Abschied von einer kämpferischen Analytikerin
von Wolfgang Pomrehn
Dezember 1999. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung kämpferisch. Den Neoliberalen wehte der Wind entgegen. Aus aller Welt hatten Gewerkschaften, Umweltorganisationen und Bauernverbände – Gegner von Freihandel, Verschuldung und Austeritätspolitik – nach Seattle mobilisiert. Proteste gegen die Tagung der Welthandelsorganisation WTO waren geplant, Sitzblockaden sollten sie behindern. Für den nächsten Tag war eine große Demonstration angekündigt. Der Saal jubelte, als die ältere Dame auf dem Podium The Battle of Seattle ausrief.
Freilich meinte die Rednerin, Susan George, eine der herausragenden Intellektuellen der Szene, nicht die paar (wenigen) eingeworfenen Schaufensterscheiben, die es dann gab. Sicherlich auch nicht die exzessive Polizeigewalt, nächtliche Ausgangssperre und den Einsatz der Nationalgarde, die die Stadt im äußersten Nordwesten der USA in den folgenden Tagen erleben sollte. Gemeint war vielmehr die vielfältige und kraftvolle Bewegung, für die die Auseinandersetzung um die im Rahmen der WTO durchgesetzte Freihandelspolitik zum Kristallisationspunkt geworden war.
Die reichen Staaten des Nordens hatten in den vorangehenden Jahrzehnten mit ihrer Verschuldungspolitik viele Länder des Südens stranguliert, den massiven Abbau der öffentlichen Versorgung und der Arbeiter:innenrechte durchgesetzt – zuletzt ab 1997 im Zuge der großen Asienkrise in den sogenannten Tigerstaaten Ost- und Südostasiens. Nun wollten sie auch noch die letzten Zollschranken und Handelsbeschränkungen einreißen, um die gebeutelten Länder mit ihren Produkten überschwemmen und zugleich die noch verbliebenen Spuren von sozialen Rechten sowie Verbraucher- und Umweltschutz beseitigen zu können.
Susan George hatte schon lange zu den eloquenten Kritikern der Schuldknechtschaft des Südens, der entsprechenden Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds und einer Agrarpolitik gehört, die den Hungertod von Millionen Menschen verursacht. Ihre zahlreichen, meist auch ins Deutsche übersetzten Bücher tragen Titel wie Wie die anderen sterben (1978), Sie sterben an unserem Geld (1988), Der Schuldenbumerang (1992), Der Lugano-Report oder ist der Kapitalismus noch zu retten (2001), Globalisierung oder Gerechtigkeit (2003) und Shadow Sovereigns: How Global Corporations are Seizing Power (2015).
Sie war schließlich an der Gründung des ATTAC-Netwerks in Frankreich beteiligt – zuletzt als dessen Ehrenpräsidentin. Susan George eine Galionsfigur der neuen Bewegung zu nennen, die unter anderem schon bald in die Gründung des Weltsozialforums münden sollte, wäre untertrieben. Der österreichische Falter nannte sie kürzlich die Grande Dame der Globalisierungskritik, und sie gehörte ohne Frage mit ihren messerscharfen Analysen und kämpferischen Reden zu deren führenden intellektuellen Köpfen. Nicht zuletzt war sie auch langjährige Direktorin des Transnational Institutes in Amsterdam.
Susan George wird uns fehlen. Am 14.Februar starb sie im Alter von 91 Jahren.
www.tni.org/en/profile/susan-george
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