Die Welt steht in Flammen – buchstäblich
von Angela Klein
Der Krieg gegen den Iran ist mit der Bombardierung der iranischen Ölfelder und Irans Vergeltungsschlag gegen ein zentrales Erdgasfeld in Qatar in eine neue Phase getreten.
Im Juni 2025 hatte Israel schon einmal versucht, mit Attentaten, Cyberangriffen und Angriffen der Luftwaffe die iranische Führung zu enthaupten und Staatsstrukturen zu zerstören, um den Weg frei zu machen für einen regime change. Die Zerstörung der iranischen Atomanlagen war dabei nur der Vorwand, nicht das Hauptziel. Die israelische Regierung ging davon aus, das Mullah-Regime werde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen und war demzufolge nicht auf einen langen Krieg eingestellt. Nach zwölf Tagen hörten die Kampfhandlungen auf.
Anfang März dieses Jahres hat Netanyahu zum zweiten Mal versucht, Ali Khamenei zu ermorden – diesmal mit direkter US-Unterstützung und mit Erfolg. Der iranische Staat ist deswegen dennoch nicht zusammengebrochen. Und seine Verteidigungsstrategie – nämlich die Golfstaaten in den Krieg einzubeziehen, die Straße von Hormus faktisch zu schließen und der Weltwirtschaft einen wichtigen Lebensnerv zu durchtrennen – verspricht auch diesmal, dass die Hoffnung scheitern wird, mit kurzen »chirurgischen« Schlägen ein Regime zu Fall bringen zu können.
Die israelische Führung hat daher am 8.März die Initiative zu einer weiteren Eskalation ergriffen, indem es das iranische Ölfeld South Pars bombardiert hat, woraufhin der Iran die weltweit größte Flüssiggasanlage in Qatar angegriffen hat. Angeblich handelte Israel in Absprache mit der US-Regierung. Trump hat dies zunächst von sich gewiesen, Beamte des Weißen Hauses haben jedoch bestätigt, dass sie davon wussten, die USA seien allerdings nicht aktiv beteiligt gewesen. Der rasende US-Kriegsminister Pete Hegseth hat erklärt, die beiden Partner agierten zusammen, auch wenn sie unterschiedliche Ziele verfolgten, »sie verfolgen ihre, wir bleiben bei unseren«.
Trump hat sich mittlerweile Israels Forderung nach Regime change angeschlossen und ausdrücklich erklärt, sein Ziel sei nicht ein Waffenstillstand mit Iran. Israel will mehr, nämlich die Zerstückelung des Iran. Dass die US-Regierung Israel erlaubt, seine eigenen Ziel durchzusetzen, ist ein Blankoscheck dafür, die Region in Brand zu setzen.
Der entstandene Schaden hat den Ölpreis erneut nach oben getrieben, der Preis für europäisches Gas ist um 30 Cent gestiegen. Man geht davon aus, dass es drei bis fünf Jahre brauchen wird, bis Katar die Gasförderung auf dem Feld Ras Laffan wieder normal aufnehmen kann. Für den weltweit zweigrößten Hersteller von LNG ist das ein worst case.
Das ist nicht alles. Die Zahl der Schiffspassagen durch den Golf ist durch den Krieg um 96 Prozent gefallen, 22 Schiffe wurden havariert, 3200 stecken fest. Einige Versicherungsgesellschaften haben mit Verweis auf »höhere Gewalt« ihre Verträge gekündigt und fordern einen hohen Aufpreis, mit der Folge, dass viele Schifffahrtsgesellschaften nicht bereit sind, diese Preise zu zahlen und sich nicht trauen, ohne militärische Eskorte durch den Golf zu fahren.
Die Schifffahrt aber ist das Rückgrat der Weltwirtschaft, nicht nur wegen Öl und Gas, sondern auch wegen Produkten der Petrochemie wie Düngemitteln u.a. Über kurz oder lang schlagen sich die erhöhten Energiepreise auch bei den Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern des täglichen Bedarfs nieder.
Trump steht unter Druck, die Straße von Hormus offen zu halten, will er nicht eine schwere Weltwirtschaftskrise riskieren. Was soll das anderes heißen als eine weitere Eskalation?
Sie ist bereits unterwegs: Das Pentagon hat drei Kriegsschiffe mit 4500 Marines und Seeleuten losgeschickt, sie sollen in drei bis vier Wochen im Golf sein. Es handelt sich um amphibische Angriffsschiffe, die Soldaten von See an Land bringen.
Das bedeutet mindestens eine Besetzung der Insel Kharg. Kharg ist das wichtigste Exportterminal des iranischen Ölsektors, etwa 90 Prozent der iranischen Erdölausfuhren werden über die Insel abgewickelt. Das ist der Lebensnerv der iranischen Wirtschaft.
Die Landung der US-Marines an der Südküste Irans könnte Israel dazu ermuntern, noch weiter zu gehen und Atombomben abzufeuern, in der Hoffnung, dem Regime endgültig den Garaus zu machen. Vor dieser Möglichkeit warnt jedenfalls laut Financial Times (FT) vom 19.März Trumps KI-Berater David Sacks und regt an, der Präsident solle dem zuvorkommen, indem er selber einen regime change durchsetzt, seinen Sieg erklärt und sich dann aus dem Staub macht.
Auf dieses Szenario hat China ungewöhnlich scharf reagiert mit der offiziösen Stellungnahme des Vizepräsidenten des Chinesischen Instituts für China und Globalisierung, Victor Gao. Dieser wird von derselben Ausgabe der FT mit den Worten zitiert, der Einsatz von Atomwaffen durch Israel werde »eine Explosion des Atomwaffeneinsatzes im Mittleren Osten« nach sich ziehen, Hunderte Millionen Tote zur Folge haben und die gesamte Region unbewohnbar machen.
Das wäre der Weltenbrand, auf den Netanyahu seit Jahrzehnten hinarbeitet – und er kann dies tun, weil ihm die USA und wichtige EU-Staaten wie Deutschland dafür freie Bahn lassen.
Denn Israel darf nicht nur in Gaza und im Westjordanland die Existenz des palästinensischen Volkes auslöschen und sich dessen Eigentum einverleiben, Israel darf im Iran auch seriellen Mord an politischen, militärischen und religiösen Führern begehen, ohne dass der »westlichen Wertegemeinschaft« dies eine politische Reaktion wert ist. Israel darf den Libanon bombardieren, ihn besetzen und die Einwohner seiner Hauptstadt verjagen. Wenn jedoch Russland mit der Ukraine dasselbe tut, bekommen die Massenmedien und die politisch Verantwortlichen in großen Teilen Europas Schaum vor den Mund, sparen nicht mit Genozidvorwürfen und fordern offen einen Regimewechsel im »Reich des Bösen«.
Den USA wird hingegen kein Bruch des Völkerrechts vorgeworfen, statt dessen wird der diktatorische und vor allem frauenfeindliche Charakter des Mullah-Regimes betont, so als sei der Krieg die gerechte Strafe dafür und damit legitim.
Eine Verherrlichung des Mullah-Regimes als »Achse des Widerstands« andererseits ist angesichts der Brutalität, mit der Massenproteste blutig unterdrückt werden, völlig fehl am Platz. Linke kämpfen nicht nur gegen etwas, sie kämpfen auch für etwas – und sicher nicht für ein autoritär-theokratisches Regime. Im Iran stehen wir selbstverständlich auf der Seite der demokratischen und sozialen Opposition – und nicht auf der Seite der Schah-Leute oder der Volksmujaheddin, die nur eine blutige Diktatur gegen eine andere austauschen würden.
Gerade der Iran aber ist ein Beispiel dafür, dass der Versuch, ein diktatorisches Regime gewaltsam von außen zu beseitigen, nicht zu mehr Freiheiten im Innern führt, sondern zu noch mehr Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend. Der Standpunkt »Ich nehme mir das Recht heraus zu bestimmen, welches Land welche Regierung haben darf, damit die Welt sich nach meinem Willen dreht« bedeutet nichts anderes als die Ersetzung des Völkerrechts durch den Krieg aller gegen alle.
Es gibt, wie es scheint, nur einen Weg, einen Weltenbrand noch aufzuhalten: Das ist Massenopposition in den USA und in der EU nach dem Vorbild der Proteste gegen den Vietnamkrieg.
»Gegen den Krieg« ist mehr als Ablehnung der Kriegsdienstpflicht. Es ist auch mehr als jetzt den Staat anzurufen, dass er uns vor überhöhten Energiepreisen schützt. Würde Deutschland nicht die Air Base in Ramstein zur Verfügung gestellt haben (und Großbritannien die Insel Zypern), wäre dieser Krieg nicht möglich gewesen.
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