Reisebericht über Krieg und Verhandlungen
von Musa Kaplan
Unser Redakteur Musa Kaplan hat vom 1. bis 5.März im Rahmen einer humanitären Delegation Rojava besucht. Nachstehend sein Bericht.
Als Anfang des Jahres die Offensive gegen Rojava beginnt, habe ich Angst, dass dieser Krieg das Ende der Revolution in Nordostsyrien bedeutet. Dass die Selbstverwaltung jetzt endgültig verloren hat. Meine Genoss:innen und ich sind beinahe täglich auf der Straße, schlafen wenig und unterbrechen unseren Alltag, um in diesem entscheidenden Moment alles zu geben.
Der Krieg weicht neuen Verhandlungen, das Wort »Integration« ist in aller Munde und mich erreicht die Nachricht, dass ich als Journalist an einer humanitären Delegation nach Rojava teilnehmen kann. Ich kann es erst nicht glauben, bin total aufgeregt. Nachdem ich innerlich schon so verbunden mit den Menschen vor Ort bin, bekomme ich nun die Gelegenheit, erstmalig selber ins Herz der Revolution zu reisen und mir ein eigenes Bild zu machen! Als ich meinen Freunden von der Möglichkeit erzähle, geht ein Kribbeln durch meinen Bauch.
Eine Woche später starte ich mit dem ersten Teil der Delegation aus Köln per Direktflug nach Erbil (Kurdistan-Region Irak). Zwei Nächte warten wir hier auf den Rest der Gruppe, um Sonntag frühmorgens die Grenze nach Rojava zu überqueren. Doch gleich am ersten Morgen erreicht uns die Nachricht, dass die USA und Israel den Iran angegriffen haben.
Was unserer Einschätzung nach nur ein geringes Risiko während unserer Reise darstellte, wird über Nacht zu einem ausgewachsenen Krieg. Der Rest unserer Delegation kann nun nicht mehr zu uns stoßen, der Luftraum wird geschlossen. Nur eine Teilnehmerin bucht am Flughafen in Stuttgart kurzentschlossen um, fliegt über die Türkei und schlägt sich auf dem Landweg zur Grenze durch, um uns dort zu treffen.
Während wir nachmittags über den Basar bummeln, durchbricht ein plötzliches Donnergrollen den Himmel – gefolgt von einer dumpfen Detonation. Nach anfänglicher Irritation wird uns klar, dass das eine iranische Rakete gewesen sein muss, die auf die US-amerikanische Basis in der Nähe des Flughafens geschossen wurde. Bald darauf folgt eine zweite. In der Ferne steigt Rauch auf.
Während wir uns noch fragen, wie wir darauf reagieren sollen, setzen die Menschen um uns herum ihren Alltag fort. Es bleibt eine angespannte Stille. Alles ist nun etwas leiser und aufmerksamer, doch niemand unterbricht deswegen die Arbeit. Also setzen auch wir unseren Ausflug fort. Abends im Hotel besprechen wir uns kurz: Wir werden die Delegation wie geplant fortsetzen.
In Derik und dem Efrin-Dorf
Am nächsten Morgen fahren wir vorbei am Flughafen, von dem noch die Rauchwolken vom letzten Angriff aufsteigen. Wir überqueren den Grenzübergang am Fluss Tigris und kommen endlich in Rojava an. Dort steigen wir in zwei staubbedeckte, weiße Geländewagen und fahren weiter. Am Horizont zeichnen sich imposante Gebirgsketten ab, vor uns eine weitläufige Ebene. Aus dem Radio tönt kurdische Musik. Ein Gefühl der Freiheit macht sich in mir breit, als könnte ich endlich wieder klar denken. Wir fahren los Richtung Derik, wo wir unseren ersten Tag verbringen werden. In die Jahre gekommene Ölförderanlagen säumen die Straße. Sie stellen die Haupteinnahmequelle der Selbstverwaltung dar.
Bald erreichen wir unser erstes Ziel: eine mobile Klinik, die heute in einer Geflüchtetenunterkunft medizinische Versorgung anbietet. Die Klinik ist ein Projekt der Stiftung der Freien Frauen Syriens (WJAS). Sie besteht aus einem medizinischen Behandlungsraum im Innern eines ausgebauten Lasters. Dort erhalten die Patient:innen kostenlose medizinische Behandlung, ergänzt durch ein psychosoziales Beratungsgespräch.
Die Schlange ist lang. Mütter warten mit ihren Kindern auf dem Arm, umringt von weiteren, tobenden Kindern. Trotz Übersetzung fällt es mir schwer, in dieser chaotischen Situation den Berichten zu folgen, nicht zuletzt, weil ich meine Kamera zücke. Sofort umzingeln mich die aufgedrehten Kinder, strecken ihre Hände fordernd nach der Kamera aus und bitten mich, eigene Fotos machen zu dürfen. Zögernd fasse ich Vertrauen, gebe die Kamera aus der Hand.
Nach der Sprechstunde werden wir durch die Schule geführt. Seit der Offensive gegen Rojava sind Hunderttausende geflüchtet. Manche suchen Zuflucht bei Verwandten und Freunden, andere werden in Schulen, Moscheen und anderen öffentlichen Einrichtungen aufgenommen. Der Unterricht ist unterbrochen, die Klassenräume dienen nun als Notunterkunft. Eine Familie auf der linken Seite, eine auf der rechten, getrennt durch einen dünnen Vorhang. In der Mitte des Raums steht ein Ofen, an den Wänden lehnen Futons.
Als nächstes erwartet uns der offizielle Empfang bei den Ko-Vorsitzenden der Stadtverwaltung von Derik. Sie bedanken sich, dass wir trotz der angespannten und schwierigen Situation gekommen sind und uns auch vom Krieg nicht haben stoppen lassen. Sie berichten, dass die Versorgung der Geflüchteten aktuell ihre größte Herausforderung ist. In unserem Gespräch fühle ich, wie wichtig es ihnen ist, mit ihren Herausforderungen gesehen und gehört zu werden und uns ihre Geschichten erzählen zu können.
Gemeinsam mit ihnen besuchen wir das Efrin-Dorf. Dort leben Familien, die 2018 vor der Besatzung der Stadt Efrin durch türkische Milizen flohen. Es fehlt ihnen an einer stabilen Stromversorgung, wodurch auch der Zugang zu sauberem Wasser erschwert ist. Eine Dorfbewohnerin schildert uns ihre Lage: »Wir wissen nicht was morgen ist. Heute ist Frieden, vielleicht werden wir morgen wieder vertrieben. Sollen wir uns hier einrichten? Unsere Heimat ist Efrin und wir wollen zurück nach Hause!«
Die Menschen aus Efrin sind Olivenbauern, doch die türkische Besatzung hat viele Bäume gerodet. Der Boden in dieser Gegend ist zu steinig, das Klima ein anderes, zudem würde es Jahre dauern, bis die Bäume groß genug wären, um Früchte zu tragen. Zudem erhalten sie ständig Besuch von Delegationen, doch ihre Situation ändert sich nicht. Nach der anfänglichen Dankbarkeit über unser Kommen spüre ich jetzt die Grenzen unserer Arbeit.
Der Verlust der Freiheiten
In den nächsten Tagen haben wir einen vollen Terminkalender: Wir fahren weiter nach Qamislo, einer Millionenstadt direkt an der Grenze zur Türkei. Dort empfängt uns die Stiftung der freien Frauen Syriens (WJAS). Wir übergeben ihnen Spendengelder der Kinderhilfe Mesopotamien, mit denen die medizinische Versorgung Geflüchteter finanziert wird. Außerdem berichten sie über die Auswirkungen des Krieges auf ihre Arbeit. Ihre Ziel ist, die Autonomie von Frauen zu stärken, indem sie in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Wirtschaft Angebote schaffen.
