Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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AKW 1. April 2026

Von einer echten Renaissance der Atomenergie kann nicht die Rede sein
von Wolfgang Pomrehn

Es soll offensichtlich mal wieder eine Renaissance der Atomkraft herbeigeredet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält die Windkraft für eine Übergangstechnologie und meint, man solle lieber neue Atomkraftwerke (Akw) bauen, seine vom Energiekonzern E.on übergewechselte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hält die Energiewende für viel zu schnell und liebäugelt mit neuen Akw, und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (ebenfalls CDU) hält den deutschen (Teil-)Ausstieg aus der Atomenergie für einen Fehler.

Dabei ist man hierzulande doch mit der Urananreicherung in Gronau und dem hochangereichertem Uran im Münchner Forschungsreaktor noch ganz gut im Geschäft – alles Dinge übrigens, die dem Iran von der westlichen »Wertegemeinschaft« nicht zugestanden werden, weshalb dort gerade Tausende Menschen, meist Zivilisten, sterben müssen.
Auch auf der internationalen Ebene tut sich einiges. Frankreich, mit 57 laufenden Reaktoren noch vor Russland (37 Reaktoren) das europäische Land mit den meisten Akw, hatte Anfang März zum großen Atomgipfel nach Paris geladen. Mehr als 30 Staaten waren gekommen und nutzten die Gelegenheit zu vollmundigen Ankündigungen. »Für sichere und kostengünstige Energie für alle« soll gesorgt werden. Bernard Fontana, Vorstandsvorsitzender des französischen Atom-Pleitiers EDF ließ wissen, dass der Ausstieg aus den CO2-freisetzenden fossilen Energieträgern, steigende Energiekosten und der Ausbau der Datenzentren Atomkraft zu einer »Schlüssel-Lösung« mache.
Derweil klafft zumindest in Westeuropa und Nordamerika eine Riesenlücke zwischen Ambitionen und den realen Möglichkeiten, auch wenn jetzt Geld fließen soll, Geld, das viel besser in die Entwicklung neuer Speichertechnologien gesteckt werden sollte, die für die Energiewende benötigt werden. Die EU-Kommission will 200 Millionen für neue Mini-Akw locker machen und müsse sich, so von der Leyen, der weltweiten Renaissance der Kernenergie anschließen.

Abnehmende Bedeutung
Renaissance? Weltweit? Eines ist sicher: Von einer herausragenden Bedeutung für die Stromversorgung kann bei der Atomkraft keine Rede sein. Während der weltweite Einsatz elektrischer Energie in den 20 Jahren zwischen 2005 und 2024 von 18.134 auf knapp 40.000 Milliarden Kilowattstunden (Terawattstunden) angestiegen ist, zeigt die Atomstromproduktion seit Beginn des Jahrhunderts keine nachhaltige Zunahme mehr. Zwischenzeitlich fiel sie sogar zurück, um 2024 wieder in etwa auf dem Stand von 2005 bei knapp 2800 Terawattstunden anzukommen. Statt 15 Prozent im Jahre 2005 deckte sie 2024 nur noch sieben Prozent des globalen Strombedarfs ab. Das sieht nicht nach einer Renaissance, sondern eher nach einer Halbierung aus (Zahlen: Ourworldindata.org).
2005 waren weltweit 442 Reaktoren im Betrieb, 2024 nur noch 421. Zwar befinden sich 74 im Bau, doch ihre Fertigstellung kann sich noch sehr lange hinziehen, sofern es sich nicht um chinesische Baustellen handelt. Zudem wird in den nächsten beiden Jahrzehnten ein erheblicher Teil der überalterten Flotte außer Betrieb gehen müssen. Der Akw-Bestand wird also eher abnehmen.
Es gibt nur zwei Länder, die mehr als 50 Prozent ihres Stroms mit Akw erzeugen: Frankreich (67 Prozent) und die Slowakei (60 Prozent). Weitere zwölf Länder erzeugen mehr als 20 Prozent ihrer elektrischen Energie mit der Kernspaltung. In China, das in den letzten beiden Jahrzehnten bei weitem die meisten neuen Akw in Betrieb genommen hat, waren es 2024 nur 4,5 Prozent. (Alle Angaben: Internationale Atomenergie Agentur, IAEA.)

Teurer Murks
China ist neben Russland und vielleicht Südkorea das einzige Land, das den Akw-Bau noch wirklich beherrscht. In West- und Nordeuropa haben westliche Konzerne in den vergangenen Jahrzehnten hingegen nur extrem teuren Murks hingelegt. In Finnland verzögerte sich der Bau des Reaktors Olkiluoto 3 um 14 Jahre. Statt 2009 lieferte er erst 2023 Strom. Aus den ursprünglich veranschlagten drei Milliarden Euro Kosten wurden schließlich elf Milliarden. Dumm für Hersteller Areva, der einen Fixpreis von drei Milliarden Euro vereinbart hatte. Die Mehrkosten musste der französische Konzern selbst tragen, was schließlich zu seinem Bankrott beitrug, sodass er von der staatlichen EDF übernommen wurde.
Die ebenfalls beteiligte Siemens AG konnte ihren Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen und beschloss, ganz aus dem Akw-Geschäft auszusteigen. In Finnland entschied sich Akw-Betreiber TVO 2015 angesichts dieser Erfahrungen, auf einen weiteren Reaktor zu verzichten. Die anderen beiden Reaktoren des Akw laufen bereits seit 44 und 47 Jahren und müssten bald stillgelegt werden.
Ganz ähnlich lief es im französischen Flamanville auf der zweiten Areva-Baustelle, wo ebenfalls ein sogenannter EPR (European Pressurized Reactor) gebaut wurde. Aus fünf wurden 17 Jahre Bauzeit, aus 3,3 Milliarden wurden 13,2 Milliarden Euro Kosten. Der Reaktor, dessen Bau wie der seines typgleichen Zwillings in Finnland von zahlreichen Berichten über Pannen und Pfusch begleitet war, ging schließlich im Dezember 2024 ans Netz. Flamanville 3 und Olkiluoto 3 sind die beiden einzigen nicht russischen Reaktoren, die seit 2007 in der EU in Betrieb genommen wurden.
Derweil gibt es in Großbritannien die beiden derzeit einzigen Akw-Baustellen Westeuropas. Eine davon befindet sich an der Westküste in Hinkleypoint. Dort baut EDF zwei weitere EPR und alles läuft wie gehabt. Die Verzögerung beträgt bisher 13 Jahre. Aus den ursprünglich veranschlagten knapp 21 Milliarden sind inzwischen 41 Milliarden Euro Kosten geworden. Für den Betreiber wird sich die Anlage, wenn überhaupt, nur rechnen, weil die Regierung einen langfristigen Abnahmepreis für den Strom garantiert, der deutlich über dem für Solar- oder Windstrom liegen wird. Der Guardian schätzt, dass dadurch die britischen Verbraucher den Atomstrom mit jährlich umgerechnet 2,3 Milliarden Euro subventionieren werden. So viel zum Thema billiger Atomstrom.

Small is not beautiful
Und die neuen Mini-Reaktoren? So wie einst der EPR gelten die kleinen modularen Akw – auch Small Modular Reactor genannt – derzeit als der letzte Schrei und die EU-Kommission hat gerade, wie gesagt, reichlich Geld für ihre Entwicklung locker gemacht. Das Problem: Bisher sind alle Design-Versuche gescheitert. Zuletzt ist EDF aus einem entsprechenden Projekt ausgestiegen. Der Grund: zu hohe Kosten, zu viele technischen Schwierigkeiten.
Auch in den USA sind ähnliche Projekte in letzter Zeit wegen zu hoher Kosten gescheitert, berichtet der Fachinformationsdienst IWR. Das geplante Carbon Free Power Project sei beendet worden. Sechs kleine Akw-Module mit je 77 Megawatt Leistung habe man im US-Staat Idaho bauen wollen. Die Produktionskosten für eine Kilowattstunde hätten im Falle des Baus der Anlagen nach Berechnungen der Entwickler zuletzt bei 8,9 US-Cent gelegen. Angestrebt hatte man ursprünglich 5,8 US-Cent. (Man kann fast sicher sein, dass darin die hohen Aufwendungen für den anfallenden Strahlenmüll noch nicht enthalten sind, den die Betreiber meist der Allgemeinheit überlassen.)
Fazit: Strom aus neuen Akw ist extrem teuer und es besteht wegen langer Bauzeiten keinerlei Aussicht, dass diese in Westeuropa in den nächsten beiden Jahrzehnten einen nennenswerten Beitrag zur Stromversorgung leisten können. Weshalb dennoch so hartnäckig an der Technologie festgehalten wird, beschreibt Claudia Haydt auf der folgenden Seite.

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