Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
Geschichte 1. März 2026

Ein internationalistischer Ansatz trotz Besatzung und Krieg
von Reiner Tosstorff

Über den Widerstand gegen die Nazis im Krieg gibt es immer noch Neues zu berichten. Vor sechs Jahren veröffentlichte ­Wladek Flakin im Schmetterling-Verlag ein Buch über den deutschen Trotzkisten Martin Monath, Arbeiter und Soldat. Ein Berliner Jude unter Wehrmachtssoldaten.

Vor drei Jahren erschien – gewissermaßen in ­Ergänzung dazu – auf französisch ein Buch über die Aktivitäten der trotzkistischen Gruppen in der Bretagne während des Zweiten Weltkriegs: Résistance antinazie, ouvrière et internationaliste. De Nantes à Brest, les trotskistes dans la guerre (1939–1945).*
Reiner Tosstorf besprach das Buch in der Zeitschrift Arbeiter. Bewegung. Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, September 2025 (von der Redaktion überarbeitet).

Die trotzkistische Bewegung konnte sich in Frankreich ab 1929 am Rande der von der Kommunistischen Partei (PC-SFIC, seit 1943 PCF) und der sozialdemokratischen SFIO dominierten Arbeiterbewegung als eine feste Strömung etablieren. Sie machte allerdings fast durchgehend heftige innerorganisatorische Kämpfe durch und war schließlich am Vorabend des Weltkriegs mehrfach gespalten.
Kriegsbeginn und die Besetzung Frankreichs im Juni 1940 führten zunächst dazu, dass sich die Mitglieder über das Land zerstreuten, um den verschiedenen Repressionswellen zu entgehen. Es herrschte sogar das Gefühl vor, ein Ende der Nazi-Vorherrschaft sei nach dem Sieg auf dem Kontinent kaum noch absehbar, was zu Demoralisierungs­erscheinungen und sogar zu einem Anpassungsdruck führte. Doch bald gelang der langsame Aufbau einer Untergrundarbeit um einzelne Aktivisten herum. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gab ihr einen zusätzlichen Schub.
Trotz der Anfangserfolge der Wehrmacht verbreitete sich schnell der Eindruck, dass die Naziherrschaft sich überdehnte. Nun gab es auch – angesichts der ständigen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation durch die Plünderungspolitik des »Dritten Reichs« mit der Folge immer häufigerer Versorgungsprobleme und durch die Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften für den Einsatz in Deutschland – eine wachsende Protesthaltung in den Betrieben. Wenn auch vorsichtig, begann die Organisierung von größerem ­Widerstand.
Die politische Linie der Trotzkisten, die dabei auch einen Vereinigungsprozess durchführten, bestand in dem Versuch, die Stimmung in den Betrieben durch eine vorsichtige, aber dort, wo möglich, intensive Agitation zu beeinflussen. Dies lief unter dem Stichwort Front ouvrier, das auch den Titel einer Untergrundzeitung bildete. Darin wurde der Kampf gegen die Nazis als sozialer Konflikt propagiert und insbesondere die Kollaboration der Unternehmer angeprangert. Ziel sollte letztlich ein aus den Betrieben hervorgehender Aufstand sein.
Das unterschied sich deutlich von der »nationalen« Linie der KP, die Gegensätze zwischen den verschiedenen Alliierten herunterspielte und in deren Propaganda der »Patriotismus« den Klassenkampf in den Hintergrund rückte.
Kritisch merkten die Autoren des Bandes ­allerdings an, dass diese Orientierung, ins­besondere wo sie sich gegen die äußerst verhassten Zwangsrekrutierungen zur Arbeit im »Reich« richtete, die anderen Deportationen, nämlich die der Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager im Osten, nicht in den Blick nahm.