WJAS ist Mitglied verschiedener Selbstverwaltungsstrukturen und beteiligt sich an der Formulierung und Umsetzung von Gesetzen, etwa dem Verbot von Kinderheirat. Die Frauen schildern uns, wie tief die ideologischen Gegensätze zwischen der jihadistischen Übergangsregierung und dem Projekt der Selbstverwaltung sind. In den verlorenen arabisch-geprägten Gebieten werden jetzt Burkas verteilt. Die Frauen, die nicht geflohen sind, müssen ihre Arbeit in der Stiftung beenden. Ihre Räume wurden zerstört und geplündert – nun benutzen die Jihadisten sie als militärische Büros.
Der Krieg gegen die Selbstverwaltung ist nicht zuletzt ein Krieg gegen die Frauenbefreiung und den ethnischen und religiösen Pluralismus. Seit dem Abkommen befindet sich die Gesellschaft von Rojava in einer Zerreißprobe: Intern ist ein enormer Zusammenhalt spürbar, doch der Schmerz über den Verlust der errungenen Freiheiten wiegt schwer. Es sind vor allem Frauen, die uns davon berichten.
Etwa Berivan Omar, die Ko-Vorsitzende der Stadtverwaltung von Qamislo. Für sie steht viel auf dem Spiel, nicht zuletzt der Posten, den sie mit einem männlichen Vertreter der assyrischen Suryoye gemeinsam besetzt. Sollte das Prinzip des Ko-Vorsitzes keinen Platz in dem Abkommen finden, wäre das ein Angriff auf eine der Kernerrungenschaften der kurdischen Freiheitsbewegung in Rojava. Auf die Frage, wie sie das Abkommen bewertet, antwortet sie: »Es wird sich zeigen, ob wir zu viele Zugeständnisse gemacht haben.«
Die Verhandlungen
Unser letzter Empfang führt uns zu Sarya Afrin, einer Kommandantin der YPJ. Die Frauenverteidigungseinheiten sind ein Symbol des Widerstands. Die Bilder der YPJ-Kämpferinnen, die den IS besiegten, gingen um die Welt. Meine Ehrfurcht vor ihnen ist groß, doch schnell wird mir die Menschlichkeit der Frauen bewusst.
Sarya Afrin berichtet uns von der schwierigen Situation, in der sie sich befinden, von dem Krieg mit den Jihadisten und vom Kampf gegen ihre harte, patriarchale Mentalität. In unserem Gespräch kommen ihr die Tränen: »Es kann sein, dass Menschen aus Freude weinen, nicht nur aus Schmerz, das gehört dazu.« Sie erzählt, dass bei den Verhandlungen mit den Jihadisten auch zwei Frauen anwesend waren, um Protokoll zu schreiben, und nimmt es mit Humor: »Für die Jihadisten ist auch das schon ein Fortschritt, und das heißt, wir können sie verändern.«
Die Verhandlungen mit der Übergangsregierung sind bisher der schwerste Kampf für sie: »Zu wissen, sie haben meine Freunde ermordet, und mit ihrer ganzen Haltung sagen sie mir, wir sind stark, du bist klein. Aber ich muss mit ihnen zusammen sitzen, um unsere Bevölkerung und unsere Errungenschaften zu verteidigen. Es war für mich nicht so schwer, als wir im Krieg waren. Jetzt muss ich zehnmal mehr mit mir kämpfen, um ruhig und geduldig zu bleiben und unsere Ziele zu erreichen. Sie schauen uns an, als wären wir nichts. Aber wir sind dickköpfig. Wir sagen, es gibt uns, das müsst ihr akzeptieren.«
Nach vier Tagen endet unsere Reise. Der Krieg gegen den Iran droht weiter zu eskalieren, auch Syrien, der Irak und die Türkei geraten nun in die Schusslinie, und unsere Gruppe beschließt, den Rückweg anzutreten. Mittags überqueren wir erneut den Tigris, es ist ein Abschied mit unsicherer Perspektive.
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