Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Gemeingüter 1. April 2026

Wirtschaft 21 und System Delta – ein neuer Versuch für eine Alternative
von Marina Hoffmann

Martin Oetting heißt ein Mann, der zwanzig Jahre lang in der Werbe­industrie gearbeitet hat. Für große Konsumgüterhersteller wie Unilever organisierte die Firma, für die er arbeitete, Word-to-mouth-Marketing beziehungsweise Mundpropaganda. Dabei bekamen Menschen Produkte zugesandt, um diese im Bekanntenkreis anzupreisen und damit die Verkaufszahlen zu steigern.

Dabei stieß er immer wieder auf Kritik. Immerhin nutzt dieses Werbekonzept Personen und ihr privates Umfeld für Marketing, wirbt sozusagen in das Schlaf- oder Wohnzimmer der Konsument:innen hinein. Doch er und seine Kolleg:innen glaubten, das simple, offene Mitmach-Marketing sei etwas Gutes.
Erst als es sich weiter steigerte kam, angeregt durch einen Kollegen, ein Reflexionsprozess in Gang, der zu einer 180-Grad-Wende führte: Lobbyisten, Chefs und Anteilseigner sowie die hohen Tiere demokratischer Institutionen wie Presse, Parteien usw. profitieren von unserem aktuellen Wirtschaftssystem – genau wie Martin Oetting selbst. Damit schaden sie der Allgemeinheit, da sie dafür sorgen, dass ausschließlich sie vom Wirtschaftssystem profitieren. Dafür umso mehr. Sie sind so tief in der Wachstumsideologie gefangen, dass sie in Kauf nehmen, dass alles zerstört wird.

Das BIP und ewiges Wachstum
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) muss wachsen. Geschieht das nicht, verlieren wir Wohlstand. Was auch immer das konkret heißt – soweit ich mich erinnere, haben wir durch Reallohnverlust und die Schuldenbremse ganz schön viel Wohlstand verloren…
Und dennoch hält sich diese Ideologie. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg war das BIP möglicherweise noch ein Indikator für Reichtum und damit für die Stimmung in der Gesellschaft. Doch selbst wenn das BIP von Jahr zu Jahr wächst – in unseren Taschen ändert sich kaum etwas.
Solange das BIP allerdings wächst, können Politiker:innen bis heute sagen, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden, auch wenn das Weiterwachsen in den 1970er Jahren nur durch Marktliberalisierungen möglich war.
Mehr Freiheiten für Marktteilnehmer heißt: weniger Steuern, weniger staatliche Kontrolle und immer mehr Möglichkeiten für Konzerne. Das ist der Neoliberalismus, in den ich hin­eingeboren wurde.
Dass unendliches Wachstum auf einer endlichen Erde nicht möglich ist, erklärt sich von selbst. Trotzdem wird es versucht. Dabei können wir heute überall sehen, wozu es führt: Firmen wachsen und verdrängen andere Marktteilnehmer, bilden Monopole wie Metastasen in einem kranken Körper und befriedigen damit ihre Investor:innen. Der Kuchen wird immer größer, aber immer weniger Menschen bekommen genug davon ab.
Die Bedrohungen, die von zwei Grad Klimaerwärmung und dem Erreichen der Kipppunkte ausgehen, hinter die es kein Zurück gibt, nehmen zu – und damit die soziale Ungleichheit. Wissenschaftler:innen sprechen sogar von einem möglichen Zerfall der globalen Gesellschaft zur Mitte des Jahrhunderts. Der Zustand der Natur ist entscheidend für das Überleben der Menschheit.

Klima und Konservativismus
Martin Oetting hat ein großes Problem mit heutigen Konservativen. Schon in seinem ersten Video auf Youtube vor gut viereinhalb Jahren regte er sich über eine Wählerschaft auf, die scheinbar nur der Gewohnheit folgt und dabei völlig außer acht lässt, wofür die Union in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesorgt hat. Von Natur- und Klimaschutz, klassisch konservative Themen, keine Spur.
In einem weiteren Video erklärt er konservativ eingestellten Menschen anhand eines einfachen Beispiels ihre Rolle im derzeitigen Problem: Die Konservativen besitzen ein Kino. Alle sitzen auf ihren Plätzen, die Getränke kosten Geld, damit das Kino genug verdient, und alles läuft in geregelten Bahnen. Entspannt. Dann aber gibt es ein Unwetter, es regnet rein und die Menschen in den unteren Reihen bekommen nasse Füße, während andere vor den Türen des Kinos stehen und Schutz suchen. Was tun?
Nun, entweder machen die das Kino Betreibenden einfach weiter, ignorieren die Probleme, machen andere dafür verantwortlich und bewaffnen sich, um die zum Schweigen zu bringen, die sich beschweren – oder sie nehmen die Probleme ernst, übernehmen die Verantwortung, reparieren das Dach, sorgen für Ruhe, indem sie Menschen helfen und stellen so den vorherigen Normalzustand wieder her.

Wirtschaft 21 und System Delta
Eine Lösung für die weltumspannenden Probleme kann niemand alleine anbieten. Deshalb gründete Oetting zunächst den Newsletter Wirtschaft 21 (für eine neue Wirtschaft im 21.Jahrhundert) und startete im Sommer 2025 die erste Kampagne um zu sehen, wieviele sich melden. Denn es braucht viele.
Die Kampagne ist ein Erfolg, inzwischen haben sich so viele Menschen über die Youtube-Videos und den Newsletter gefunden und organisiert, dass eine neue Organisation entstehen kann: System Delta.
Was System Delta erreichen wird, wird sich zeigen. Die Organisation orientiert sich an der Wellbeing Economy Alliance, will weg vom BIP als Wohlstandsindikator hin zu einer Wirtschaft, in der es der Mehrheit tatsächlich gut geht, hat linke Ziele für die Mitte der Gesellschaft – und vor allem lässt sie sich mitgestalten.

Weitere Infos zu Martin Oetting und seinen Initiativen findet ihr unter:
https://martinoetting.com/wirtschaft21/
https://systemdelta.de/
www.sinnmachtgewinn.de/menschen/martin-oetting
www.youtube.com/@MartinOetting

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