Keine Hoffnung auf die Alliierten
Es ging um Konflikte in einzelnen Betrieben, Repressionsmaßnahmen der deutschen Besatzungsmacht oder ihrer französischen Kollaborateure, Anprangerung der ständig wachsenden Verschlechterungen der Lebensmittelversorgung (aufgrund des Einzugs durch die Besatzungsmacht) und die Mobilisierungsversuche dagegen.
Zentrale politische Ausrichtung dabei war ihre Warnung, dass die Politik der Westalliierten im Falle einer erfolgreichen Landung darum bemüht sein würde, eine antikapitalistische Wendung des Kampfes gegen die deutsche Besatzung und ihre französischen Helfershelfer zu verhindern. Illusionen in Roosevelt, Churchill und De Gaulle seien verhängnisvoll. Entsprechend scharf war die Kritik an der Haltung der KP und der von ihr vertretenen stalinistischen Linie. In deren Augen wiederum waren sie damit »Hitler-Trotzkisten«, die »objektiv« gegen die patriotische Einheit im Interesse der Nazis wirkten.
Die Aktivitäten der Trotzkisten in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs, folgten einer Linie von Ost nach West, beginnend mit Nantes als der größten Industriestadt und mit einer langen Tradition der Arbeiterbewegung – die historische Hauptstadt der Bretagne wurde nicht umsonst 1941 von ihr abgetrennt und zu einem ­eigenen Département gemacht. Lange Auszüge aus ihrer Untergrundpublikation mit Erläuterungen auf der Basis von ­Archivrecherchen, Zeugnissen von Beteiligten und der zahlreichen Forschungsliteratur ergeben ein anschauliches Bild der Arbeit im Widerstand.
Von Nantes aus gehen die Autoren in den äußersten Westen der Bretagne, nach Brest. Diese Stadt, vor allem ein Zentrum für die Fischerei, hatte im Krieg eine besondere Bedeutung als deutsche Marinebasis für die
U-Boote, die von hier aus in den Nordatlantik ausfuhren. Und hier gelang es nun zumindest für einen Moment, Kontakte zu deutschen Soldaten zu knüpfen. Einige Monate lang konnte eine Untergrundzeitung (mit wechselnden Titelvarianten von Arbeiter und Soldat) unter ihnen verbreitet und damit einige Dutzend Soldaten gewonnen werden. Exemplare davon sollen sogar in Norditalien bzw. in norddeutschen Häfen aufgetaucht sein.
Doch im Oktober 1943 bekam der Nazi-Apparat davon Kenntnis, möglicherweise durch einen Spitzel oder Verräter. Die Unterstützungstrukturen der französischen Trotzkisten wurden zerschlagen. Einige kamen nach Deutschland in verschiedene KZs. Die deutschen Soldaten wurden vors Kriegsgericht gebracht und erschossen.

Ein neuer Forschungsansatz
Die Autoren referieren hier den spärlichen Kenntnisstand, wie er sich später aus Informationen einiger französischer Überlebender nach deren Rückkehr aus den KZs zusammenstellen ließ. Denn die Nazis, die nichts mehr fürchteten, als dass ähnlich wie 1918 die Armee der Kontrolle entgleiten würde, hatten offensichtlich den Kriegsgerichtsprozess wie auch die mutmaßliche Vollstreckung der Todesstrafen im Geheimen abgewickelt. So waren bislang nur einige Vornamen der deutschen Soldaten bekannt, neben einer vagen Angabe des Namens des mutmaßlichen Verräters. Damit ist es bislang nicht möglich gewesen, deutsche Akten ausfindig zu machen. Entsprechend liefen weitergehende Forschungen über die deutschen Soldaten und ihre Aktivitäten ins Leere. Das hatte schon Flakin im eingangs erwähnten Buch festgestellt, und das müssen auch die Autoren des hier besprochenen Bandes konstatieren.
Während sich die Arbeit der französischen Trotzkisten schon aufgrund des Eigeninteresses der damit verbundenen Organisationen und natürlich auch der zahlreichen Initiativen zur Résistance-Forschung einigermaßen hat rekonstruieren lassen, wie ja auch dieser Band beweist, gelang dies bisher nicht in bezug auf die Gruppe Arbeiter und Soldat. Jetzt hat sich allerdings als Echo auf die Veröffentlichung dieses wie auch Flakins Buchs die Geschichtsinitiative »Association Les Amis d’Arbeiter und Soldat« gegründet, die sich um Fortschritte in der Forschung bemüht.** Sie verfolgt einen neuen Ansatz, wie auf einer Veranstaltung in Brest berichtet wurde.
Da der Zeitpunkt der Zerschlagung von Arbeiter und Soldat im Oktober 1943 ja bekannt ist und die Hinrichtungen mit großer Wahrscheinlichkeit umgehend vollstreckt wurden, wurden auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Brest die Namen derer mit diesem Todesdatum ermittelt. Dies ist der Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen in der umfangreichen, aber oftmals noch unbearbeiteten ­Aktenhinterlassenschaft der Wehrmacht – in der Erwartung, damit auch auf Materialien zu ­Arbeiter und Soldat zu stoßen. Auf Ergebnisse dazu kann man gespannt sein.
Insgesamt ist der Band ein wichtiger regionalgeschichtlicher Beitrag zur Résistance aus einer linken, insbesondere den Bemühungen um die Entwicklung eines Arbeiterwiderstands gewidmeten Perspektive, auch wenn diese schon sehr schnell bei der Befreiung Frankreichs durch eine »patriotische« Lesart der Résistance in den Hintergrund gerückt wurde. Und natürlich ist auch jeglicher ­Widerstand in der deutschen Wehrmacht, so winzig und erfolglos er auch war, es wert, dem Vergessen entrissen zu werden.

*Robert Hirsch, Henri Le Dem, François Preneau: Résistance antinazie, ouvrière et internationaliste. De Nantes à Brest, les trotskistes dans la guerre (1939–1945).
Paris: Éditions Syllepse, 2023. 315 S.

**Die Webseite der »Association Les Amis d’Arbeiter und Soldat«: https://arbeiter-und-soldat.org/de/. Dort können die von der Association mehrfach im Jahr herausgegebenen zweisprachigen Bulletins als PDF-Dateien heruntergeladen werden.

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren