Über 50.000 Menschen haben nach Angaben des Bündnisses widersetzen am 29.11. im mittelhessischen Gießen gegen den Gründungskongress der AfD-Jugend protestiert. Zugleich haben sich mindestens 15.000 Menschen an Blockaden und anderen Widerstandsaktionen gegen die faschistische Jugendorganisation beteiligt.
›Gießen hat nicht gebrannt, Gießen hat geleuchtet!‹
von Christoph Rettler, Ver.di Gießen
Damit war dieser Tag die bislang größte antifaschistische Mobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon morgens um 6 Uhr formierte sich ein vom DGB organisierter imposanter Demonstrationszug am Gießener Hauptbahnhof, um dann zu den zwei zentralen Lahn-Brücken in der Innenstadt zu ziehen. Hier war die Polizei mit einem martialischen Großaufgebot inklusive Räumpanzern und Wasserwerfern aufmarschiert, um das Westufer der Lahn mit den angrenzenden Hessenhallen als Veranstaltungsort der Nachwuchsfaschisten zu schützen.
Der kurzfristig per Gerichtsbeschluss verkleinerte demokratische Raum beschränkte zwar die Proteste in der Gießener Innenstadt weitgehend auf das Ostufer; gleichzeitig wurden aber Ordnungskräfte und Faschisten von Blockadeaktionen rund um den Gießener Verkehrsring überrascht und beeinträchtigt. Hier setzten antifaschistische Aktivist:innen das widersetzen-Konzept mit vielfältigen Blockadeaktionen wie Sitzblockaden und Brückenabseilen um. Hier trat auch hauptsächlich die aggressive und rücksichtslose Polizeistrategie zur Sicherung der AfD-Jugend zu Tage.
So konnte der Kongress erst mit zweieinhalbstündiger Verspätung und 830 Teilnehmenden statt der im Vorfeld kolportierten 2000 Besucher starten. Auch wenn das Ziel eines kompletten Abbruchs nicht erreicht werden konnte, so ist der Aktionstag dennoch aus antifaschistischer Perspektive ein Erfolg.
Trotz Polizeigewalt und bürgerlicher Schreckensszenarien
Die Bemühungen der bürgerlichen Presse – allen voran der Springer-Presse –, die Proteste als Gewaltveranstaltung zu brandmarken, müssen als gescheitert betrachtet werden. Trotz mehrerer Versuche von Einzelnen, als Delegierte (!?!) unter den Augen der Polizei die Blockaden zu durchbrechen, reagierten die Antifaschist:innen kollektiv besonnen und angemessen. Kein Durchbruch gelang.
Wie widersetzen in ihrer Bilanz-Pressemitteilung deutlich gemacht hat, muss die Polizeigewalt an den Blockadepunkten außerhalb der Innenstadt thematisiert werden. Den Faschisten wurde der rote Teppich ausgelegt, während demonstrierende Antifaschist:innen mit Tränengas, Wasserwerfern und Prügeln in ihrem demokratischen Widerstandsrecht behindert wurden.
Der Versuch der konservativ-bürgerlichen Presse sowie politisch Verantwortlicher wie des hessischen Innenministers Roman Poseck, die Rückschau auf den 29.11. mit Bildern von linksextremer Gewalt und Hass aufzufüllen, bezeugt nur deren Angst vor einem breiten und vielfältigen antifaschistischen Schulterschluss. Ihr gemaltes hypothetisches Schreckensszenario »schwerster Gewalttaten und bürgerkriegsähnlicher Zustände«, ohne auf die prügelnden Ordnungskräfte nur im Geringsten einzugehen, zeugt von ihrer Geringschätzung demokratischen Engagements und ihrem Leitbild eines autoritären Staates. Sie würden im Zweifelsfall ein weiteres Mal Ermächtigungsgesetzen zustimmen und eine demokratische und diverse Gesellschaft liquidieren.
Vielfalt, Solidarität, Entschlossenheit
Auch wenn wir die Haltung und Rolle der Stadt Gießen zur Sperrung des Westufers für Demonstrierende zu kritisieren haben, so ist doch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher in folgender Hinsicht zuzustimmen: »Gießen hat nicht gebrannt, Gießen hat geleuchtet!«
Ohne einer detaillierteren Auswertung vorzugreifen, hat sich das Konzept von widersetzen als der richtige Weg erwiesen. Die hergestellte Aktionseinheit stärkte alle einzelnen Teilnehmer:innen, die sonst im Alltag eher isoliert dem Rechtsruck ausgeliefert sind. Jede und jeder hatte die Möglichkeit, sich in die unterschiedlichen Protestformen einzubringen.
So gab es auch nicht die Trennung in klandestine, erfahrene und entschlossene Aktivist:innen einerseits und eine mitlaufende Masse andererseits. Vielmehr waren Zusammensetzung und Stimmung trotz des ernsten Anlasses entschlossen, bunt, fröhlich und solidarisch.
Tausende von Fotos und Videos in Eigenregie auf Social Media dokumentieren das und lassen auch dadurch die grotesken Anschuldigungen eines Bild-Chefredakteurs gegenüber den Protestierenden ins Leere laufen.
Ausbaufähig
Das Konzept von widersetzen ist ausbaufähig. Das Ziel einer kompletten Verhinderung von faschistischen Treffen und Aufmärschen muss bestehen bleiben. Dafür spricht auch die Entwicklung seit den Protesten von Essen 2024 über Riesa 2025 bis zum Tag von Gießen.
Es gab und gibt eine stetige Steigerung der an Blockaden beteiligten Aktivist:innen. Waren es in Essen bei etwa 50.000 Demonstrierenden 5000 Personen, die sich gemäß dem widersetzen-Konzept aktiv beteiligten, so hat ihre Zahl mit 12.000 in Riesa und nun mindestens 15.000 in Gießen kontinuierlich zugenommen. Und im Juli 2026, beim nächsten AfD-Bundesparteitag in Erfurt, können wir sie nochmals steigern.
Abschließende Worte erhält das Bündnis widersetzen. Am Ende des Tages resümierte das Bündnis:
»Wir haben heute wieder gesehen: Wir können uns auf den Staat im Kampf gegen den Faschismus nicht verlassen. Die Stadt Gießen hat eine antidemokratische Zone ausgerufen und die Polizisten haben den Faschisten den Weg freigeprügelt. Der rote Teppich wurde der AfD ausgerollt, aber wir haben ihn den Rechtsextremen unter den Füßen weggezogen«, erklärte Rieka Becker von widersetzen.
»Dieser Widerstand kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Wir geben unsere Orte nicht den Faschisten. Wir wollen eine offene Gesellschaft, in der für alle gesorgt ist, das Klima geschützt wird und Menschen sich frei entfalten können – egal wo sie geboren sind, wen sie lieben oder wie sie aussehen.«
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