…die Enkel fechten’s besser aus
von Angela Klein
Im Vorwort zu seiner Arbeit über den »deutschen Bauernkrieg« hebt Friedrich Engels die Leistungen hervor, die die »Bauern und Plebejer« damals erbracht haben: dass sie »mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern«.
Einige dieser Pläne haben wir im Rahmen dieser Serie vorgestellt, andere wären noch zu nennen. Manche, die besonders weit vorgriffen in der gedanklichen Umgestaltung der Gesellschaft, waren das Werk einzelner Bauernführer, die ihre Vorstellungen zwar zu Papier brachten, aber den Bauernversammlungen gar nicht zur Annahme als Programm vorlegten, ganz zu schweigen von den kommunistischen Vorstellungen eines Thomas Müntzer, der jedoch in der Tradition der mittelalterlichen Ketzerbewegung steht und insofern aus der Reihe fällt.
Die territoriale Zersplitterung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation brachte es mit sich, dass ein einheitliches Programm gar nicht entstehen konnte und jede Landschaft (die Bevölkerung eines Gebiets) ihre eigenen Beschwerden und Forderungen aufsetzte. Da war es bereits eine Leistung, dass die drei oberschwäbischen Haufen ihre Besonderheiten beiseite legten und sich auf die »Zwölf Artikel« von Memmingen einigten. Die wurden dann so oft auch in anderen Landesteilen zitiert und beansprucht, dass sie durchaus als »das Programm« der deutschen Bauern gelten können.
Gemessen an den vereinzelten kühnen Entwürfen waren die »Zwölf Artikel« überaus gemäßigt, ihre Forderungen wären selbst nach dem Urteil von Zeitgenossen durchaus erfüllbar gewesen. Darauf schauten die Äbte, Grafen und Landesfürsten aber nicht, ihnen kam es darauf an, in blinder Wut auch noch den geringsten Keim von bäuerlicher Selbstorganisation und Widerstand zu ersticken.
Und so kam es dazu, dass die meisten »Schlachten«, die geschlagen wurden, dem Wortsinne nach gar keine waren, weil die nur unbeholfen bewaffneten und vor allem im Kriegshandwerk gänzlich ungeschulten und undisziplinierten Bauernheere vor dem ersten Ansturm der Landsknechte auf der Gegenseite auf und davon liefen, obwohl sie meist in der Überzahl waren. Trotzdem wurden sie zu Zehntausenden abgeschlachtet, anders kann man das nicht ausdrücken.
Dieser Hang zum Massenmord aus Klassenhass hat seither die deutsche Geschichte mehr als jede andere geprägt – eine Blutspur, die sich durchzieht.
War deshalb alles umsonst gewesen? Nichts als Niederlage? Es scheint, dass es darauf keine einheitliche Antwort gibt. Viele Herren, die aus Angst vor der Wut der Bauern im ersten Moment Zugeständnisse gemacht hatten, widerriefen diese, kaum war die Gefahr gebannt und sie hatten wieder Oberwasser. Doch nicht alle handelten so, vom Markgrafen von Baden, aber auch von der Abtei Kempten wird berichtet, sie seien in mancherlei Hinsicht bei ihren Zusagen geblieben, nachdem sie sich wieder hatten Treue schwören lassen.
Sicher auch aus Eigeninteresse: Das Fehlen von hunderttausend Bauern wurde als Arbeitskräftemangel spürbar. Es wurden allerdings nur unmittelbare soziale Missstände aufgehoben; sämtliche Forderungen nach mehr Selbstverwaltung und Mitspracherecht wurden abgebügelt. Auch das ist ein Muster, das sich durch die deutsche Geschichte hindurchzieht, bis hin zum Verbot des politischen Streiks.
Der Bauernkrieg von 1525 fügte sich ein in die Serie von Aufständen und Reformansätzen, die das gesamte Hoch- und Spätmittelalter durchziehen, war deren Höhepunkt und Schlusspunkt. Danach hat es in Deutschland eine politische Bewegung des gesamten Bauernstandes nicht mehr gegeben.
Anfang des 16.Jahrhunderts stand die Bewegung unter den Bauern bereits unter dem Einfluss des aufstrebenden Bürgertums in den Städten, der Durchdringung der Wirtschaft mit Ware-Geld-Beziehungen, der fortschreitenden Unterwerfung auch der Landwirtschaft unter den Warenhandel und der Ablösung des alten germanischen Rechts durch das römische Recht. Wo diese Einflüsse am fortgeschrittensten waren, nämlich in Tirol, wurde auch am deutlichsten Front gemacht gegen den Wucher und die Kaufmannschaft.
Insofern waren die Bauernaufstände gerade nicht Aufstände, die das historische Interesse des Bürgertums gegen den überkommenen Feudaladel zum Ausdruck gebracht hätten – das trifft nur auf die zeitgleichen Erhebungen des städtischen Klein- und mittleren Bürgertums gegen das Patriziat zu, die allerdings nur sporadisch das Bündnis mit den Bauern suchten. Vielmehr wandten sich die Bauern im Namen des Alten Rechts gegen die Abschaffung dieses Rechts durch die aufkommenden Kapitalverhältnisse, die einhergingen mit der Enteignung und Entrechtung des Bauernstands.
Diese Prozesse sind uns wohlbekannt und bis auf den heutigen Tag am Werk – man denke nur an die Enteignung der indigenen Bauern und die Zerstörung von deren Kultur; oder an die Kämpfe der Landlosen und Kleinbauern in Indien oder Lateinamerika, was immer auch Prozesse von Kolonisierung waren und sind.
Schon damals haben die Bauern auf ihr Recht gepocht, das Land, das sie bebauten, auch ihr eigen nennen und vererben zu können und nicht zu rechtlosen Untertanen degradiert zu werden. Das Land sollte denen gehören, die es mit ihren eigenen Händen bearbeiten, nicht denen, die es nur kaufen und verkaufen – nicht der eingetragene Eigentumstitel war ihnen wichtig, sondern die freie Verfügung über die Früchte ihrer Arbeit. Daran können wir heute noch anknüpfen.
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