Gas und Sprit weder billig noch sicher
von Wolfgang Pomrehn
Trumps und Netanyahus Krieg in Westasien verursacht nicht nur unendliches Leid. Bis zu einer Million Libanesinnen und Libanesen, 20 Prozent der Bevölkerung, mussten bereits vor der massiven Gewalt fliehen, heißt es bei der UNO-Flüchtlingshilfe. 280.000 Kinder seien von der Eskalation betroffen. Angst und Verlust würden ihren Alltag bestimmen. In Iran waren nach knapp drei Wochen Krieg drei Millionen Menschen auf der Flucht.
Der Krieg schüttelt auch die Weltwirtschaft durch und treibt die Weltmarktpreise für Rohöl und Erdgas in die Höhe. Zu leiden haben im besonderen Maße asiatische Länder, die hochgradig von den Golfanrainern und dem Transport durch die Straße von Hormus abhängen. Vor ein paar Jahren hatte Druck aus den USA den Bau einer Gaspipeline verhindert, über die Indien aus dem Iran hätte versorgt werden sollen.
Auch in der EU sind die ersten Folgen zu spüren, wenn auch im geringeren Maße. Bis Redaktionsschluss war in Europa das Erdgas im Großhandel um 60 Prozent teurer geworden. Ein gutes Geschäft, nicht zuletzt für die US-amerikanischen Flüssiggas- oder LNG-Exporteure, von denen man sich zunehmend abhängig macht. 2025 wurden rund zehn Prozent der deutschen Gasimporte als LNG an den neuen Terminals angelandet. Belgien lieferte weitere 21 Prozent aus seinen LNG-Terminals, wie viel davon aus den USA kam, wurde nicht erfasst.
Die deutschen Terminals wurden jedenfalls fast ausschließlich für die Einfuhr von US-Gas genutzt, ergab eine Analyse der Deutschen Umwelthilfe. Dies wird übrigens durchschnittlich zu 76 Prozent durch sogenanntes Fracking gewonnen, wogegen sich in den USA seit Jahren erheblicher Protest regt. Denn der Prozess belastet nicht nur Grundwasser und Umwelt in der Nachbarschaft der mehreren hunderttausend Pumpen. Bei Förderung und Transport entweicht auch Methan, Hauptbestandteil des Erdgases und zugleich ein hochwirksames Klimagas, das den Treibhauseffekt verstärkt.
Derweil kann man auf den hiesigen Tankstellen dem Spritpreis beim Klettern zuschauen. Die europäische Standardsorte Brent kostete bei Redaktionsschluss umgerechnet gut 99 Euro pro Fass; vor dem Überfall auf den Iran waren es 61 Euro gewesen. Verbraucherinnen und Verbraucher stöhnen, doch die Energiekonzerne streichen prächtige Extraprofite ein. Entsprechend schießen ihre Aktienkurse in die Höhe, und für Deutschland schätzt Greenpeace den zusätzlichen täglichen Gewinn der Mineralölkonzerne auf 21 Millionen Euro, indem auf die Preise an der Zapfsäule ein kleiner Aufschlag über die Mehrkosten hinaus erfolgt.
Geht es eigentlich noch deutlicher? Für die fortgesetzte, das Klima zerstörende fossile Knechtschaft, in die uns Bundesregierung und die unheilige Dreieinigkeit aus Chemie-, Auto- und Energiekonzernen zwingen, müssen wir teuer bezahlen. Die Bundesregierung ist nicht einmal bereit, die Extraprofite, die sogenannten Übergewinne, abzuschöpfen, die die Krisengewinnler an den Zapfsäulen kassieren. Statt Erdgas zu sparen und es vor allem für die Kunstdüngerproduktion einzusetzen, der im Zuge der Verknappung sich ebenfalls erheblich verteuern wird, wird es für Plastik verschwendet, und soll noch möglichst lange in Gaskraftwerken und Heizungen verpulvert werden. Gashandel ist eben ein gutes Geschäft, und mit Verbrennern ist mehr Geld zu verdienen als mit Elektroautos oder gar Bussen und Zügen für Bahn und ÖPNV.
Dabei könnte alles so einfach sein, wenn die Wirtschaft sich nicht um den Profit drehen würde, wenn es um Gemeinwohl ginge und Güter nach Gebrauchs- und nicht nach Marktwert produziert würden. Der Verkehr würde zügig elektrifiziert und im viel größerem Umfang auf die Schiene gesetzt, das Neun-Euro-Ticket käme wieder und der ÖPNV würde in Stadt und Land bedarfsgerecht ausgebaut. Heizen könnte man größeren Teils mit Fern- und Nahwärmenetzen, wie es Dänemark schon seit mehr als zwanzig Jahren vormacht, und die Energie ließe sich aus Ab-, Erd- und Sonnenwärme sowie aus einigen mit Biogas betriebenen Heizkraftwerken gewinnen.
Das ganze möglichst dezentral organisiert wäre zugleich ein Jobmotor, ebenso wie die Bus- und Bahnproduktion sowie der weitere Ausbau von Solar- und Windenergie. Das Stromnetz zu 100 Prozent auf Erneuerbare umzustellen ist zugegebenermaßen nicht ganz trivial, aber ein Anfang wäre, die Monopolgewinne der Höchstspannungsnetze von sechs Prozent und mehr nicht mehr in private Taschen fließen zu lassen, sondern sie in die Forschung und Entwicklung für das Stromnetz der Zukunft zu stecken.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren