Vor 40 Jahren flog in der Sowjetunion ein Akw in die Luft
von Wolfgang Pomrehn
Am 26.April ist es 40 Jahre her, dass sich in der Sowjetunion, unweit von Kiew die bis dahin schwerste Atomkatastrophe Europas ereignete. Gewaltige Mengen radioaktiven Materials wurden freigesetzt. Winde verteilten sie und der Regen wusch den Strahlenstaub unter anderem über Bayern, Österreich, der Tschechoslowakei und Teilen Skandinaviens aus. Explosionen verteilten radioaktive Splitter in der Nachbarschaft. Am stärksten betroffen waren die umliegenden Gebiete in der nordöstlichen Ukraine und im angrenzenden Weißrussland.
Im Akw Tschernobyl waren Experimente am erst drei Jahre alten Reaktor 4 vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Im Rahmen einer regulären Abschaltung zur Revision hatte man zeigen wollen, dass der Reaktor auch im Falle eines Kühlmittelverlustes beherrschbar blieb. Das ging jedoch gründlich schief. Eine Mischung aus technischen Problemen und schwerwiegenden Bedienungsfehlern – unter anderem wurden Sicherheitsvorschriften ignoriert – führte dazu, dass im Reaktorbehälter die Wärmeerzeugung schlagartig anstieg.
Dadurch kam es zu einer extrem schnellen Verdampfung des Wassers, und der daraus resultierende enorme Dampfdruck brachte den Behälter zur Explosion. Auch das Gebäudedach wurde weggesprengt, außerdem entzündeten sich zahlreiche Brände.
Die Grafitstäbe, mit denen die RBMK-Reaktoren sowjetischer Bauart gesteuert werden, fingen Feuer. Fast zwei Wochen dauerte es, bis sie gelöscht werden konnten. Die beteiligten Feuerwehrleute wurden in dieser Zeit besonders hohen Strahlendosen ausgesetzt. Mindestens 31 von ihnen starben bis 2002 an den Folgen, heißt es in einem Untersuchungsbericht der Nuclear Energy Agency, die der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angeschlossen ist.
Die radioaktive Verseuchung
Beim radioaktiven Zerfall von Uran entsteht zum einen eine erhebliche Menge an Energie, die in einem Akw im Normalbetrieb Wasser erhitzt, mit dem eine Dampfturbine angetrieben wird. Zudem werden pro zerfallendem Atomkern drei Neutronen freigesetzt, die wiederum andere Urankerne spalten können. Das ganze nennt sich Kettenreaktion. Im Gegensatz zu einer Atombombe läuft diese in einem Akw kontrolliert und nicht explosionsartig ab.
Problematisch wird es, wenn die freigesetzte enorme Wärme nicht mehr abgeführt werden kann, wie es vor 40 Jahren in Tschernobyl geschah oder auch vor 15 Jahren in Fukushima. Da das Uran in diverse, ebenfalls instabile, also radioaktive Isotope zerfällt, wird auch nach dem Ende der Uran-Kettenreaktion noch jede Menge Zerfallswärme erzeugt. Fällt also die Kühlung aus, kommt es zu Explosionen durch den Wasserdampfdruck im Reaktorbehälter oder gar zu Wasserstoffexplosionen, wenn der Wasserdampf stark überhitzt wird. In der Folge wurden sowohl in Tschernobyl als auch in Fukushima Reaktoren und ihre Gebäude zerstört und große Menge radioaktiven Materials, die Spaltprodukte des Urans, in die Umwelt geschleudert.
Die schwereren Staubpartikel und Splitter gingen in der unmittelbaren Umgebung des Akw in einem Umkreis von 40 bis 50 Kilometern in der Ukraine und in Belarus nieder, darunter Strontium, Uran und Plutonium. Der größere Teil dieser strahlenden Materialien verblieb allerdings in den Trümmern und muss dort noch für viele Jahrtausende vor Wind und eindringendem Regenwasser geschützt werden, damit diese ihn nicht in der Umwelt verteilen.
Die Region um den Reaktor ist bis heute schwer belastet. Eine 30-Kilometer-Zone um das Kraftwerk herum wurde seinerzeit evakuiert und ist heute unbewohnt. Mehrere zehntausend Menschen verloren ihre Heimat. Rund 140 Dämme und Deiche wurden errichtet, um zu verhindern, dass die Flüsse radioaktives Material davontragen.
Der Strahlentod
Radioaktive Strahlung schädigt die Zellen von Menschen und anderen Lebewesen. Sehr hohe Dosen können zum Tod innerhalb von Tagen und Wochen führen. Häufiger ist jedoch, dass radioaktive Partikel eingeatmet werden oder mit der Nahrung in den Körper gelangen und dort längere Zeit verbleiben. Radioaktives Cäsium und Strontium ähneln zum Beispiel anderen Spurenelementen, die der menschliche Körper braucht, und werden entsprechend »eingebaut«, das heißt, sie verbleiben sehr lange im Körper. Dort können sie dann die Zellen in ihrer Nachbarschaft schädigen, wenn sie zerfallen. Generell gilt: Je mehr radioaktive Substanzen im Körper, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass durch die Zellschädigungen Krebs auftritt. Andere Folgen sind Schäden am Erbgut und Fehlgeburten.
Das mussten die etwa 830.000 sogenannten Liquidatoren am eigenen Leibe erfahren, die im Frühjahr und Sommer 1986 im Umfeld des explodierten Reaktors mit Aufräum- und Sicherungsarbeiten beschäftigt waren. Die Deutsche Gesellschaft für Strahlenschutz und die Internationalen Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges (IPPNW) schrieben 2006 in einem gemeinsamen Bericht über erhebliche gesundheitliche Folgen für diese Gruppe. Die Menschen seien zum Teil freiwillig, zum Teil unter Zwang, zum Beispiel als Rekruten, eingesetzt worden und aus der ganzen Sowjetunion gekommen. Einige hätten von den Gefahren gewusst, andere seien völlig ahnungslos gewesen.
Auf jeden Fall hätten sie durch ihren Einsatz, durch das Löschen der Grafitbrände, durch die Abdichtung der Unglücksstelle und durch die Beseitigung stark strahlenden Materials dafür gesorgt, dass nicht noch mehr gefährliche Substanzen verbreitet wurden, und so für viele andere Schlimmeres verhindert. An systematischen und umfassenden Untersuchungen über die Langzeitfolgen ihrer Strahlenbelastungen mangelt es, aber als sicher gilt, dass sie überdurchschnittlich unter Leukämie und Schilddrüsenkrebs zu leiden hatten.
Ähnlich erging es der Bevölkerung in der erweiterten Nachbarschaft. Schon nach drei bis vier Jahren gab es einen rasanten Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, besonders in der hoch belasteten Zone von Gomel in Weißrussland. Auch in Russland und der Ukraine gab es vermehrt Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Erwachsenen, insbesondere bei Frauen.
In Weißrussland kam es laut IPPNW zu einem generellen Anstieg diverser Krebsarten. Dort und auch in der Ukraine sei ein signifikanter Anstieg von Brustkrebs und Kinderleukämie festgestellt worden. Aus den besonders mit Radioaktivität belasteten russischen Bezirken Kaluga und Brjansk nordöstlich von Tschernobyl wurde ebenfalls über vermehrte Krebserkrankungen berichtet.
Doch die Folgen blieben nicht auf die Regionen um den Havaristen beschränkt. Selbst in Westberlin kam es noch nach IPPNW-Angaben zu einem Anstieg der Zahl der Neugeborenen mit Down-Syndrom.
Die politischen Folgen
In einigen Ländern, nicht zuletzt in Westdeutschland, führte die Atomkatastrophe zu einem Wiederaufleben der fast schon eingeschlafenen Anti-Akw-Bewegung. In Italien wurde 1987 in einem Referendum ein Neubauverbot für Akw durchgesetzt. Entsprechend wurde das letzte italienische Akw 1990 abgeschaltet. In einem zweiten Referendum wurde 2011 der Beschluss bestätigt. In der BRD wurden zwar noch drei und in der DDR ein Akw fertiggestellt und in Betrieb genommen, zuletzt 1989 bei Greifswald, aber der letzte Baubeginn liegt inzwischen 44 Jahre zurück.
Atomkraft war unpopulär geworden, und als dann vor 15 Jahren auch noch in Fukushima gleich drei Reaktoren havarierten und sich Tschernobyl sozusagen wiederholte, sah sich die unter Druck geratene schwarz-gelbe Bundesregierung unter Angela Merkel gezwungen, den bereits Ende 1998 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit den Energiekonzernen verabredeten Ausstieg aus der Atomenergie wieder einzuleiten, den sie ein gutes halbes Jahr zuvor per Gesetzesänderung gestoppt hatte. Am 15.April 2023 wurden schließlich die letzten drei deutschen Reaktoren heruntergefahren und stillgelegt.
Konservative, Faschisten und auch manchen Journalisten hält das allerdings nicht davon ab, immer wieder über eine Renaissance der Atomkraft zu fabulieren. Was davon zu halten ist, ist auf der nachfolgenden Seite zu lesen. Ein Motiv für diese Pfeifenträume ist sicherlich der alte Wunsch der hiesigen Bourgeoisie nach der eigenen Bombe, über den Claudia Haydt (auf Seite 11) schreibt. Derweil sorgen diverse Einrichtungen wie der mit hoch angereichertem Uran arbeitende Forschungsreaktor bei München, Atommülltransporte, die skandalösen Zustände in den Zwischenlagern und die nicht geklärte Frage eines Endlagers dafür, dass das Atomzeitalter auch hierzulande noch lange nicht zu Ende ist, wie Helge Bauer (auf Seite 12) erklärt.
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