheit infrage.

Ausweg: Atomwaffenverbotsvertrag
Gerade deshalb gewinnt der bereits erwähnte UN-Atomwaffenverbotsvertrag an Bedeutung. Er untersagt nicht nur Besitz und Einsatz, sondern auch Stationierung, Transport und Finanzierung von Atomwaffen. Ein deutscher Beitritt hätte weitreichende Konsequenzen: US-Atomwaffen müssten abgezogen werden, europäische Nuklearpläne wären politisch und rechtlich nicht mehr umsetzbar.
Die aktuelle Entwicklung zeigt: Die Gefahr eines neuen nuklearen Wettrüstens ist real. Sie beginnt nicht erst mit dem Bau von Sprengköpfen, sondern mit der Verschiebung politischer Grenzen, mit der Normalisierung des Undenkbaren. Wer heute von »europäischer Abschreckung« spricht, bereitet den Boden für Entscheidungen, die morgen kaum noch rückgängig zu machen sind.
Eine antimilitaristische Perspektive setzt hier an. Sie stellt nicht die Frage, wie Europa atomar aufrüsten kann, sondern wie Abrüstung wieder ins Zentrum rückt. Sie erinnert daran, dass Sicherheit nicht durch immer neue Waffen entsteht, sondern durch Kooperation, Diplomatie und Vertrauen.
Die Alternative liegt auf dem Tisch: der Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag, der Abzug von Atomwaffen aus Deutschland, ein Ende der nuklearen Teilhabe. Vor allem aber braucht es eine gesellschaftliche Debatte, die sich der schleichenden Militarisierung widersetzt.
Denn eines ist klar: Wenn aus strategischen Planspielen politische Realität wird, könnten aus den Träumen der neuen Atomstrategen sehr schnell reale Albträume entstehen.

Die Autorin ist Vorstands- und Gründungsmitglied der Informationsstelle Militarisierung, IMI.

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