Lisa Wölfl: Ein verlassenes Haus. Wien: Kremayr & Scheriau, 2026. 240 S., 25 Euro
von Gerhard Klas
Die Mittvierzigerin Sonja wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Mietwohnung einer österreichischen Kleinstadt. Sie leben von der Hand in den Mund, hatten nie Gelegenheit, Vermögen zu bilden. Jede Rechnung im Briefkasten erschüttert die Familie.
Die Eingangsszene: Der Fernseher läuft, ein Politiker tritt auf. »Der Minister für Wirtschaft und Arbeit sagt, ich bin ein faules Stück Scheiße. Er spuckt mir ins Gesicht«, lässt Wölfl ihre Protagonistin laut denken. Tatsächlich kümmert sich Sonja um den Haushalt und die Kinder, eines davon ist schwer an Diabetes erkrankt. Sie arbeitet außerdem im Bio-Laden, wo sie besser situierten Kund:innen teure Tees verkauft. Ihr Mann schuftet als Leiharbeiter am Bau. Sonjas innere Monologe prägen den Roman – lakonisch, melancholisch, verzweifelt.
Sonja ist als Hausfrau, Mutter und Geldverdienerin überfordert. Sie spürt ihr Alter. Aber sie muss weiter funktionieren, kann sich nicht mit einem Burnout krankschreiben lassen. Zigarettenpausen sind eine der wenigen Gelegenheiten durchzuatmen. Im Bioladen wird ihr das zum Verhängnis und sie verliert ihren Job. Ihr Mann fährt jetzt abends noch Taxi. Sonja findet schließlich einen Job, den sie ohne Vorkenntnisse von zu Hause aus machen kann – mit einem Fakeprofil als schöne, junge Studentin, die mit nichtsahnenden Männern auf einer Datingplattform chattet.
Die neue Arbeit, die nicht enden wollende wirtschaftliche Not, die immer schlimmer werdenden Rückenschmerzen ihres Mannes, die er nur mit Schmerzmitteln und Alkohol erträgt, zerstören schließlich die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Sonja schlittert in eine tiefe Krise.
Wölfls Debütroman ist ein wichtiges Werk der Gegenwartsliteratur, das die alltägliche Gewalt der Verhältnisse beschreibt und den Versuch, nicht darin unterzugehen. Es ist ein Buch über die Sehnsucht einer Frau, die mit Hilfe einer fiktiven Identität eine neue Freiheit zu finden glaubt, während ihre reale Welt zu einem Albtraum wird.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren